• Marion, Leseleiter

Vorlesen ohne Ende


Dass man mit dem Vorlesen nicht früh genug beginnen kann, ist bekannt. Weshalb man damit nicht zu früh wieder aufhören sollte, erklärt Marion von Leseleiter in ihrem Gastbeitrag zur Blogparade #vorlesefieber. Ausserdem findet ihr am Ende ein paar tolle Buchtipps für ältere Bücherwürmer und einen Überblick über die bisher eingegangenen Beiträge zur Blogparade.

Mehr zum Buchstart mit zahlreichen Vorlesetipps und Buchtipps für die Kleinen findet ihr im Beitrag "Früh übt sich, was ein Bücherwurm werden will". Aber jetzt sind die grösseren Kinder und Marion dran!

Vom richtigen Zeitpunkt

Für viele Eltern gehört Vorlesen zu einem der wichtigsten Rituale, besonders die Gutenachtgeschichte ist aus dem Familienalltag oft nicht mehr wegzudenken. Die Vorlesestudie 2017 von Stiftung Lesen, DIE ZEIT und Deutsche Bahn Stiftung zeigt aber auch, dass bei den Eltern einige Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Vorlesen bestehen. Viele von ihnen beginnen ihren Kindern erst mit drei Jahren vorzulesen, vorher, so eine häufig geäusserte Meinung, können sich die Kinder noch zu wenig konzentrieren oder es fehlt ihnen der nötige Wortschatz zum Verständnis der Geschichten. Richtig ist aber das Gegenteil: Das Vorlesen fördert diese Fähigkeiten erst, ein Kind muss weder sprechen noch sich über längere Zeit konzentrieren können, um vorgelesen zu bekommen. Man kann also mit dem Vorlesen nicht früh genug beginnen, es kommt nur auf die richtige Auswahl der Bücher an.

Früh anfangen und nicht mehr damit aufhören

Was die Studie auch noch zeigt, und diesem Ergebnis möchte ich meinen Blogbeitrag widmen: Viele Eltern fangen nicht nur zu spät mit dem Vorlesen an – sie hören oft auch viel zu früh wieder damit auf! Diese Erfahrung habe ich in meinem privaten Umfeld und bei Elternbildungen häufig gemacht: Kaum sind die Kinder in der Schule, verschwindet das Vorleseritual aus dem Familienalltag. Die Gründe dafür ähneln sich: Eltern sind der Meinung, dass Kinder mit dem Schuleintritt die Rollen tauschen und den Eltern vorlesen sollten – so können sie die Lesefähigkeit zusätzlich trainieren.

Andere Eltern haben Angst, nicht genug gut vorlesen zu können und sich vor den Kindern zu blamieren. Auch die Zeitnot wird häufig als Argument aufgeführt, mit dem Vorlesen aufzuhören.

Eltern, bei denen Deutsch nicht die Muttersprache ist, haben zudem häufig Angst, ihren Kindern zu schaden, wenn sie in der Muttersprache vorlesen oder fürchten sich, ihr Deutsch sei zu schlecht, um vorlesen zu können.

Mit Vorlesen die Lesefreude fördern

Es ist jedoch so, dass beim Eintritt in die Schule das Lesen eine ganz neue Rolle bekommt: Es wird zum Schulfach, zur Pflicht, später einmal gibt es dafür auch Noten. Umso wichtiger ist es deshalb gerade in der Anfangszeit, dass Eltern ihre Kinder unterstützen, ihnen die Freude am Lesen, an Geschichten, ans Eintauchen in fremde Welten, vermitteln und aufrechterhalten können. Der Familienalltag mit Büchern soll für die Kinder ein Ort zum Entspannen, eine Zeit gemeinsam verbrachter Zeit mit den Eltern sein, ein Ort, wo sie sich wohlfühlen.

Deshalb sollen und dürfen Eltern auch in ihrer Muttersprache vorlesen, weil sich die Kinder darin zu Hause fühlen, das Vorgelesene verstehen und geniessen können. Das gilt auch für Schweizerdeutsch, auch hier bin ich der Meinung, dass es kein Alter gibt, in welchem die Kinder zu gross sind, schweizerdeutsch vorgelesen zu bekommen.

Was die Fähigkeiten als Vorleser betrifft: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen! Also keine Angst, man könnte sich blamieren, denn man wächst ja auch in diese Rolle hinein und Kinder freuen sich, wenn ihnen überhaupt jemand vorliest. Sie nehmen jeden Vorleser (und gerade von den männlichen Exemplaren gibt es leider viel zu wenige) und jede Vorleserin so, wie er oder sie ist.

Das Fazit

Über das Vorlesen gäbe es noch jede Menge zu schreiben und erzählen. Das Wichtigste, was ich vermitteln möchte: Man kann nie früh genug mit Vorlesen beginnen und Kinder sind auch nie zu gross für dieses wunderbare Ritual. Ich habe noch keinen Menschen getroffen, der nicht gerne Geschichten erzählt und vorgelesen bekommt!

Buchtipps zum Schluss

Zum Schluss habe ich natürlich auch noch drei Vorlesetipps für grössere Kinder mitgebracht. Es sind Bücher, die man zwar auch selber lesen kann, die aber so vielfältig, spannend und abenteuerlich sind, dass sie wie gemacht sind zum Vorlesen.

Und das sind sie:

Frida Nilsson: Siri und die Eismeerpiraten. Gerstenberg, 2018

Siris Schwester Miki wurde von Weishaupt, dem berüchtigten Piratenkapitän entführt. Er lässt kleine Kinder für sich in einer Diamantenmine schuften, bis sie zugrunde gehen; kein Kind ist vor ihm sicher. Und niemand von den Erwachsenen traut sich, gegen den Piratenkapitän anzutreten, Siris Vater ist zu alt dafür. Deshalb macht sich Siri ganz alleine auf den Weg, Weishaupt das Handwerk zu legen....

Ein spannendes Vorlesebuch im Stile von Astrid Lindgren, für Kinder ab 9 Jahren.

Davide Morosinotto: Die Mississippi-Bande. Thienemann, 2018

Davide Morosinotto ist in Italien ein populärer Kinderbuchautor. Auf dem deutschen Buchmarkt ist er noch ein Neuling. Doch diese Geschichte hat alles, was ein tolles Kinderbuch ausmacht: Spannung, Action, interessante Hauptfiguren und jede Menge zwielichtiger Gestalten. Erzählt wird die Geschichte, die um 1900 in Amerika spielt, abwechselnd von den Hauptfiguren, vier Kindern. Diese finden eines Tages beim Angeln eine Blechbüchse mit 3 Dollar. Das ist der Beginn eines unglaublichen Abenteuers....

Ein tolles Vorlesebuch für Kinder ab 9 Jahren.

Gitty Daneshvari: Der Club der unsichtbaren Spione. CBJ, 2017

Jonathan und Shelly sind zwei total durchschnittliche Kinder. So durchschnittlich, dass die meisten Mitschüler nicht einmal wüssten, dass sie mit den beiden zur Schule gehen. Sie haben durchschnittliche Noten, durchschnittliche Hobbies und auch ihre Familien sind totaler Durchschnitt.

Genau diese Durchschnittlichkeit macht Jonathan und Shelly zu den perfekten Agenten für den 'Club der unsichtbaren Spione'! Sie erhalten von der geheimnisvollen Organisation den Auftrag, einen rätselhaften Entführungsfall zu lösen - und dabei steht nichts weniger als das Wohl des ganzen Landes auf dem Spiel! Ob ausgerechnet zwei durchschnittliche Kinder wie Shelly und Jonathan dazu in der Lage sind?

Ein tolles Vorlesebuch mit liebenswerten Antihelden als Hauptfiguren, geschrieben mit viel Humor!

Und wenn die Kinder nach einem Band Lust auf mehr haben, gibt es auch eine Fortsetzung- vielleicht zum Selber lesen....

Wer gerne regelmässig mit Buchtipps versorgt werden möchte, massgeschneidert auf die eigenen Kinder, und dazu jeden Monat einen Newsletter zu wechselnden Themen erhalten will, der schaut sich am besten mein Bücherkiste-Angebot auf www.leseleiter.ch an! Zudem gibt es auf dem Leseleiter-Blog jede Woche in der Büchervitrine einen Buchtipp von mir.

Herzlichen Dank, Marion, für diesen tollen Gastbeitrag mit einem starken Plädoyer für ein "Vorlesen ohne Ende"!

Marion Arnold ist gelernte Buchhändlerin und arbeitet seit 17 Jahren im Kinderbuchladen in Zürich. Daneben absolviert sie eine Weiterbildung zur Lese- und Literaturpädagogin. Mit Mann, zwei Kindern und zwei Meerschweinchen lebt sie in Zürich.

2016 hat sie sich ausserdem mit dem Projekt Leseleiter selbständig gemacht: Dort bietet sie Workshops, Kurse und weitere Angebote rund ums Thema Leseförderung an, für Schulklassen, Eltern, Pädagogen und Bibliothekarinnen.

Das #vorlesefieber greift um sich

13 Blogs (abgesehen von mir selbst) haben schon teilgenommen! Wow, ein echter Erfolg, findet ihr auch? Ich bin jedenfalls begeistert von der Anzahl und der Vielfalt der bisherigen Beiträge zur Blogparade #vorlesefieber. Von Tipps zum Vorlesen, über konkrete Buchtipps, bis hin zur Kombination des Vorlesens mit Themen wie Ausflügen, Festen, Integration und Hochsensibilität ist alles dabei.

Schaut euch doch auch mal um bei folgenden Blogs:

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