• Eliane Fischer

Zwischen den Welten


Im Roman "Die Nacht von Lissabon" führt uns Erich Maria Remarque mitten in den Zweiten Weltkrieg und zeigt damit, wie es ist, wenn ein gültiger Pass mehr zählt als ein Mensch. Eine eindringliche Erzählung, die nichts an trauriger Aktualität eingebüsst hat.

"Die Nacht von Lissabon" erschien erstmals 1962 und wurde seither immer wieder neu aufgelegt. Diese Ausgabe von 2017 hat Thomas F. Schneider, Leiter des Erich Maria Remarque-Friedenszentrums an der Universität Osnabrück, herausgegeben und mit einem sehr spannenden Nachwort versehen. Diesem Nachwort entnehmen wir zum Beispiel, dass Remarque der Ansicht war, dass Deutschland seine Vergangenheit rund 20 Jahre nach dem Krieg noch nicht genügend aufgearbeitet habe. Sein Werk ist also als ein Versuch, das Geschehene zu erzählen, zu erinnern und damit einen Beitrag zu einer humaneren Zukunft zu leisten. Leider sind wir global gesehen noch nicht in dieser humaneren Zukunft angekommen und auch hierzulande gibt es immer wieder Rückschläge. Deshalb ist der bald 60 Jahre alte Roman aktueller und lesenswerter denn je!

Aber nun zum Inhalt:

Unerreichbare Rettung

Wart ihr schon einmal in Lissabon? Auch wenn man heute an den Ufern des Tejo steht, spürt man diesen Sog in Richtung Westen und die Hoffnung, die mit einer Reise über den Atlantik verbunden sein kann. So wie sie vielleicht einst die Seefahrer oder 1942 der Ich-Erzähler von "Die Nacht von Lissabon" empfunden haben. Der deutsche Emigrant betrachtet in einer Juni-Nacht sehnsüchtig das Schiff, das am Quai des Tejo vor Anker liegt und am folgenden Tag die Passage nach Amerika, in die Freiheit, fort von den Nazis, weg von Krieg und Verfolgung antreten soll. Das Schiff, das die Rettung für den geflüchteten Ich-Erzähler und seine Frau bedeuten würde, so nah und doch so unerreichbar.

Denn der Ich-Erzähler hat sein letztes Geld im Kasino verspielt, hat kein Ticket für das Schiff und schon gar kein Visum für Amerika. Am Quai trifft er nun aber auf Josef Schwarz, ebenfalls ein Verfolgter des Naziregimes, aber im Unterschied zum Ich-Erzähler mit zwei Schiffstickets und zwei Visa in der Tasche. Und Schwarz macht dem Erzähler ein Angebot: Er überlässt ihm die Tickets und die Visa unter der Bedingung, dass er dem Unbekannten in der Nacht seine Lebensgeschichte erzählen darf. Es ist die Geschichte von Josef Schwarz (eigentlich Josef Baumann) und seiner gerade verstorbenen Frau Helen Baumann. Der Ich-Erzähler nimmt das Angebot an und so stürzen wir mitten hinein in die Geschehnisse rund um das Kriegsjahr 1942, das Leben im Exil, das Leben auf der Flucht und hinein in die Liebesgeschichte von Josef und Helen.

Zwischen Krieg und Frieden

Das ganze Buch spielt sich zwischen den Welten ab: Zwischen Krieg und Frieden, zwischen Leben und Tod, zwischen Tag und Nacht, zwischen Liebe und Hass, zwischen Verfolgung und Entkommen, zwischen Heimat und Exil, zwischen Glück und Pech, zwischen Gesundheit und Krankheit, zwischen Vernunft und Traum. Kein Wunder, werden wir als LeserInnen so richtig durchgeschüttelt, hin- und hergezogen, schöpfen Hoffnung und sind dann wieder fassungslos ob der Tatsache, dass solche Unmenschlichkeiten, ja ein solches Grauen wie im Zweiten Weltkrieg möglich waren (sind).

"Der Mensch war um diese Zeit nichts mehr; ein gültiger Pass alles." (S. 8)

Der Ich-Erzähler ist praktisch nur ein erzählerischer Kniff von Remarque, denn er tritt kaum selbst in Erscheinung. Wir erfahren sehr wenig von ihm (einige gestrichene Passagen finden sich im Anhang des Buches). Aber wir hören gewissermassen mit seinen Ohren die Geschichte von Schwarz' Flucht und Leben im Exil, immer mit dem Ziel Lissabon - und dann Amerika - und immer in der Hoffnung auf ein gemeinsames Leben mit seiner Helen. Das klingt jetzt etwas schwülstig, ist es aber bei Remarque gar nicht. Nicht vor dem traurigen Kriegshintergrund und auch nicht, weil Remarque den Tod von Helen an den Anfang der Geschichte stellt. Der Sinn von Schwarz' "Lebensbeichte" ist, dass er seine Geschichte und die Erinnerung an seine Frau weitergeben möchte, damit sie in einer anderen Person weiterleben können, zumindest solange diese lebt. Denn er - Josef Schwarz, geboren als Josef Baumann - hat sich längst verloren, hat einen Teil seiner Identität mit seinem echten Pass weggegeben. Teile einer anderen Identität haben sich mit dem gefälschten Pass von Josef Schwarz auf ihn übertragen und die äusseren Umstände haben ihn zu Taten und Verhaltensweisen gezwungen, die er so nie für möglich gehalten hätte.

Das Buch hallt lange nach mit seinen Fragen danach, was Identität ausmacht, wie wir uns selbst sehen, wie andere uns erinnern und wo wir noch Halt finden, wo sich unsere wahre Persönlichkeit versteckt, wenn alles um uns herum aus den Fugen gerät.

Es sind Sätze wie dieser von Schwarz über seine Zeit im Pariser Exil im Herbst1938, die einschlagen wie eine Bombe und deren Splitter wir erst nach und nach wieder aus dem Fleisch ziehen oder die sogar für immer stecken bleiben:

"Die Kastanien blühten sogar zum zweitenmal in Paris, erinnern Sie sich? Ich wurde so leichtsinnig, dass ich mich wie ein Mensch fühlte und mich leider auch so benahm." (S. 18)

Fazit

"Die Nacht von Lissabon" war mein dritter Antikriegsroman von Erich Maria Remarque nach den obligaten "Im Westen nichts Neues" und "Der Weg zurück". Letztere haben mich beim Lesen noch mehr beeindruckt, mehr mitgerissen, mehr mitleiden lassen. Dieser Roman ist dafür sprachlich einfacher - wenn auch nicht unbedingt besser - und wirkt ebenso lange nach. Er ist ebenfalls sehr lesenswert und ich werde mir bei Gelegenheit sicher weitere Bücher von Remarque vornehmen.

Die Fakten

Die Nacht von Lissabon

Erich Maria Remarque

KiWi Verlag

384 Seiten

Erschienen am 09.11.2017 (Erstausgabe 1962)

ISBN: 978-3-462-31752-7

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