• Eliane Fischer

Der blaue Engel


In seinem Roman "Im Licht der Zeit" erzählt Edgar Rai die unglaubliche Geschichte eines der ersten grossen Tonfilme Deutschlands und damit vom grossen Durchbruch der Marlene Dietrich. Ein Buchtipp für das nächste verregnete Wochenende!

Edgar Rai hat sich mit diesem Buch den Anfängen von Marlene Dietrich als Filmschauspielerin angenommen und damit auch dem Anfang des Tonfilms. Der Autor wirft zuerst einen Blick in Marlenes Leben während dem Ersten Weltkrieg. Schon zu der Zeit, als Jugendliche, war sie sehr selbstbewusst. Sie himmelte Henny Porten - die damalige Übermutter des deutschen Stummfilms - nicht nur an. Nein, beim ersten Zusammentreffen verführte sie sie regelrecht.

Schon da war Marlene klar, dass sie nicht den gut bürgerlichen Weg einschlagen würde:

"Frauen hatten sich aufzuopfern, für was auch immer, am besten für einen Mann. Das war nicht sie, würde es niemals sein. (...) Sicher konnten Entsagung und Hingabe einer Frau Erfüllung geben und sollten es vielleicht auch. Nicht aber ihr." (S. 25)

Wäre es nach Marlenes Mutter gegangen, wäre sie Konzertgeigerin geworden. Aber ihre Tante Vally prophezeite schon damals, dass es Marlenes Beine noch weit bringen würden und so verwunderte es niemanden, als sie vorerst zum Revue-Girl wurde und mit einem Varieté durchs Land tourte. Marlenes Plan war es aber immer, Schauspielerin zu werden. Ihre ersten Ausflüge zum Film (Stummfilm) waren nicht gerade von Erfolg gekrönt. Von der Kritik wurde sie verrissen.

Heimlicher Star des Romans ist, neben der damals noch relativ unbekannten Theaterschauspielerin, Karl Vollmöller, seines Zeichens "dramaturgischer Mitarbeiter" der Ufa (1917 gegründetes Filmunternehmen). Die Berufsbezeichnung verrät es schon: Den Beruf gab es eigentlich gar nicht. Die Stelle bei der Ufa scheint eigens für Karl Vollmöller geschaffen worden zu sein und er war der einzige, der diese auch ausfüllen konnte. Er war der Strippenzieher im Hintergrund, er hielt alle Fäden zusammen, spinnte gezielt Intrigen, schmiedete waghalsige Pläne und setzte sie mithilfe seiner einflussreichen Freunde und seines taktischen Geschicks in die Tat um.

Im Mittelpunkt von "Im Licht der Zeit" steht Vollmöllers Plan, das Unmögliche möglich zu machen: Erstens von Schriftsteller Heinrich Mann die Rechte an "Professor Unrat" zu kaufen, zweitens die Ufa dafür zu gewinnen, den zweiten (und mit 2 Millionen Reichsmark unfassbar teuren) Tonfilm der deutschen Geschichte zu produzieren, drittens die bis aufs Blut verfeindeten Josef von Sternberg (Regisseur) und Emil Jannings (weltberühmter Stummfilmstar) für die Produktion zu engagieren, viertens eine geeignete Schauspielerin für die Rolle der Femme fatale Lola Lola zu besetzen. Die Rolle, die im Verlauf der Geschichte Marlene Dietrich zufallen sollte, einer bis dahin weitgehend unbekannten Schauspielerin.

Zeitgeschichte und Filmgeschichte treffen aufeinander

Im gesamten Roman bekommen wir durch Einschübe von Zeitungsartikeln zu Beginn jedes Kapitels einen Einblick ins Zeitgeschehen. So gelingt es Edgar Rai geschickt, Marlenes Leben, die Entwicklung des Filmgeschäfts und die Geschichte Deutschlands zu verweben - sei es nun mit Berichten über die erstarkenden Nationalsozialisten, die zunehmende Judenverfolgung oder Kritiken zu Film- und Theatervorstellungen.

So verleiht Rai der ganzen Handlung am Ende der Goldenen Zwanziger eine gewisse Dringlichkeit. Das Damoklesschwert der nationalsozialistischen Machtübernahme und z.B. Goebbels' Einflussnahme als Reichspropagandaleiter auf das Filmgeschäft schwebten die ganze Zeit über dem Projekt "Der blaue Engel". Kam hinzu, dass der damalige Direktor der Ufa Alfred Hugenberg Nazi-Anhänger war und auf keinen Fall Wind davon bekommen durfte, was da wirklich gedreht wurde und v.a. wie freizügig und selbstbewusst Marlene alias Lola Lola in dem Film auftrat. Schliesslich waren zahlreiche Involvierte auch noch Juden und Jüdinnen, allen voran der Produzent Erich Pommer und der Komponist Friedrich Hollaender.

Auch wenn wir nun den Ausgang der Geschichte schon kennen ("Der blaue Engel" wurde ja Tatsache und ein riesiger Erfolg), zieht uns Edgar Rai mitten hinein in die Irrungen und Wirrungen dieser Mammut-Produktion und der damaligen Herausforderungen - wider das Spiessbürgertum der Nazis, wider die Grenzen der Technik und der Geldreserven der Ufa, wider die Lobpreisungen des guten alten Stummfilms und wider die davonlaufende Zeit. Hinzu kamen die zwischenmenschlichen Stolpersteine, gegenseitige Empfindlichkeiten, private Verstrickungen, diverse Ausschweifungen und die an Wahnsinn grenzenden Wesenszüge gewisser Involvierter.

Fazit

Edgar Rai gelingt es in seinem Roman "Im Licht der Zeit" spannend, witzig und mitreissend von Marlene Dietrichs grossem Durchbruch im Filmgeschäft zu erzählen. Der Autor verbindet gekonnt die Geschichte vom "Blauen Engel" mit der Zeitgeschichte der Goldenen Zwanzigerjahre und des aufkeimenden Nationalsozialismus. So zeichnet er nicht nur ein spannendes Bild der menschlichen Beziehungen (und Dramen) und der Produktion eines der ersten Tonfilme aus deutscher Hand, sondern auch ein Abbild der damaligen gesellschaftlichen und politischen Konventionen und Umbrüche. Den 500-seitigen Schmöker kann ich nicht nur Filmfans empfehlen, sondern allen, die sich für eine durch und durch unkonventionelle Frau interessieren.

PS: Herzlichen Dank an den Piper Verlag für das Rezensionsexemplar.

Die Fakten

Im Licht der Zeit

Edgar Rai

Piper Verlag

512 Seiten

Erschienen am 05.08.2019

ISBN: 978-3-492-05886-5

Interview mit Edgar Rai und Leseprobe bei Piper

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