• Eliane Fischer

Die Stimme der Frauen


In "Wenn nicht ich, wer dann?" lässt Anna Russell Frauen zu Wort kommen. Sie hat rund 50 besondere Reden von 50 eindrücklichen Frauen ausgewählt. Ein Buch, das inspiriert und Mut macht, die Stimme zu erheben!

Verschiedene Initiativen wie Frauen zählen #, #frauenlesen oder jüngst der #autorinnenschuber auf Instagram versuchen, schreibenden Frauen mehr Aufmerksamkeit zu verleihen. Ebenso tun dies Blogs wie Nacht und Tag oder Female Writers Club, der Podcast Frauen schreiben auch. Andere wie #dichterdran machen sich stark für eine gleichwertige Rezeption der männlichen und weiblichen Autor*innen. Denn es gibt sie ja, die schreibenden Frauen, sie werden nur nicht so oft besprochen, so intensiv beworben, so häufig verlegt, so wohlwollend beurteilt und entsprechend auch weniger gelesen.

Anna Russell geht nun noch einen Schritt weiter und hat sich vorgenommen, eindrückliche, bewegende, wichtige Reden grosser Frauen bekannter zu machen. Und wie sie einleitend beschreibt, war das zunächst gar nicht so einfach, denn die gängigen Anthologien mit Reden versammeln vor allem eins: Reden von Männern. Also musste sie sich anderweitig auf die Suche machen und wurde fündig. Und zwar so, dass ihr die Auswahl am Ende schwer fiel.

"Dass wir die Wahrheit aussprechen, wird einige Leute ärgern. Doch dann wird unser Sprechen es anderen Frauen erlauben, ebenfalls zu sprechen, bis Gesetze geändert und Leben gerettet werden und die Welt für immer eine andere ist." - Naomi Wolf, Autorin, 1992 (S. 105)

Von der Suffragette bis zur youtube-Aktivistin

Entstanden ist eine bunte Mischung von Reden "grosser Frauen". Anna Russell betont, dass es "keine Heldinnen und keine Heilige" seien, sondern echte Menschen - mit Fehlern, Widersprüchen und teilweise problematischen Ansichten. Sie hat deshalb Reden herausgegriffen, die eine politische oder geschichtliche Wirkung hatten - sei es nun offensichtlich in Form von Revolutionen oder eher still, indem sich langsam die Einstellungen der Zuhörer*innen veränderten.

Zeitlich bewegen sich die Reden zwischen 1588 und 2018. Die älteren Reden sind stark angelsächsisch geprägt. Das ist wohl einerseits der Herkunft und Muttersprache Anna Russells geschuldet, andererseits aber auch der Stellung der Frauen in den jeweiligen Weltregionen und dem Fakt, ob Reden überhaupt schriftlich festgehalten wurden oder nicht. Je näher wir an die Gegenwart rücken, umso vielfältiger werden die Herkunft der Rednerinnen und die Inhalte der Reden.

So lauschen wir den Worten von Sklavereigegnerin Maria Stewart, von Frauenrechtsaktivistin Sojourner Truth oder von Suffragetten wie Mary Church Terrell und Nellie McClung. Wir lesen, was so unterschiedliche Nobelpreisträgerinnen wie Marie Curie (Nobelpreis für Physik und Chemie), Malala Yousafzai (Friedensnobelpreis) oder Ellen Johnson Sirleaf (Friedensnobelpreis) zu sagen hatten. Wir kleben an den Lippen von Staatsfrauen wie Königin Elizabeth I., Simone Veil (Gesundheitsministerin von Frankreich, 1974-79), Margaret Thatcher, Indira Ghandi und Angela Merkel. Die Rede von Letzterer sollte Herr Trump einmal lesen!

"Ich bin überzeugt: So wie wir im 20. Jahrhundert die Kraft hatten, eine Mauer aus Stacheldraht und Beton zu Fall zu bringen, so haben wir auch heute die Kraft, Mauern des 21. Jahrhunderts zu überwinden - Mauern in unseren Köpfen, Mauern eines kurzsichtigen Eigeninteresses, Mauern zwischen Gegenwart und Zukunft." - Angela Merkel, Bundeskanzlerin von Deutschland (seit 2005), S. 125

Wir erfahren, was uns Autorinnen wie Virginia Woolf, Toni Morrison oder J. K. Rowling jenseits ihrer Bücher mitzuteilen haben. Und wir bewundern die aufrüttelnden Worte von Aktivistinnen wie Severn Cullis-Suzuki für die Umwelt, von Emma Watson für Frauenrechte oder Manal al-Sharif für dasselbe in Saudi-Arabien.

"..., es geht darum, am Lenkrad unseres eigenen Schicksals zu sitzen und dass wir nicht nur die Freiheit haben zu träumen, sondern die Freiheit zu leben." - Manal al-Sharif, Frauenrechtsaktivistin aus Saudi-Arabien, 2012 (S. 135)

Von einigen Rednerinnen finden sich die Statements natürlich auch auf youtube. Hier zwei Beispiele, die mich im Buch besonders beeindruckt haben:

Asmaa Mahfouz, politische Aktivistin, deren Video-Blog half, die ägyptische Revolution zu entfachen.

Severn Cullis-Suzuki, Umweltaktivistin, die mit nur 12 Jahren an der Konferenz der UNO über Umwelt und Entwicklung sprach. Sie war gewissermassen die Greta Thunberg der 1990er-Jahre. Die Parallelitäten sind verblüffend!

Da die Reden auf jeweils zwei bis vier Seiten Platz finden müssen, sind sie teilweise nur gekürzt abgedruckt. Aber das Tolle ist, dass der Sieveking Verlag viele der Reden in ihrer vollen Länge auf einer Website präsentiert, so dass Interessierte den vollständigen Wortlaut nachlesen können. Ebenso hilfreich sind jeweils die einleitenden Worte von Anna Russell, die kurz den Werdegang der Persönlichkeit und die Umstände der Rede erklären.

"Woran liegt es, dass Länder, die wir "stark" nennen, so erfolgreich darin sind, Kriege anzufangen, aber so schwach darin sind, Frieden zu schaffen? Warum ist es so einfach, Gewehre zu verteilen, aber so schwer, Bücher zu verteilen?" - Malala Yousafzai, Aktivistin für weibliche Bildung, 2014 (S. 142)

Fazit

In "Wenn nicht ich, wer dann?" hat Anna Russell 50 bewegende Reden von aussergewöhnlichen Frauen versammelt. Reden, die die Welt verändert haben. Reden, die neue Erkenntnisse verbreitet haben. Reden, die den Schwachen, den Benachteiligten, den Gefährdeten und Unterdrückten eine Stimme verliehen haben. Reden, deren Worte bis heute nachhallen. Mit den wunderbaren grafischen Illustrationen von Camila Pinheiro liegt ein Buch vor, das sich auch ideal als Geschenk eignet. Für alle, die sich inspirieren lassen möchten, die Mut schöpfen wollen oder die Motivation brauchen, eigene Wege zu gehen!

PS: Die Postkarte im Titelbild dieses Artikels bekommt ihr bei tadah.ch. Diese stammt aus der Sammlung "Motivation", es gibt weitere zu den Themen "Gratulation", "Danke" und "Geburtstag".

PPS: Herzlichen Dank an den Sieveking Verlag für das Rezensionsexemplar.

Die Fakten

Wenn nicht ich, wer dann?

Grosse Reden grosser Frauen

Anna Russell (Text)

Camila Pinheiro (Illustrationen)

T.J. Evans, S. Kleemann, S. Link, K. Lohmann, A. O'Brien, V. Siegemund, R. Unger (Übersetzung aus dem Englischen)

Sieveking Verlag

176 Seiten

Erschienen im September 2019

ISBN: 978-3-944874-87-6

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