• Eliane Fischer

Auf der anderen Seite


Der Roman "Die Wand" von Marlen Haushofer ist ein moderner Klassiker aus dem Jahr 1963. Weshalb er auch heute noch äusserst lesenswert ist, erfahrt ihr hier.

Ich habe in einem anderen Blogbeitrag bereits einmal die Aktion #autorinnenschuber von Nicole Seifert vom Nacht und Tag Blog erwähnt. Auf Instagram habe ich denn auch ein Bild dazu mit 10 Buchtipps von Autorinnen gepostet. Im Rahmen dieser Aktion ist mir ein Buch besonders oft aufgefallen: "Die Wand" von der österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer. Der Roman von 1963 gilt als ihr wichtigstes Werk. So richtig bekannt und erfolgreich wurde das Buch - wie ihr gesamtes Werk - aber erst, als Marlen Haushofer von der Frauenbewegung entdeckt wurde. So wurden ihre Romane und Erzählungen ab 1984 erneut aufgelegt. Grund genug, den modernen Klassiker einmal zu lesen!

Worum geht es?

In "Die Wand" fährt die namenlose Ich-Erzählerin mit ihrer Cousine Luise und deren Mann Hugo für ein Wochenende in ein Jagdhaus im österreichischen Gebirge. Luise und Hugo gehen am Abend ins nächste Dorf in eine Gaststätte. Die Ich-Erzählerin bleibt alleine zurück. Als sie am nächsten Morgen erwacht, ist das Ehepaar noch nicht zurück. Sie beginnt sich Sorgen zu machen und macht sich schliesslich mit Hugos Jagdhund Luchs auf den Weg ins Tal. Da stösst sie auf einmal gegen eine unsichtbare, harte, undurchdringliche Wand. Die Wand scheint sie völlig zu umgeben und so hoch zu sein, dass sie sie unmöglich überwinden kann.

Keine Aussicht auf Befreiung

So unvermittelt abgeschnitten von der Zivilisation beginnt die Ich-Erzählerin, sich in ihrem Exil ein Leben als Selbstversorgerin aufzubauen. Dass sie nicht nach einem Ausgang sucht oder versucht, die Wand zum Beispiel mit dem zurückgebliebenen Auto von Hugo zu durchbrechen, liegt zunächst daran, dass auf der anderen Seite der Wand sämtliches menschliches und tierisches Leben ausgelöscht erscheint. Die Ich-Erzählerin hat durch die Wand wie versteinerte Menschen und Tiere gesehen und geht von einer grossen Katastrophe aus, die das ganze Land oder vielleicht auch den Rest der Welt getroffen hat.

Die Ich-Erzählerin schildert diese Vorgänge rückblickend während dem dritten Winter in ihrer Isolation. Indem sie praktisch chronologisch ihr Leben in der Jagdhütte rekapituliert, ab und zu aber Fakten aus der Gegenwart einfliessen lässt, baut sich eine grosse Spannung auf. So erfahren wir schnell, dass ihr Gefährte Luchs sterben wird, ebenso eine ihrer Katzen und später der junge Stier.

Sehr schnell drängt sich natürlich die Kategorisierung der Geschichte als Robinsonade auf. Die vierzigjährige Frau ist in einem abgeschlossenen Gebiet völlig auf sich gestellt und lernt Stück für Stück, sich mit der sie umgebenden Natur und den Tieren (ihr laufen eine trächtige Kuh und eine Katze zu) selbst zu versorgen. Im Unterschied zu Robinson Crusoe hat sie das Glück, dass sie mit dem Jagdhaus über ein Obdach verfügt, in dem auch noch viele Vorräte vorhanden sind, darunter Streichhölzer, ein Gewehr und Munition, ausreichend Holz und einige Kartoffeln und Bohnen, die sie einpflanzen kann. Der Hund Luchs wird zu einer Art Freitag, um bei dem Vergleich mit Robinson zu bleiben, indem er ihr treuer Gefährte, Beschützer und Helfer auf der Jagd ist. Die Ich-Erzählerin nimmt sogar einmal Bezug auf Robinson.

Allein, aber nicht einsam

Spannend sind neben der Handlung auch die Gedanken, die sich die Ich-Erzählerin über ihre gegenwärtige Situation, ihre Vergangenheit und ihre Zukunft macht, wie sie alleine zurechtkommt, ja, sogar hofft, es möge in dem verschonten Areal niemand anderes überlebt haben. Erst recht hofft sie, dass nicht plötzlich die "Sieger" auftauchen, die vielleicht für die Katastrophe verantwortlich waren. Die Angst ist geprägt vom damaligen Klima des kalten Krieges und damit der Möglichkeit eines Nuklearschlags. Die Ich-Erzählerin scheint mit ihrem früheren Leben mit (verstorbenen) Ehemann und zwei Töchtern nicht sehr glücklich gewesen zu sein und trauert ihm nicht nach. Beinahe sieht sie das Ereignis als Chance, nochmals neu anzufangen, sich neu zu definieren und ab einem gewissem Zeitpunkt praktisch ausserhalb der Zeit weiterzuleben.

"Durch die Wand wurde ich gezwungen, ein ganz neues Leben zu beginnen, aber was mich wirklich berührt, ist immer noch das gleiche wie früher: Geburt, Tod, die Jahreszeiten, Wachstum und Verfall." (S. 150)

Aber natürlich zweifelt und verzweifelt sie auch immer wieder an ihrer Situation, am eintönigen Alltag.

"Ich bin schon jetzt nur noch eine dünne Haut über einem Berg von Erinnerungen. Ich mag nicht mehr. Was soll denn mit mir geschehen, wenn diese Haut reisst?" (S. 66)

"Und morgen wird es sein, wie es heute ist und wie es gestern war. Ich werde erwachen, aus dem Bett steigen, ehe der erste Gedanke Zeit hat aufzuwachen, und später wird die schwarze Krähenwolke sich über die Lichtung senken, und ihr rauhes Geschrei wird den Tag ein wenig beleben." (S. 109f.)

Haushofer erzählt im Stile eines inneren Monologs weitgehend nüchtern, einfach und schnörkellos. Manchmal wird die Ich-Erzählerin philosophisch, aber nie pathetisch. Der Duktus hat mich in seiner Ruhe und Genauigkeit sehr beeindruckt. Die Ich-Erzählerin wirkt angesichts ihres Schicksals oft sehr abgeklärt, aber trotzdem nicht kalt, was daran liegen mag, dass sie sich mit ihren Tieren eine Art neue Familie aufbaut, mit ihnen spricht und versucht, in grösstmöglicher Harmonie mit ihnen zu leben.

Beim Lesen leiden wir mit, können uns einfühlen, freuen uns mit, frieren mit ihr und geniessen gemeinsam die Stille und den Sternenhimmel. Ich fühlte mich der Ich-Erzählerin so nah, wie ich es noch kaum je in einem anderen Buch erlebt habe und fragte mich über fast 300 Seiten hinweg, wie ich in einer solchen Situation reagieren würde. Es ist unvorstellbar, aber Marlen Haushofer macht das Unvorstellbare nachvollziehbar und so zumindest literarisch erlebbar.

Fun Fact

Wie über Wikipedia zu erfahren ist, wird der Roman gerade in Frankreich seit einem Instagram-Post von Illustratorin und Autorin Maureen Wingrove alias Diglee wieder sehr gehyped.

Fazit

"Die Wand" von Marlen Haushofer ist ein sehr spannender, dicht erzählter Roman über das Leben einer Frau in der Isolation, aber auch über einen Neuanfang, die Neuerfindung der eigenen Person, ein neues Leben fernab der Zivilisation, in Eintracht mit der Natur. Ein moderner Klassiker, der nicht nur, aber auch aus einer feministischen Perspektive mitreissend, berührend, bewegend und aufwühlend ist und sicher lange nachhallt!

PS: "Die Wand" wurde 2012 unter demselben Titel mit Martina Gedeck verfilmt (Trailer).

Die Fakten

Die Wand

Marlen Haushofer

Ullstein Buchverlag

288 Seiten

Erschienen 2018 (als Taschenbuch, Originalausgabe 1963)

ISBN: 978-3-548-60571-5

Hörprobe und Bestellung bei Ullstein

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