• Eliane Fischer

Der Lack ist ab


Doris Knecht erzählt in ihrem Roman "Wald" eine Geschichte eines Absturzes. Wie tief der Fall von Protagonistin Marian ist, erfahrt ihr in diesem Beitrag.

Von Doris Knecht habe ich euch an dieser Stelle bereits ihren Roman "weg" vorgestellt, der mir gut gefallen hat. Es lag deshalb nahe, im Rahmen meiner Instagram-Aktion #waldbücher (zusammen mit Kerstin von femundo.de) auch ihren davor erschienenen Roman "Wald" zu lesen.

In dem Buch geht es um Marian (eigentlich Marianne, aber das klingt zu katholisch). Marian war einmal erfolgreiche Wiener Modedesignerin mit eigenem Atelier und eigenem Store (Geschäft oder Laden klänge ja viel zu bodenständig). Liiert war sie zuerst mit Oliver und dann mit Bruno (nicht verheiratet, das wäre zu spiessig). Sie hat eine Tochter, Kim, die aber nicht bei ihr lebt, sondern beim Vater Liam in London.

Hochmut kommt vor dem Fall

Also alles schön und gut, sie arbeitet viel, geniesst das Paarleben, den Ausgang, leistet sich schicke Klamotten (v.a. Schuhe, Schuhe sind wichtig!), den teuersten Mascara, kleidet die Reichen und Schönen ein. Doch dann kommt die Immobilienkrise und mit ihr die allgemeine Wirtschaftskrise und mit ihr Marians Fall ins Bodenlose. Finanzieller, beziehungstechnischer, psychischer Supergau. Sie hat sich mit ihren Investitionen in den Store übernommen, ihre Kund*innen laufen ihr davon. Sie wird gepfändet, verliert die Wohnung, muss ein Leben lang Schulden abbezahlen. Marian kann nirgendwo mehr hin, nur noch aufs Land. Da hat sie (also eigentlich ihre Tochter Kim, sonst hätte sie es nicht mehr) ein Haus, geerbt von der verstorbenen Tante.

Doris Knecht erzählt nun diese Geschichte von Marians Absturz nicht einfach linear von der rosigen Vergangenheit bis zur eher morastig braunen Gegenwart, sondern zu einem grossen Teil in Rückblenden aus der Sicht von Marians drittem Jahr auf dem Land. Versetzt mit aktuellen Einschüben. Sie erzählt zwar in der dritten Person, da wir aber immer so viel wissen wie Marian selbst (bzw. etwas weniger), wirkt es wie ein innerer Monolog.

Gekonnt nimmt die österreichische Autorin das moderne Leben im Hamsterrad des Kapitalismus mit schicker Wohnung in der Stadt, mit oberflächlichen Beziehungen, luxuriösen Hobbies, übermotorisierten Autos und teuren Stöckelschuhen auseinander und setzt ihm das einfache Landleben entgegen. Allerdings beschönigt sie auch Letzteres nicht, im Gegenteil.

Zwar entkräftet sie einige Vorurteile von Marian, aber die Stadt-Marian hat durchaus auch auf dem Land mit vielen Herausforderungen zu kämpfen, nur sind die irgendwie bodenständiger, erdiger, unmittelbarer, konkreter als eine Immobilienkrise, die scheinbar so rein gar nichts mit einem selbst zu tun hat (sie ist ja weder verwandt noch verschwägert mit den Lehman Brothers).

Erstmal geht es auch auf dem Land weiter abwärts. Marian flüchtet sich in den Alkohol und landet irgendwann mit viel Alkohol im Blut und einer Schnapsflasche in der Hand auf dem Waldboden. Da taucht Franz auf. Ohne Franz (er fährt einen Mitsubishi Pajero) würde sie nicht mehr leben, meint sie. Es entspinnt sich jetzt keine platte Liebesgeschichte, sondern Marian wird Franz' Geliebte und ihr Verhältnis ist geprägt von einem deutlichen Machtungleichgewicht. Aber mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten.

Kopfkino par excellence

Knechts ironischer, schonungsloser Blick auf die Gesellschaft, auf unser Konsumverhalten, auf die zwischenmenschlichen Beziehungen ist grandios! Ich liebe ihre Sätze, "fadegrad", ohne Blatt vor dem Mund, so als sässen wir direkt in Marians Hirn, beschossen von Gedankenblitzen, eingeklemmt in Synapsen, die Schmerz weiterleiten, umschwirrt von Botenstoffen in toxischer Menge.

"..., aber jetzt ist es Bruno, der ihr unkoffeiniertes und deshalb noch wehrloses Hirn ausfüllte, Scheissbruno schon wieder, sie braucht einen Kaffee, sie muss aufstehen, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt gleich." (S. 43)

Die Handlung (in Vergangenheit und Gegenwart) mischt sich immer wieder mit Marians philosophischen Gedankengängen - mehr oder weniger tiefgründigen, meist weniger. Diese ergänzt sie gerne um illustrierende Episoden aus ihrem Leben.

"Sie weiss: Wenn sie das Bett nicht ordentlich macht, wird es ein Scheisstag. Wenn das Leintuch Falten wirft, wird es ein Scheisstag. (...) früher hat sie ihr Bett nie gemacht. Eben. Man sieht ja, was dabei herausgekommen ist, kein Wunder." (S. 64 f.)

"Man ist am Land anders befreundet als in der Stadt. Vor allem aber ist man anders verfeindet, konkreter, ernsthafter, konsequenter, körperlicher." (S. 126)

Marians Wandlung mitzuerleben macht an diesem Roman richtig Spass, auch wenn es zuweilen weh tut, man als Leser*in quasi mit ihr auf dem Boden liegt, auf dem nasskalten Boden, nichts von flauschig weichem Flokati. Das ist Doris Knecht mit ihrem Buch einmal mehr bestens gelungen. Kritisieren möchte ich einzig ein, zwei lose Enden und zwei, drei etwas arg mäandrierende Exkurse, die wenig zum grossen Ganzen beitragen.

Fazit

Mit Doris Knechts "Wald" und ihrer sympathisch kaputten Hauptprotagonistin Marian macht sogar das Scheitern Spass. Klar, es ist entlarvend, es trifft uns hart in der Magengrube, es kratzt den Lack ab. Aber es ist so herrlich ironisch geschrieben, dass wir gewissermassen die Ästhetik des Zerfalls zu schätzen lernen. Und ja, am Ende bleibt auch ein bisschen Hoffnung. Oder Selbstbetrug. Wer weiss das schon so genau.

Die Fakten

Wald

Doris Knecht

Rowohlt Verlag

272 Seiten

Erschienen im März 2015 (als Hardcover)

ISBN: 978-3-499-26787-1 (Taschenbuch)

Leseprobe und Bestellung bei Rowohlt

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