Ab mit den alten Zöpfen!

23/10/2019

Der Bronsky-Beat schlägt wieder! In "Der Zopf meiner Grossmutter" erzählt Alina Bronsky gewohnt bissig die Geschichte einer russischen Patchworkfamilie in Deutschland.

 

 

Manchmal muss man einfach mit dem ersten Satz anfangen. Alina Bronsky haut jedenfalls in "Der Zopf meiner Grossmutter" einen richtig tollen raus, wie ich finde.

 

"Ich kann mich genau an den Moment erinnern, als mein Grossvater sich verliebte." (S. 5)

 

Bumm! Und wenn wir noch den zweiten Abschnitt dazu nehmen, sind wir schon mitten im Geschehen - "in medias res" wie der Lateiner zu sagen pflegt:

 

"Ich ahnte, dass die Grossmutter nichts davon mitkriegen sollte. Sie hatte schon bei geringeren Anlässen gedroht, den Grossvater umzubringen, zum Beispiel wenn er beim Abendessen das Brot zerkrümelte." (S. 5)

 

Bumm, bumm! Damit ist auch gleich klar, dass Grossmutter Margarita gelinde gesagt Haare auf den Zähnen hat. Eigentlich ist sie eine richtige Beisszange. Oder ist sie gar richtig böse? Als Leser*in schwankt man zwischen Verachtung und ganz scheuer Bewunderung. Verachtung, weil sie ihren Enkel Max, den sie seit dem Tod seiner Mutter Maya grosszieht, einengt, drangsaliert, klein macht, von der Welt fernhält (insbesondere von einem ominösen roten Juden). Und das mit der Begründung rechtfertigt, dass Max ein Krüppel sei, an den unmöglichsten Krankheiten leide und praktisch schon im Grab läge, wenn ihn ein anderes Kind nur anniesen würde. Scheue Bewunderung, weil sie sich im ihr fremden Deutschland doch eigentlich recht erfolgreich durchschlägt (mit eigener Tanzschule, aber ohne der deutschen Sprache mächtig zu sein) und es auch noch schafft, für die Geliebte des Grossvaters und deren Kinder zu sorgen.

 

Nach und nach erfahren wir durch die Augen von Max (anfangs 5 Jahre alt, am Ende ein Jugendlicher), dass er mit seinen Grosseltern als Kontingentflüchtling aus Russland nach Deutschland gekommen ist. Wobei die Grossmutter die dafür nötigen jüdischen Vorfahren scheinbar mehr oder weniger erfunden hat. In Deutschland leben sie in einem Flüchtlingswohnheim, der Grossvater verliebt sich in Nachbarin Nina - ebenfalls eine Geflüchtete, womit die Geschichte ihren Lauf nimmt und die Kleinfamilie mit Grosseltern und Max mittelfristig zur Patchworkfamilie wird.

 

Bronsky-Beat par excellence

Zu Beginn ist die Perspektive des Ich-Erzählers Max etwas irrtierend, weil er nicht wie ein fünfjähriges Kind spricht, aber nach und nach wird klar, dass es der jugendliche Max vom Ende des Romans ist, der hier erzählt und so passt es wieder. 

 

Und was auch dieses Mal funktioniert, ist der Bronsky-Beat, dieses rasante, direkte, sarkastische, witzige Erzählen. Dass Alina Bronsky das drauf hat, davon habe ich mich schon bei "Baba Dunjas letzte Liebe" überzeugen können. Der Charakter der Grossmutter ist wirklich hart an der Grenze, aber irgendwie schafft es die Autorin, sie nicht ganz zum Monster werden zu lassen, so dass wir die schrullige alte Dame ein ganz klein wenig ins Herz schliessen und immer weiter und weiter lesen wollen.

 

Fazit

Wer einen von Alina Bronskys Vorgängerromane gelesen und gemocht hat, dem wird bestimmt auch "Der Zopf meiner Grossmutter" gefallen. Es ist die gewohnt unterhaltsame, ironisch, liebevolle Erzählweise, die mich an der Geschichte um die russische Patchworkfamilie in Deutschland einmal mehr gepackt hat. Nach und nach möchte ich auch ihre anderen Bücher noch lesen und hoffe auf ebenso viel Lesevergnügen.

 

Die Fakten

 

Der Zopf meiner Grossmutter

Alina Bronsky

KiWi Verlag

224 Seiten

Erschienen am 09.05.2019

ISBN: 978-3-462-05145-2

 

 

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