Junge Frauen auf neuen Wegen

Rachele De Caro versammelt in "Junge Macherinnen" 12 Frauen, die es gewagt haben, beruflich ihren eigenen Weg zu gehen. Was es dafür braucht und was den jungen Frauen wichtig ist auf ihrem Weg, erfahren wir in 12 ausführlichen Interviews.



Ich muss zugeben, Bücher wie "Lean in" von Sheryl Sandberg fasse ich nicht mal mit der Kneifzange an. Weshalb? Weil ich auch ohne Lektüre weiss, dass in solchen Büchern beschrieben wird, wie eine Frau aus privilegierter Situation sich unter Selbstaufopferung (oder Aufopferung der Familie) mit "männlichen Mitteln" in einer Männerdomäne durchschlägt. Sowas will und muss ich nicht lesen, weil es eben nicht auf die Situation der 99% Frauen mit nicht so privilegierter Ausgangslage übertragbar ist. Und ich das Bestreben, sich in patriarchalen Strukturen mit patriarchalen Verhaltensweisen zu behaupten, schon für sehr fragwürdig halte. Meiner Meinung nach geht es viel mehr darum, diese Strukturen aufzubrechen und neue Verhaltensweisen als "erfolgreich" zu etablieren - ohne Ellbogeneinsatz.


Eine gesunde Prise Skepsis

Deshalb ging ich auch ein kleines Bisschen skeptisch an die Lektüre von "Junge Macherinnen" heran. Würden auch hier diese Vorzeige-Businessfrauen abgebildet, denen Karriere über alles geht und die Karriere auch noch männlich definieren?


Ich kann Entwarnung geben! Ihr könnt also weiterlesen. "Junge Macherinnen" porträtiert anhand von Interviews 12 junge Schweizerinnen (jung ist man zum Glück auch noch mit 37 oder 38, uff!), die neue Wege gehen und sich selbständig gemacht haben. Dabei sind die 12 Frauen so unterschiedlich wie ihre 12 neuen Wege: Da sind die, die vor Selbstbewusstsein strotzen. Da sind aber auch introvertierte und ruhige Frauen. Da sind die mit internationalem Flair, aber auch die stark lokal verwurzelten. Da sind die mit den Akademikereltern, da sind aber auch Bauernmädchen. Da sind Singles und Familienmenschen.




Zwei Beispiele

Nadia Cavelle hat zum Beispiel den Sprung von der Verlagsarbeit zur Schauspielerin, Filmemacherin, Skript- und Theaterautorin gewagt - und das in London! Und im Rahmen ihrer Arbeit setzt sie sich erst noch dafür ein, die weiblichen Erzählstimmen verstärkt in die Branche einzubringen und dem herrschenden Sexismus entgegenzuwirken.


"Ich glaube fest daran, dass man es wagen sollte, wenn man tief im Innern den Wunsch hat, etwas zu machen - auch wenn man nicht weiss, was dabei herauskommt." ~ Nadia Cavelle (S. 22)

Julia Kreienbühl ist Textildesignerin und Mutter und hat mit little indi ein nachhaltiges Kleiderlabel für Kinder gegründet. Sie sieht sich nicht primär als Macherin, sondern macht vor allem das, was ihr Freude macht. Sie ist eher schüchtern und schildert auch, mit welchen Ängsten sie umzugehen hat.


"Wenn man etwas Neues wagt, gibt es keine Standardlösungen, die man herausnehmen kann - man muss sich selber zu helfen wissen." ~ Julia Kreienbühl (S. 27)

Was die Weinexpertin, die Journalistin und die Schreinerin gemeinsam haben

Sehr spannend fand ich auch die Porträts von Luzia Tschirky, Russland-Korrespondentin beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF, Politikerin Mattea Meyer und von Schriftstellerin Tabea Steiner, einfach, weil sie mir thematisch am nächsten liegen. Aber auch die Interviews mit der Bio-Bäuerin mit Hofladen, der Weinbloggerin, der App-Entwicklerin, der Schreinerin und der Bestattungsplanerin liefern sehr spannende Einsichten.



Neben all den Unterschieden zwischen den sehr unterschiedlichen Macherinnen in ganz verschiedenen Berufsfeldern, fördern die Porträts auch einige Parallelen zu Tage. So ist vielen die Nachhaltigkeit ein wichtiges Anliegen und auch die Gleichstellung - gerade in männlich dominierten Berufsfeldern. Alle Frauen zählen mehr auf ihr Bauchgefühl, als dass sie alles im Voraus durchplanen würden. Sie alle bauen auf ein Netzwerk, das ihnen Halt gibt, sie unterstützt und sie versuchen auch, dieses Netzwerk auszubauen. Sie wollen ihren ganz eigenen Weg gehen, fernab bereits ausgetretener Pfade, aber auch ohne, sich dem Verhalten der Männer in ihrer Domäne anzupassen. Und sie alle machen einfach. Und wenn es mal nicht klappt, dann versuchen sie es halt nochmals anders.


Stimmungsvolle Bilder, gelungenes Layout

Paolo De Caro hat die Interviews um schöne, nahbare Fotos der Macherinnen in ihrem alltäglichen Umfeld ergänzt. Und er hat das Buch frisch und modern, mit Mut zur Farbe gestaltet.


Eine kleine Kritik muss ich anbringen: Wenn in einem Buch so oft von der weiblichen Perspektive, der Gleichstellung, von Sexismus etc. die Rede ist, würde ich mir in den Interviewfragen und den Begleittexten erst recht eine gendersensible Sprache wünschen. Leider taucht hier aber das generische Maskulinum doch ab und zu auf. Wer sich für die sprachlichen Aspekte der Gleichstellung interessiert, kann meinen Beitrag zu "Sprache und Sein" von Kübra Gümüsay nachlesen.


Fazit

Mit "Junge Macherinnen" präsentiert Rachele De Caro nicht nur spannend zu lesende Porträts von 12 Schweizer Unternehmerinnen. Sie zeigt auch, wie vielfältig die Lebens- und Arbeitsmodelle aussehen können und dass es nicht richtig oder falsch gibt, sondern jede ihren eigenen Weg finden muss. In diesem Sinne ist das Buch ein grosser Schatz an Inspirationen und ein Mutmacher dazu!


Die Fakten

Junge Macherinnen

Rachele De Caro (Text)

Paolo De Caro (Fotos und Gestaltung)

Édition De Caro

192 Seiten

Erschienen am 01.01.2019

Hardcover

ISBN: 978-3-9525107-0-4


Das Buch ist im lokalen Buchhandel erhältlich oder direkt auf der Website des Verlags.


PS: Herzlichen Dank für das Rezensionsexemplar an die Édition De Caro.


PPS: Die ebenfalls porträtierte Madelyne Meyer ist bekannt als Bloggerin edvin uncorked und hat 2019 ebenfalls ihr erstes Buch herausgebracht: Endlich Wein verstehen - Madelyne Meyer, AT Verlag, 2019



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