• Eliane Fischer

Gegen Sprachschubladen

Die Journalistin und politische Aktivistin Kübra Gümüsay schreibt in "Sprache und Sein" über ihre Sehnsucht nach Gleichberechtigung in der Sprache. Eine Sehnsucht, die wir uns zu eigen machen sollten!



Schon das Eingangszitat von Rumi, das Kübra Gümüsay ihrem Buch "Sprache und Sein" voranstellt, ist wunderschön und drückt aus, dass wir auf Augenhöhe - ohne Stereotypen, ohne Kategorisierungen, ohne Diskriminierungen - miteinander sprechen sollten:


"Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns." ~ Rumi

Und genau in diesem Sinn und Geist steht dieses eindrückliche, bewegende Sachbuch. Ja, auch Sachbücher können einen abholen, mitnehmen und im besten Falle weiterbringen. Kübra Gümüsay gelingt dieses Kunststück in zehn Kapiteln rund ums Thema Sprache und darüber wie die Sprache unser Denken, unser Fühlen und am Ende unser Sein beeinflusst. Sie tut das mit einer Mischung aus gut und äusserst vielfältig recherchierten Erkenntnissen über die Sprache(n) und ihren Einfluss auf den Diskurs sowie auf unser Zusammenleben, aus Anekdoten und aus eigenen Beispielen.


So bringt sie viel zusammen, was wohl noch nie zusammen gedacht worden ist und verhilft uns zu neuen Einsichten über die Sprache, unseren Sprachgebrauch und deren Einfluss auf unsere Wahrnehmung, unser Denken und Sein.


"Sprache öffnet uns die Welt und grenzt sie ein - im gleichen Moment." (S. 25)

Sprache hat Macht

Gibt es in einer Sprache zum Beispiel keine Begriffe für Zahlen - wie beim Volk der Pirahã aus dem Amazonasgebiet -, spielen klare Mengenangaben auch keine grosse Rolle in ihrer Wahrnehmung. Gibt es keine Begriffe für links und rechts - wie bei den Kuuk Thaayorre im Norden Australiens -, orientieren sich die Menschen ganz anders im Raum als wir. Analog gilt das für den Einsatz des grammatischen Geschlechts, der Verwendung geschlechtsspezifischer Pronomen und die Konvention des generischen Maskulinums. Sprachwissenschaftler haben gezeigt, dass männliche Sammelbezeichnungen (z.B. Lehrer) dazu führen, dass die männliche Form als Standard vorgegeben und eben auch als Standard gedacht wird. Kübra Gümüsays Fazit:


"Es reicht nicht aus, dass Frauen - womöglich - mitgemeint sind, wenn sie nicht auch von allen mitgedacht werden, die den Begriff verwenden." (S. 20)

Daraus wird für sie klar, dass wir "uns mit der Architektur der Sprache beschäftigen [müssen], die unsere Realität erfassen soll. Damit wir aussprechen können, was ist." (S. 21)


Die Herausforderung liegt nun darin, dass wir uns unserer Sprache so unbewusst bedienen und dass unsere Wahrnehmung durch unsere Sprache derart geprägt ist, dass wir ihre Grenzen gar nicht so leicht wahrnehmen können. Dieser Herausforderung stellt sich die Autorin und zeigt uns die sprachliche Begrenztheit auf, die dazu führt, dass wir mit unserer Sprache Stereotypen fortschreiben, Menschen kategorisieren, ihrer Individualität berauben, Rassismus und andere Formen der Diskriminierung (oft unbewusst, teils aber auch gezielt) zementieren.


Sie zeigt uns auch auf, wie viel Macht in der Sprache liegt, welch Spiegelbild der Mächtigen die Sprache ist und wie diese Mächtigen die Sprache gezielt dazu einsetzen, ihre Macht zu erhalten, "andere" zu schubladisieren, sie als Individuen unsichtbar zu machen und als homogenisierte Gruppen als gefährlich, minderwertig etc. darzustellen.


Hinzu kommt, dass unsere Sprache Lücken aufweist, Lücken zum Sein. Gibt es für etwas keinen Begriff, dann ist es auch nicht. Als Beispiel nennt sie den Begriff der "sexuellen Belästigung", der erst in den 1960er Jahren etabliert wurde und erst damit ein gemeinsames Verständnis der Problematik und damit das Aufbegehren ermöglichte.


Und in Bezug auf die Verwendung des N-Worts hält sie ganz klar fest:


"Menschen so zu bezeichnen, wie sie bezeichnet werden wollen, ist keine Frage von Höflichkeit, auch kein Symbol politischer Korrektheit oder einer progressiven Haltung - es ist einfach eine Frage des menschlichen Anstands." (S. 49)

Besonders eindrücklich macht Gümüsay auch deutlich, dass die Existenzberechtigung von Menschen nicht verhandelbar ist. Wird dennoch darüber diskutiert (zum Beispiel in Talkshows), gibt man wahlweise Rassismus, Extremismus, Menschenfeindlichkeit oder Faschismus eine Plattform. Ja, man erhebt diese Ansichten sogar zu Meinungen. Aber die Autorin macht klar:


"Hass ist keine Meinung." (S. 108)

Im Zuge dieser Überlegungen legt Gümüsay offen, welche Strategie die Rechten fahren, um den öffentlichen Diskurs zu dominieren, den anderen Gesprächsteilnehmer*innen die eigene Perspektive aufzudrücken. Und sie plädiert dafür, diesen Kräften nicht länger eine Plattform zu geben. Denn dadurch geraten andere Themen wie Nachhaltigkeit, Bildung, soziale Sicherheit und viele mehr ins Hintertreffen und die Gesellschaft kommt keinen Schritt voran, geschweige denn in Richtung eines gerechteren Zusammenlebens.


Was ist zu tun?

Kübra Gümüsay gibt Hinweise darauf, wie wir zu einer Sprache gelangen können, die Gleichberechtigung fördert, Menschen als Individuen und nicht als Repräsentant*innen irgendwelcher Kategorien wahrnimmt.


"Freies Sprechen bedeutet die Emanzipation von einer Sprache, die uns nicht vorsieht - indem wir sie verändern, anstatt uns zu erklären, indem wir sie anders nutzen, um in ihr zu sein." (S. 159)

Es gilt, den zugrunde liegenden Mustern von Diskriminierung in ihren verschiedensten Ausprägungen (Stichwort Intersektionalität) auf die Spur zu kommen. Um darüber nachzudenken, wie man diese Muster durchbrechen, die verursachenden Misstände beheben kann, braucht es neue Räume des Gesprächs. Wie diese geschaffen werden können, bleibt offen.


Was Gümüsay nicht tut, ist, fertige Lösungen zu präsentieren. Das wäre natürlich auch eine riesige Herausforderung. Wie ich aus einem Interview herausgehört habe, schreibt sie aber bereits an einem zweiten Buch. Wir dürfen also gespannt sein!


Ein persönliches Buch mit zahlreichen Bezügen

Das Buch ist so bewegend, weil es so persönlich ist: Kübra Gümüsay bringt viele persönliche Erfahrungen. Allein weil sie Deutsch, Türkisch und Englisch spricht, kann sie die Grenzen unserer Sprache gut ausloten, kann andere Perspektiven einnehmen. Und auch ihre politische Arbeit und der Fakt, dass sie selbst oft in begriffliche Käfige wie "Kopftuchträgerin" oder "Muslima" gesteckt wird, haben bestimmt zur Schärfung ihrer Wahrnehmung beigetragen. Allzu oft wurde ihr das Privileg, als Individuum zu sprechen, nicht zugestanden. Die persönlichen Geschichten zeigen uns exemplarisch, dass ein Mensch mehr ist als die Zuschreibungen von anderen (vornehmlich der Mehrheit in einer Gesellschaft), nämlich ein Individuum mit zahlreichen Facetten, die nie vollständig zu ergründen sind, die sich in stetigem Wandel befinden.


Gleichzeitig schafft es Kübra Gümüsay aber auch, weit über einzelne Erfahrungen (so bezeichnend sie auch sein mögen) hinauszugehen, indem sie zahlreiche Bezüge herstellt zu Denker*innen, Feminist*innen, Wissenschafter*innen und Aktivist*innen unterschiedlichster Epochen und Kulturkreise.


Ich habe kaum je so viel markiert in einem Buch, selten so oft zustimmend genickt, neue Einsichten gewonnen, staunend neue Perspektiven eingenommen wie bei "Sprache und Sein". Und ich habe wohl auch noch nie bei einem Nachwort geweint, allein weil sich die Autorin auf Türkisch (das ich leider nicht verstehe) an ihre Eltern wendet. Lest das Buch, dann werdet ihr die Symbolkraft, die darin liegt, erkennen.


Fazit

Mit "Sprache und Sein" leistet Kübra Gümüsay einen wichtigen Beitrag dazu, uns über die Sprache und ihre Wirkung Gedanken zu machen und mit dem Bewusstsein darüber auf eine pluralistischere, gerechtere Gesellschaft hinzuarbeiten. Es bleibt zu hoffen, dass ganz, ganz viele dieses wichtige Buch lesen. Auch wenn es die, die es am nötigsten hätten, mit Sicherheit nicht lesen werden. Es hilft schon, wenn wir "Gutmenschen" es tun, um mit der Rückendeckung des Buches vehement für eine gerechte Sprache und eine vielfältige Gesellschaft einzustehen.


PS: Kübra Gümüsay ist schon mehrfach bei TEDx aufgetreten und hat auch andere eindrückliche Reden gehalten. Ihre Website ist sowieso einen Besuch wert. Im Kulturjournal der ARD gab es einen tollen Beitrag über "Sprache und Sein" mit Kübra Gümüsay:



Die Fakten

Sprache und Sein

Kübra Gümüsay

Hanser Berlin

208 Seiten

Erschienen am 27.01.2020

Hardcover

ISBN: 978-3-446-26595-0


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