Wenn der Schein trügt

08/08/2019

Von der französischen Erfolgsautorin Delphine de Vigan hatte ich bisher nur ein Buch gelesen, nun habe ich mit "Loyalitäten" den zweiten Versuch gewagt und wurde nicht enttäuscht!

 

 

"No & ich" war mein erster Kontakt mit Delphine de Vigan und ich mochte es damals sehr. Ich habe es aber nicht mehr genauer in Erinnerung und stark als Jugendbuch empfunden. Auch bei "Loyalitäten" geht es hauptsächlich um Jugendliche. Aber hier kommen erstens auch Erwachsene (eine Mutter und eine Lehrerin) ins Spiel und zweitens werden die Passagen der Jugendlichen nicht aus der Ich-Perspektive erzählt.

 

Aber zum Inhalt: Théo (12 Jahre alt) wächst abwechselnd bei seiner Mutter und seinem Vater auf, die getrennt leben. Er ist ruhig, ein guter Schüler, fällt nicht auf. Und doch: Seine Lehrerin Hélène spürt, dass da etwas nicht stimmt, dass ihn etwas belastet, er kurz vor einem Abgrund steht. Nur was ist los? Wird er geschlagen? Und woran macht sie dieses Gefühl fest? Klare Hinweise gibt es eigentlich nicht. Beweise schon gar nicht. Sie merkt nur, dass sich bei Théo etwas abspielt, das sie aus ihrer eigenen von Gewalt geprägten Kindheit kennt und an dem der Junge zugrunde gehen könnte.

 

Tatsächlich betrinkt sich Théo regelmässig, betäubt sich immer öfter, immer schneller. Sucht im Rausch einen Ausweg aus dem belastenden Alltag zwischen der unglücklichen Mutter und dem depressiven Vater.

 

"Eines Tages möchte er gern das Bewusstsein verlieren, völlig.

Sich für ein paar Stunden oder für immer in das dicke Gewebe der Trunkenheit fallen, sich davon bedecken, begraben lassen, er weiss, dass so etwas vorkommt." (S. 14)

 

Dass Théo sich in den Alkohol flüchtet, weiss nur sein bester Freund Mathis. Dieser möchte ihn zwar da rausholen, weiss aber nicht wie.

 

Wechselnde Erzählperspektiven

In wechselnden Perspektiven erzählt de Autorin, wie Théo sich dem Alkohol mehr und mehr hingibt, sich immer mehr darin verliert, nur noch von Rausch zu Rausch lebt. Da sind Hélène, die Lehrerin der beiden Jungs, und Cécile, die Mutter von Mathis, die ebenfalls etwas von Théos Problemen ahnt. Während die beiden Frauen aus der Ich-Perspektive erzählen und wir so auch viel über ihre eigene Lebenssituation erfahren, lesen wir die Geschichte von Théo und Mathis in der Er-Form.

 

In guter französischer Tradition

Delphine de Vigan reiht sich mit "Loyalitäten" in eine ganze Reihe weiterer Romane und (autobiografischer) Berichte französischer Autor*innen ein, die stark soziologisch geprägt sind. Wie Didier Eribon ("Rückkehr nach Reims"), Leïla Slimani ("Dann schlaf auch du"), Virginie Despentes (mit ihrer Reihe "Das Leben des Vernon Subutex"), um nur ein paar Beispiele zu nennen, erzählt de Vigan nicht einfach eine isolierte Geschichte, sondern zeichnet ein Bild der unterschiedlichen Milieus in Frankreich und wie sich die einzelnen Protagonist*innen darin zurechtfinden (oder eben auch nicht). Da ist das Scheidungskind aus ehemals intakter Familie, da ist die Lehrerin, die vom Vater geschlagen wurde, da ist die Mutter, die sich ins bürgerliche Milieu eingeheiratet hat, deren Ehemann aber ein Doppelleben führt usw.

 

Fazit

Delphine de Vigan erzählt in "Loyalitäten" einerseits gekonnt, spannend und einfühlsam von den zwischenmenschlichen Beziehungen von Jugendlichen und ihren Eltern und Lehrern. Andererseits liefert sie uns damit auch eine Art Milieustudie verschiedener Lebensentwürfe und sozialer Schichten in Frankreich. Ein äusserst gut erzählter Roman, der lange nachhallt, auf individueller und gesellschaftlicher Ebene!

 

 

Die Fakten

 

Loyalitäten

Delphine de Vigan

Doris Heinemann (Übersetzung)

Dumont

176 Seiten

Erschienen am 13.09.2018

ISBN: 978-3-8321-8359-2

 

Leseprobe und Bestellung bei Dumont

 

 

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