Dreissig Minuten, dann ist aber Schluss!

Ich muss zugeben, ich hätte mehr erwartet vom Ratgeber "Dreissig Minuten, dann ist aber Schluss!" von Patricia Cammarata. Mehr Regeln. Wieso das Unerwartete manchmal ganz gut ist, erfahrt ihr in diesem Artikel. Und für die Kinder habe ich auch noch was dabei, was Digitales natürlich!


Dreissig Minuten, dann ist aber Schluss! - Patricia Cammarata (Eichborn 2020)

Von Ratgebern erwartet man sich ja gemeinhin etwas theoretischen Exkurs, anschauliche Beispiele aus dem echten Leben, Schritt-für-Schritt-Anleitungen und 237 goldene Regeln, wie xy garantiert klappt - ohne Nervenzusammenbruch auf Seiten der Kinder und/oder Eltern. Dass Patricia Cammarata diese Erwartungen in ihrem Buch "Dreissig Minuten, dann ist aber Schluss!" nicht erfüllen wird, stellt sie gleich zu Beginn klar. Ihre Antworten auf drängende Elternfragen wie "Machen Computerspiele und Soziale Medien süchtig?" oder "Wann ist der richtige Zeitpunkt, dem Kind ein Smartphone zu kaufen?" fallen immer ehrlich aus: Es kommt darauf an.


Medienerziehung heisst "Im Gespräch bleiben"

Auch in Sachen Medienerziehung ist eben nichts einfach schwarz oder weiss. Von unseren Illusionen und falschen Erwartungen befreit, nimmt uns Patricia Cammarata ganz locker bei der Hand und führt durch eine Vielfalt von Themen im wild wuchernden, uferlosen, üppigen, bunten, zuweilen gefährlichen, aber auch sozialen, emotionalen, produktiven, kreativen, witzigen Mediendschungel. Dabei bleibt sie einigen Grundsätzen treu, die ich so zusammenfassen würde:

  1. Beziehung statt Erziehung.

  2. Selber bzw. zusammen ausprobieren.

  3. Im Gespräch bleiben.

Das Wichtigste ist demnach - wie in anderen Bereichen auch -, dass die Eltern-Kind-Bindung stark ist. Denn dann kommen die Kinder bei Problemen und Gefahren rund um die Mediennutzung zu den Eltern und das ist elementar. Zudem werden gemeinsam aufgestellte (und sinnvoll erscheinende) Regeln auch besser eingehalten. Und man kann mit Kindern nur auf Augenhöhe ihre Mediennutzung diskutieren, wenn man weiss, womit sie sich beschäftigen (oder aus guten Gründen auch nicht). Und auch nur dann, kann man Gefahren gewisser Medien korrekt einschätzen und sinnvolle Schutzmassnahmen ergreifen. Da sich sowohl die Kinder als auch ihr Umfeld und die Medien selbst immer weiterentwickeln, heisst es, am Ball bleiben! Auch wenn das bedeutet, Game 257 selber auszuprobieren, die AGBs von App 1213 durchzulesen und immer wieder neue Regeln auszuhandeln. Und es heisst, die Kinder aufzuklären (im weitesten Sinne) und sie über versteckte Gefahren oder Marktmechanismen u.ä. zu informieren.


Hat man diese Basics einmal verinnerlicht, macht die Lektüre von "Dreissig Minuten, dann ist aber Schluss!" richtig Spass. Ich habe da von Dingen gelesen, von denen ich nie zuvor etwas gehört habe, z.B. von "Let's Plays" oder "FOMO" und ich habe selbst richtig Lust bekommen, tiefer in die digitale Welt, z.B. die der Games einzutauchen. Ausserdem finde ich es herrlich entspannend, so offen - aber nicht naiv - auf neue (oder nicht mehr so neue) Medienangebote zuzugehen und auch die Kinder lieber aufgeklärt und informiert als mit 1'000 Regeln, die sie noch so gerne brechen, einfach mal machen zu lassen (zuerst einmal mit Begleitung natürlich!).


Von Digital Natives, Youtube, Games und mehr

Mit ihrer humorvollen Art erklärt Patricia Cammarata anschaulich und mit ganz viel Hintergrundwissen, was bei Youtube so abgeht, wo das Problem bei WhatsApp liegt, was (Cyber-)Mobbing und Grooming ist und was davor schützt (ihr ahnt es: Aufklärung!). Sie geht auf die Funktionsweisen von Snapchat, Instagram, TikTok und anderen sozialen Plattformen ein. Sie bringt uns die Faszination rund um Computerspiele näher, thematisiert die (oft überschätzte) Suchtproblematik rund ums Spielen und Surfen. Kommt auf Pornos zu sprechen (denn darauf werden Kinder/Jugendliche unweigerlich stossen im Internet, Filter und Verbote hin oder her), geht kurz auf Augmented und Virtual Reality ein und spricht Hörspiele, Hörbücher und Podcasts an. Hörspiele, häääh? Werdet ihr vielleicht auch sagen. Ich hab doch früher auch stundenlang Kassetten gehört und ziehe mir jetzt Podcasts am Laufenden Band rein. Eben! ;-)


Für mich besonders einleuchtend ist auch ihr Ansatz, Kinder möglichst dazu zu bringen, Medien nicht nur passiv zu konsumieren, sondern produktiv und kreativ zu nutzen. Denn mit digitalen Medien lässt sich durchaus etwas erschaffen, lassen sich Probleme lösen, neue Wege finden, sich (kreativ) ausleben. Man denke nur ans Programmieren, an Stop-Motion-Filme oder digitale Zeichnungsprogramme. Die Zukunft wird nicht ohne digitale Medien stattfinden. Es gilt also nicht, Kinder kategorisch davon abzuhalten, sondern sie medienkompetent zu machen! Und quasi als Backup aus dem Zeitalter von DOS-Befehlen, Packman und piepsenden Modems beratend zur Seite zu stehen.


Fazit

Patricia Cammarata gelingt es mit "Dreissig Minuten, dann ist aber Schluss", Eltern humorvoll ans Thema Mediennutzung heranzuführen. Ihr Ansatz der Auseinandersetzung mit den Kindern und ihrem Medienkonsum auf Augenhöhe ist genauso bestechend wie entspannend. Anstatt gewisse (neue) Medien aufgrund von Halbwissen zu verteufeln, sollten wir Erwachsene uns besser damit auseinandersetzen und so fit genug werden, um die Kinder auf ihrem (eigenen) Weg durch den Mediendschungel zu begleiten. So vermittelt Patricia Cammarata anstelle von massenhaft Regeln (zum Vergessen) eine offene, konstruktive Haltung zu Medien. Ich habe nach der Lektüre jedenfalls richtig Lust, mich mit meinen Kindern gemeinsam durch den Mediendschungel zu schlagen - ohne ideologische Scheuklappen!



Die Fakten

Dreissig Minuten, dann ist aber Schluss! - Patricia Cammarata (Eichborn 2020)

Dreissig Minuten, dann ist aber Schluss!

Mit Kindern tiefenentspannt durch den Mediendschungel

Patricia Cammarata (Text)

Katja Berlin (Illustrationen)

Eichborn

317 Seiten

Erschienen am 27.03.2020

Taschenbuch

ISBN: 978-3-8479-0049-8


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Der grosse Digital-Check: Smartphone, Internet, Social Media - Gregor Eisenbeiss (cbj audio 2021)

Der grosse Digital-Check: Kinder aufklären und informieren mit Checker Tobi

Und hier kommt passend zum Buch für die Eltern ein Tipp für die Kinder: Checker Tobi, viele von euch kennen ihn bestimmt von der gleichnamigen Sendung im Bayerischen Rundfunk, gibt es jetzt auch als coole Sachbuchreihe und als Hörspiel (als Download oder auf CD).


Wir durften die ersten beiden CDs probehören und finden sie toll. Besonders empfehlen möchte ich euch an dieser Stelle "Checker Tobi - Der grosse Digital-Check". Darin erklärt Tobi in seiner gewohnt lässigen Art alles rund um Smartphone, Internet und Social Media. Es geht darum, was "digital" überhaupt heisst, wie Programmieren funktioniert, was das Internet ist oder wie wichtig Datenschutz und das Recht am eigenen Bild sind.


Alles Themen, die auch Patricia Cammarata in ihrem Buch für Erwachsene vermittelt. Das Hörspiel von Checker Tobi richtet sich an Kinder ab 8 Jahren und verbindet super die Vermittlung von Sachwissen mit einer kleinen Geschichte rund um Tobi und das Robotermädchen Roberta. Auch ein paar Checker-Witze dürfen natürlich nicht fehlen und schon gar nicht die berühmten Checker-Fragen! Im ergänzenden Booklet gibt es weiterführende Links und einige Regeln zum Verhalten im Internet.



Die Fakten

Checker Tobi: Der grosse Digital-Check - Gregor Eisenbeiss (cbj audio 2021)

Checker Tobi - Der große Digital-Check: Smartphone, Internet, Social Media – Das check ich für euch!

Gregor Eisenbeiß

Hörspiel mit Tobias Krell und Paulina Rümmelein

cbj audio

58 Minuten

Erschienen am 08.03.2021

Hörbuch CD

ISBN: 978-3-8371-5473-3

Ab 8 Jahren



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PS: Herzlichen Dank an Eichborn und cbj audio für die Rezensionsexemplare.



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