Laute Nächte - Buchtipp & Lesungsbericht
- 31. Mai
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 1. Juni
(Werbung) "Laute Nächte" von Anne Freytag begleitet mit ihrem neuen Roman "Laute Nächte" ihren Protagonisten Kenni durch tiefe Trauertäler, aber auch spassige WG-Nächte, lebensverändernde Vernissageabende und einen "heissen" Roadtrip durch Frankreich. Ein grosses Lesevergnügen, das sich mit dem Besuch einer Lesung der deutschen Autorin noch vergrössert hat.

Vielen von euch dürfte Anne Freytag als erfolgreiche Jugendbuchautorin bekannt sein, etwa von "Vom Mond aus betrachtet spielt das alles keine Rolle"* oder "Der Mund voll ungesagter Dinge"*. Anne Freytag schreibt aber auch erfolgreich für Erwachsene. Bei Kampa sind bereits die Romane "Lügen, die wir uns erzählen"* und "Blaues Wunder"* erschienen. Daneben tummelt sie sich auch noch im Sachbuchbereich.Mir war natürlich ihr Name ein Begriff, aber "Laute Nächte"* war tatsächlich mein Einstieg in die Anne-Freytag-Lesekarriere. Und so viel sei verraten: Diese Karriere wird bestimmt weitergehen! Ich habe mir jedenfalls bereits das Hörbuch von "Blaues Wunder" gespeichert (siehe unten).
Wie den Verlust der grossen LIebe verkraften?
Aber kommen wir zu "Laute Nächte": Ich-Erzähler Kenni hat mit 19 Jahren, kurz nach dem Abitur, etwas vom Schlimmsten erlebt, was man sich vorstellen kann: Er hat seine Freundin Jasmin durch einen tragischen Autounfall verloren. Er sass sogar an ihrem Krankenhausbett, als sie ihren Verletzungen erlag.
Kein Wunder, zieht es ihn erstmal weg. Weg aus München, weg von Jasmins trauernder Mutter, weg vom gemeinsamen Camper, mit dem sie am Tag nach dem Unfall einen Roadtrip durch Frankreich hätten starten wollen. Eher zufällig entscheidet sich Kenni, nach Wien zu gehen. Er tut so, als habe er sich für ein Studium eingeschrieben, aber eigentlich geht es ihm nur um den Ortswechsel. In Wien ist er nicht "der Typ mit der toten Freundin", sondern einfach nur ein junger Mann.
Die Wiener WG gehört Paul, einem gescheiterten Tennis-Profi. Weitere Mitbewohner*innen sind die schüchterne Julia, die äusserst anziehende Elif und der britische Austauschstudent Harry. Besonders Paul ist ein Glücksfall für Kenni. Denn ihm kann er sich öffnen, er be- oder verurteilt ihn nicht und er hat seine eigenen Abgründe. Auch er ist auf der Suche nach einem neuen Sinn im Leben.
Elif gefällt Kenni sehr, aber sie ist mit diesem doofen, reichen Typen namens Sebastian zusammen. Und ausserdem kann Kenni ja nicht einfach eine neue Freundin haben, das wäre doch Betrug an Jasmin. Kenni hat sogar ihren Kater mit nach Wien genommen. Er konnte ihn einfach nicht zurücklassen, dabei mag er ihn überhaupt nicht.
Anne Freytag lässt uns teilhaben am typischen WG-Leben junger Menschen rund um die Zwanzig und an Kennis Trauerverarbeitung. Durch die Ich-Perspektive fühlen wir seine Zerrissenheit unmittelbar. Wer ist er ohne Jasmin? Wer war Jasmin überhaupt? War sie so perfekt, wie sie jetzt nach ihrem Tod gezeichnet wird? Was soll Kenni mit dem Camper machen? Muss er die Reise nach Frankreich machen, Jasmin zu liebe? Er wäre ja lieber nach Schweden gefahren.
Und tatsächlich, es ergibt sich, dass Elif mit Kenni nach Frankreich fährt. Dass das nicht die beste Idee war, verrät uns Anne Freytag durch ihr Foreshadowing schnell. Ein guter Trick, um uns als Leser*innen neugierig zu machen, wie sich die Reise denn entwickelt hat.
"Und jetzt stehe ich hier in unserem Camper. Eine missglückte Flucht, weil ich mich dabeihabe. Meinen Kopf, meine Ängste, meine Erinnerungen. Ein blinder Passagier, der mich nachts nicht schlafen und tagsüber nicht wach werden lässt. Weil ich mich nicht loswerde, weil ich ich bleibe, egal, wo ich bin." / S. 228
Geschickt spannt uns die Autorin auf die Folter, denn erstmal treffen wir Kenni zehn Jahre nach seiner Zeit in Wien wieder. Er ist jetzt Künstler, auf dem Sprung zum grossen Durchbruch als Maler. In Zürich schildert die Autorin nur eine Nacht, aber die hat es in sich, denn es kommt zum Wiedersehen mit Paul, Elif und Julia.
Ich bin grösstenteils nur so durch die Seiten von "Laute Nächte" geflogen, das in sechs immer kürzer werdende Teile und angenehm kurze Kapitel gegliedert ist. Zur Kurzweiligkeit trägt auch bei, dass wir Kenni und seine Freunde in verschiedenen Jahrzehnten wiedertreffen und über Kennis Erinnerungen auch in seine Vergangenheit blicken können. Etwas wiederholend fand ich mit der Zeit seine Gedanken über Jasmin und ihre Beziehung.
Kenni macht im Verlauf des Buches eine grosse Entwicklung durch, nicht nur in Bezug auf die Bewältigung seiner Trauer, sondern auch in der Reflektion seiner Beziehung mit Jasmin und seiner beruflichen und privaten Selbstverwirklichung. Durch die lange Zeitspanne, die der Roman abdeckt, ist es eine Coming-of-Age-Geschichte, aber nicht nur. Ausserdem versteht es Anne Freitag sehr gut, in die doch eher traurige Thematik immer wieder auflockernde Momente einfliessen zu lassen, so dass man bei der Lektüre auch mal lachen kann.
Anne Freytag zeichnet ihre Figuren, allen voran Kenni, den wir als Erzähler natürlich am besten kennenlernen, sehr vielschichtig, mit den nötigen Brüchen und einigen Abgründen, aber auch so sympathisch, dass wir so richtig mit ihm mitleiden und mithoffen können. Auch Nebencharaktere wie Julia sind nicht flach gezeichnet, sondern erhalten in jeder Szene mehr Tiefe, oft nur durch Andeutungen, was sich hinter der vielleicht langweilig wirkenden Oberfläche verbirgt. Durch ihre unterschiedlichen Hintergründe hinsichtlich Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung und Klasse weisen die Figuren auch eine schöne Vielfalt auf, die nicht gross explizit thematisiert wird und auch nicht übertrieben wirkt, sondern selbstverständlich dazugehört und auch auf der Handlungsebene Sinn macht.
Etwas zusammenzucken liess mich aus weiblicher und feministischer Sicht der Male gaze, insbesondere von Kenni auf Elif. Vielleicht ist das in unserer patriarchal geprägten, hypersexualisierten Welt nicht unrealistisch. Aber so unkritisch und von Kenni nicht reflektiert, hatte ich Mühe damit, weil es Elif - vielleicht unwillentlich - objektifiziert. Andererseits ist Kenni der Ich-Erzähler und deshalb nehmen wir nun mal seine Perspektive ein und die darf auch mal unangenehm sein, was wir als Leser*innen ja wiederum reflektieren können, und was zur Vielschichtigkeit des Charakters beiträgt.
Aus dem Nähkästchen geplaudert
Neben der Lektüre des Buches hatte ich das Glück, eine Lesung von Anne Freytag besuchen zu dürfen. Sie hat diese quasi alleine bestritten, ohne Moderation oder ein geführtes Gespräch. Und sie kann das! Es war alles andere als eine öde Wasserglaslesung.
Sie hat uns so einige spannende Dinge rund um die Entstehung des Buches verraten. Wie man auch dem Nachwort entnehmen kann, hatte sie nämlich ganz schön dran zu knabbern. So sollte Kennis Roadtrip zuerst nach Schweden führen. Doch das schien Anne Freytag zu deprimierend, da musste mehr Hoffnung in die Geschichte. So wurde es dann Frankreich - "savoir vivre" und so. Ihre eigenen Campingerfahrungen im nicht gerade campingfreundlichen Südfrankreich bei unaushaltbarer Sommerhitze lassen auch nicht gerade auf den entspanntesten Roadtrip aller Zeiten schliessen und sind im Roman deutlich wiederzuerkennen.
Auch schön ist die Geschichte hinter dem fantastischen Cover: Dieses war tatsächlich vor der Geschichte fertig - sie hat unzählige Male neu begonnen - und kam durch einen schönen Zufall und den vollen Einsatz von Verleger Daniel Kampa zustande. Anne Freytag hatte im Literaturhaus München ein tolles Bild gesehen und schrieb Daniel Kampa, dass sie ein Bild der Künstlerin für ihr Cover wolle. Er machte die Künstlerin Amaia Gómez Marzabal kurzerhand ausfindig und zeigte Anne Freytag einige ihrer Bilder. Sie suchte das schönste davon aus der abstrakten Serie "The Unworldly" aus. Wie ihr bei der Lektüre merken werdet, passt es perfekt zum Buch.
Es war sehr spannend, einen Einblick in das Vorgehen der Autorin zu erhalten. So verriet sie uns etwa, dass sie nicht die ganze Geschichte im Voraus plottet, sondern sich von den Figuren leiten lässt. Sie lässt sich also auch selber noch überraschen und wir können sehr froh sein, "Laute Nächte" jetzt lesen zu können. Kenni hat ihr das Leben nicht leicht gemacht und sie hätte ihn manchmal gerne über die sprichwörtliche Klippe springen lassen.
Ich bin der Autorin auch dankbar, dass ich mit dem Buch wieder einmal literarisch die Zürcher Kronenhalle besucht habe. Denn auch wenn ich im echten Leben noch nie dort war, freue ich mich als Schweizerin immer über etwas Lokalkolorit! Weshalb auf dem Foto oben ein Daruma abgebildet ist und welche Rolle alte CDs im Buch spielen, müsst ihr euch selber erlesen. Es lohnt sich!
Bist du jetzt neugierig auf den Roman? Dann kann ich dir sehr empfehlen, es anzulesen mit der Leseprobe von Book 2 Look*. Ich bin sicher, Anne Freytag überzeugt dich auch auf den ersten Seiten!
Die Fakten
Anne Freytag
Kampa Verlag
320 Seiten
Erschienen am 22.04.2026
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen
ISBN: 978-3-311-10166-6
PS: Herzlichen Dank an ehrlich & anders und an den Kampa Verlag für das Rezensionsexemplar und die Einladung zur Lesung.
"Laute Nächte" bei Storytel hören und Hörbuch-Abo gratis testen
"Laute Nächte" von Anne Freytag gibt es von Saga auch als Hörbuch. Das Hörbuch wird gelesen von Pascal Houdus. Bei Storytel könnt ihr sowohl diesen als auch viele weitere Romane von Anne Freytag finden. So etwa "Blaues Wunder" (auch als E-Book verfügbar) oder "Lügen, die wir uns erzählen".
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Viel Spass beim Lesen oder Hören!
Eure Eliane
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