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fundamentalös - mit Impressionen vom Meet & Greet

  • vor 1 Tag
  • 4 Min. Lesezeit

(Werbung) Ein witziger Roman über eine IS-Braut und eine UNO-Mitarbeiterin. Geht das? Oh ja! Nussaibah Younis beweist es mit ihrem Debütroman "fundamentalös". Ich gebe euch einen Einblick ins Buch und einige Impressionen vom Meet & Greet, zu dem der Unionsverlag in Zürich geladen hatte!



fundamentalös - Nussaibah Younis (Unionsverlag 2026)


Mich kriegte "fundamentalös" ja schon mit dem Setting und weil die Londoner Autorin Nussaibah Younis wie ich Politikwissenschafterin ist. Übersetzerin Jasmin Humburg, der ich seit Jahren auf ihrem Account @leaf.and.literature auf Instagram folge und das sehr gerne, war ein weiterer triftiger Grund, das Buch zur Hand zu nehmen. Und wer noch einen Grund braucht: "fundamentalös" stand 2025 auf der Shortlist des Women's Prize for Fiction.


Was für ein Glück, dass dann auch noch der unabhängige Schweizer Unionsverlag zu einem Meet & Greet über den Dächern von Zürich lud. Diese Gelegenheit konnte ich mir nicht entgehen lassen und startete sofort mit der Lektüre. Klickt euch durch die Fotos für einige Impressionen vom wunderschönen Abend mit Nussaibah Younis auf der Dachterrasse und einer kleinen Führung durch die Verlagsräumlichkeiten.




Fotos: Eliane Fischer, mintundmalve.ch


Wenn ihr Nussaibah Younis mal live erleben könnt, nehmt die Gelegenheit unbedingt wahr. Sie ist sehr sympathisch und mindestens so witzig und direkt wie ihre Romanfiguren! Eine kleine Lesesequenz könnt ihr im Video (auf Englisch) anschauen.


Video: Eliane Fischer, mintundmalve.ch. Nussaibah Younis liest aus "fundamentally".


Auf heikler Mission im Irak

Nadia Amin, Doktor der Kriminologie und Ich-Erzählerin von "fundamentalös", reist für die UNO in den Irak. Sie soll ein neues Programm aufbauen, mit dem Mädchen und junge Frauen aus Europa, die sich IS-Kämpfern angeschlossen haben, deradikalisiert und in ihre Heimatländer zurückgeführt werden sollen.


Wir steigen nah an der Gegenwart in den Roman ein: Nadia und Sara kämpfen sich durch das Zagros-Gebirge.


»Ich schwör dir, Sara, wenn du nach dem ganzen Scheiß hier immer noch eine verfickte Fundi bist, dann verkauf ich dich eigenhändig in die Zwangsprostitution.« Ihr Lachen schallte durch die Nachtluft. Das war genau ihr Humor, und dafür liebte ich sie. Aber das rechtfertigt nicht, was ich getan habe. / S. 8

In Rückblenden erfahren wir den Grund für ihren Irak-Einsatz: Ihre langjährige Liebe Rosy hat sie sitzengelassen, sie brauchte unbedingt einen Tapetenwechsel und wollte einfach nur weg von Rosy, von London und ihrer angespannten Beziehung zur tief religiösen Mutter, die Nadia verstossen hatte.


Wir kommen mit Nadia in Bagdad an. Es ist alles etwas anders als erwartet. Bagdad erstaunlich modern, die UNO-Strukturen verkorkst und ihre Mitarbeitenden, sagen wir es mal freundlich, wenig hilfreich.


"Und ich dachte, ich könnte etwas bewirken? Eine ausländische Akademikerin mit Liebeskummer, die nach knapp zwei Jahrzehnten internationalen Versagens hier reingeschneit kam? Wie überheblich konnte man sein?"/ S. 20

Nadia ist eine sehr humorvolle, selbstironische und selbstkritische Erzählerin, die uns durch das Chaos vor Ort trägt. Schnell freundet sich Nadia mit einer der "IS-Bräute" an. Die im Zitat erwähnte Sara ist wie Nadia aus East London, kommt aus einem ähnlichen Umfeld und nimmt genau wie Nadia kein Blatt vor den Mund. Natürlich ist eine solche "Freundschaft" problematisch. Doch auch wenn Nadia die Problematik zu einem gewissen Grad bewusst ist, reitet sie sich immer tiefer in die Sache rein.


Trotz viel Humor und so einigen Szenen unter der Gürtellinie - oder in der Horizontalen - ist "fundamentalös" keineswegs seichte Unterhaltung. Im Gegenteil: Nussaibah Younis nutzt sie als Stilmittel, um problematische Mechanismen anzusprechen: geopolitische EInflussnahme im Allgemeinen, internationale bzw. interkulturelle Hilfs- oder Entwicklungsarbeit und UNO-interne Machtspielchen im Besonderen. So wird klar: Nadia Amin verhält sich problematisch, ja. Aber unter den gegebenen, viel tiefer liegenden und schwer veränderbaren Umständen auch einfach menschlich. Und so wird "fundamentalös" auf subtile Art zur Systemkritik, die lange nachhallt.


So ab der Mitte liess der Sog des Romans leider etwas nach. Der Humor vermochte nicht, durch das ganze Buch zu tragen. Gegen Ende wird die Handlung zwar rasanter, aber lässt etwas an Glaubwürdigkeit vermissen. Da läuft einiges etwas zu glatt für meinen Geschmack. Trotzdem kann ich die Lektüre von "fundamentalös" insgesamt empfehlen. Nussaibah Younis' humorvolle und sprachlich äusserst direkte, manchmal derbe Herangehensweise an ein ernstes, problematisches und zuweilen bedrückendes Thema ist erfrischend anders.


Jasmin Humburg hat den Roman brillant ins Deutsche übertragen. Ich bin über keine Wendungen gestolpert, die entweder zu englisch oder zu deutsch klingen. Da gibt es keine schiefen Wortspiele, Methapern oder Witze, die nicht funktionieren würden in der Übersetzung. Und auch die derbe Sprache bringt sie gut rüber, ohne es zu übertreiben.


Ich freue mich schon auf den zweiten Roman von Nussaibah Younis, der aktuell in Arbeit ist und 2028 auf Englisch erscheinen soll.


Fazit

Mit "fundamentalös" ist Nussaibah Younis ein witziges und tiefgründiges Debüt gelungen, das den Umgang mit Religion, das Aufwachsen als muslimische Jugendliche in London, die Suche nach Zugehörigkeit und die Arbeit internationaler Organisationen in Kriegsgebieten thematisiert. Mit scharfem Blick und ebenso scharfer Zunge erzählt sie vom menschlichen Idealismus, der auf korrupte internationale Strukturen und harte politische Realitäten trifft.


Die Fakten

Nussaibah Younis

Jasmin Humburg (Übersetzung aus dem Englischen)

Unionsverlag

384 Seiten

Erschienen am 20.02.2026

Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

ISBN: 978-3-293-00644-7



PS: Herzlichen Dank an den Unionsverlag für das Rezensionsexemplar und die Einladung zum Meet & Greet! Ein Blick ins Programm des Unionsverlags, der 2025 sein 50-jähriges Bestehen feierte und unter dem Motto "Weil die Welt weit ist" Literatur aus aller Welt publiziert, lohnt sich übrigens sehr.


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