Ein Jahrhundert im Schnelldurchlauf

Franziska Hauser hat gerade ihr neues Buch veröffentlicht. Ich habe mich im Rahmen eines Lesekreises erst mal ihrem buchpreisnominierten Roman "Die Gewitterschwimmerin" angenommen. Wie es mir gefallen hat? Lest selbst!



"Die Gewitterschwimmerin" erschien 2018 bei Eichborn (im Bild die Taschenbuchversion vom btb Verlag) und schaffte es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2018.


Die Berliner Autorin Franziska Hauser erzählt in dem Roman die Familiengeschichte der Hirschs und umreisst damit mehr als ein ganzes Jahrhundert. Von Friedrich Hirsch, der im Ersten Weltkrieg diente und im Zweiten Weltkrieg aufgrund seiner jüdischen Abstammung vor den Nazis fliehen musste. Von seinem Sohn Alfred Hirsch, der sich früh den Kommunisten und im Zweiten Weltkrieg der französischen Résistance anschloss, um nach dem Krieg beim Aufbau der DDR zu helfen. Und von ihren Frauen, Enkelinnen und Urenkelinnen, die alles andere als einfache Leben hatten mit diesen Männern.


Zwei gegenläufige Erzählstränge

Franziska Hauser hat den Roman sehr spannend aufgebaut. Ein Erzählstrang ist aus Sicht von Tamara Hirsch, Alfreds Tochter, in der Ich-Form geschrieben und bewegt sich aus dem Jahr 2011 rückwärts bis zu ihrer Geburt. Der andere holt uns 1889 während Friedrichs Kindheit im badischen Endingen ab und führt uns bis ins Jahr 2017 in Berlin.


"Ein paar Mädchen gab es in der Familie, die lieber gebildet sein statt verheiratet werden wollten. Ein paar Jungs gab es, die andere Interessen hatten als Macht und Verantwortung. Friedrich war einer davon." (S. 29)

Für diesen Handlungsstrang bedient sich die Autorin eines auktorialen Erzählers. Im letzten Drittel des Buches kreuzen sich die beiden Stränge. Den Aufbau fand ich sehr interessant, aber er wirkte mit der Zeit doch etwas sehr konstruiert und verhinderte, dass man so richtig in die Geschichte eintauchen konnte, da man sehr viel Personal und zeitlich gegenläufige Erzählstränge im Kopf behalten musste. Besonders die umgekehrt chronologische Perspektive verlangt einiges an Gehirnakrobatik, um die jeweiligen Ereignisse in sinnvolle Zusammenhänge zu stellen.


Ein Kapitel deutscher Geschichte

Die Geschichte beginnt mit dem Tod von Tamaras Mutter Adele, zu der sie offenbar ein sehr distanziertes und konfliktreiches Verhältnis pflegte. Wie es zu dieser verrütteten Beziehung kam, wird nach und nach durch die Familiengeschichte aufgedeckt.


"Ich setze mich in den Sand und muss gleichzeitig lachen, weil mir Adeles heimliche Schwäche für Männer in Uniformen einfällt. Im Arm eines Polizisten zu sterben muss ihr gefallen haben." (S. 8)

Diese Geschichte ist an sich sehr spannend, es passiert viel. Es werden viele Themen (Judenfeindlichkeit, Frauenrechte, Krieg, DDR, die Wende, Bildung, Politik, häusliche Gewalt, Suizid, Missbrauch etc.) angesprochen. Die Personen sind gut gezeichnet in ihrem oft sehr eigenen, unkonventionellen, radikalen Wesen. Gerade Tamara Hirsch hat mir in ihrer direkten, eigenwilligen, schnoddrigen Art gut gefallen, obwohl sie, wie viele andere Protagonist*innen, keine Sympathieträgerin ist. Trotzdem zog sich der gut 400-seitige Roman ziemlich in die Länge. Das führe ich auf die erwähnte komplexe Struktur, auf die teils fehlende Tiefe (der grossen Zeitspanne geschuldet) und auf die für mich schwer erträglichen Schilderungen des Kindesmissbrauchs zurück.


Fazit

Insgesamt habe ich "Die Gewitterschwimmerin" von Franziska Hauser gerne gelesen. Der Roman verflicht viele spannende historische Ereignisse mit der aussergewöhnlichen Familiengeschichte der Hirschs und den Beziehungen, Kämpfen und Träumen der einzelnen Personen. Es ist aber ein thematisch und von der Struktur her anstrengendes Buch. Als Buch gegen das Vergessen und als Buch, das über die Rolle der Frauen über das letzte Jahrhundert und darüber hinaus nachdenken lässt, finde ich es aber durchaus lesenswert.


PS: Ich habe das Buch im Rahmen von Marias Lesekreis (@mariaslesekreis) auf Instagram gelesen. Vielleicht wollt ihr einmal vorbei schauen und euch an einer gemeinsamen Lektüre beteiligen und dann mitdiskutieren. Ich würde mich freuen!


PPS: Für den Deutschen Buchpreis nominiert waren auch der kürzlich besprochene Roman "Der Sommer meiner Mutter" von Ulrich Woelk und "Wiener Strasse" von Sven Regener.



Die Fakten

Die Gewitterschwimmerin

Franziska Hauser

btb Verlag

Taschenbuch

432 Seiten

Erschienen am 09.12.2019 (Original 2018 bei Eichborn)

ISBN: 978-3-442-71915-0


Interview mit Franziska Hauser


Franziska Hausers neuer Roman heisst "Die Glasschwestern" und ist am 28.02.2020 bei Eichborn erschienen.



Like it? Pin it!

Magst du diesen Buchtipp? Dann freue ich mich, wenn du ihn dir als Pin auf ein Board pinnst.




NEUE BEITRÄGE

BLOG PER E-MAIL ABONNIEREN

© 2020 by mintundmalve