Alte Sorten - der perfekte Herbstroman

Meine Erwartungen waren hoch. Vielleicht zu hoch? Über den Roman "Alte Sorten" von Ewald Arenz habe ich im Vorfeld viel gelesen. Ob der Hype um das Buch berechtigt ist? Meine Meinung erfahrt ihr hier.



"Alte Sorten" von Ewald Arenz ist mir auf Instagram letztes Jahr sehr oft begegnet und vom tollen Cover her hat es mich sofort neugierig gemacht. Dann wurde es auch noch ins Finale vom Lieblingsbuch der Unabhängigen 2019 gewählt und ist in der Taschenbuchausgabe gerade auf der Spiegel-Bestsellerliste. Ich lasse solche Hypes ja gerne etwas an mir vorbeigehen, um das Buch dann wie die alte Fasnacht unbefangen lesen zu können. Als es nun in Marias Lesekreis auf Instagram auserkoren wurde, wollte ich aber unbedingt mitlesen.


When Harry..., äh, Liss met Sally

Worum geht es in "Alte Sorten"? Sally ist fast 18 und gerade aus der Klinik abgehauen. Weshalb sie genau in der Klinik war, erfahren wir nicht, aber ihr Aufenthalt scheint im Zusammenhang mit einer Essstörung zu stehen. Sally hat keinen Bock auf gar nichts: Schule ist doof, Eltern sind doof, Essen ist doof und die Leute in der Klinik sowieso. Alle meinen zu wissen, was gut für sie ist und wie sie sich zu verhalten habe. Auf ihrer Flucht trifft sie auf Liss, eine Frau in den mittleren Jahren, die gerade mit ihrem Anhänger im Graben stecken geblieben ist. Wie selbstverständlich bittet Liss Sally um Hilfe. Liss ist sofort klar, woher Sally kommt und lädt sie ein, bei ihr auf dem Hof zu übernachten.


Sally nimmt an und ohne weiter darüber zu sprechen, bleibt sie Nacht um Nacht, Tag um Tag auf dem Hof, ist viel für sich, aber beginnt auch nach und nach, sich mit Liss zu unterhalten, hilft ihr immer wieder auf dem Hof. Sie ernten Kartoffeln, versorgen die Bienen, pflücken Birnen und Trauben. Sally merkt, dass Liss wie sie eine Einzelgängerin ist. Die Leute im Dorf meiden sie oder begegnen ihr sogar abweisend. Nach und nach findet Sally und so auch die*der Leser*in heraus, welche Geschichte hinter diesem Verhalten steckt.


Was nicht passt, wird passend gemacht

Die gemächliche Erzählweise, die ländliche Idylle und die Zeit der Ernte machen den Roman von Ewald Arenz zum perfekten Herbstbuch. Für mich als Landkind war das teilweise schon etwas zu romantisiert, gerade aufgrund der ausufernden Sprachbilder.


"Und sie meinte, das Rot süsser zu schmecken und im Weiss eine winzige Spur Bitterkeit, und zusammen war es ein Geschmack, der ... vielleicht würde Sonnenlicht so schmecken, wenn es einem nach einem langen Sommer durch das weite Blau des Himmels und dann durch das alte Grün hoher Bäume direkt auf die Zunge fiele." (S. 114)

Da war es gut, dass das urig-heimelige Ambiente in starkem Kontrast zu den seelischen Abgründen der beiden Frauen stand. Denn das ist das Eindrückliche am Buch: dieser Einblick und das langsame Herausschälen der alten Verletzungen, des Aufbäumens gegen familiäre Zwänge und ein gesellschaftliches Korsett, in das diese beiden Persönlichkeiten einfach nicht passen.


"Sie wusste, es war alles nur auf Zeit. Auch das Lachen war eigentlich nur geliehen, dieser Augenblick der Befreiung nur auf Kredit, weil sie hier ja nicht immer würde bleiben können." (S. 159f.)

Ich habe das Buch aufgrund von Cover und Klappentext etwas falsch eingeschätzt, zum Glück! Denn als herbstliches Wohlfühlbuch wäre es mir zu pathetisch gewesen. Aber das Suchen der beiden Frauen nach eigenen Wegen, nach der eigenen Persönlichkeit, dem für sie passenden Leben gegen alle Widerstände war spannend.


"Und so fühlte sie sich jetzt innen an. Als ob alles aus ihr geflossen wäre und in ihr eine Wüste aus Schlamm wäre. Aus der all das hässlich und schroff und überwachsen herausragte, was sonst unter der glitzernden Oberfläche des Wassers verborgen lag. (...) Alles war aus ihr herausgeflossen, und sie war leer bis auf den stinkenden Bodensatz." (S. 191f.)

Gut Ding will Weile haben

Zugegeben, ich kam in dem Buch etwas schleppend voran, weil ich nicht so viel Lesezeit hatte. Und in der Mitte hatte ich einen echten Hänger, da dreht sich die Handlung für meinen Geschmack etwas zu sehr im Kreis. Aber bei diesem Buch lohnt es sich wirklich, dran zu bleiben. Die letzten 100 Seiten haben es nochmals so richtig in sich. Denn die traute Zweisamkeit von Liss und Sally wird jäh durchbrochen, als die Polizei auf dem Hof auftaucht und Liss verhaftet. Weshalb, müsst ihr selber herausfinden.


Ewald Arenz erzählt in der dritten Person, betrachtet die beiden Frauen aber nicht von aussen, sondern nimmt immer abwechselnd ihre Perspektiven ein. In die in der Gegenwart fortschreitende Handlung sind immer wieder Rückblenden eingeflochten, die uns v.a. Einblick in Liss' Leben geben. Ganz toll wechselt Arenz auch die Tonalität: Sally drückt sich jugendsprachlich, frech, rotzig aus. Die ältere Liss ist da schon zurückhaltender.


Fazit

"Alte Sorten" ist für mich nicht das vielbesungene Meisterwerk, aber durchaus ein Roman, den ich gerne gelesen habe. Ein Buch, das sich zweier verlorener Seelen gekonnt nähert und immer wieder sprachliche Perlen ans Tageslicht befördert. Auch wenn der Autor manchmal etwas übers Ziel hinausschiesst. Ein Lesetipp für alle, die sich nach einem Herbstroman sehnen, der alles andere als seicht ist!


Die Fakten

Alte Sorten

Ewald Arenz

Dumont

256 Seiten

Erschienen am 18.03.2019 (Hardcover)

Taschenbuch (21.07.2020)

ISBN: 978-3-8321-6530-7


Website von Ewald Arenz



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