Herbst in Wien

Nach zweijähriger Pause erzählt Petra Hartlieb mit ihrem Roman "Herbst in Wien" die Geschichte um Marie und Oskar weiter. Die beiden überstehen nicht nur die harte Zeit des Ersten Weltkriegs, sie haben auch private Schicksalsschläge zu verkraften.


Herbst in Wien - Petra Hartlieb (Dumont 2021)

Auf dem Blog vorgestellt habe ich euch bereits die Vorgängerbände von Petra Hartliebs Romanreihe "Wenn es Frühling wird in Wien" und "Sommer in Wien". Wer ganz vorne beginnen will, kann das mit "Ein Winter in Wien" tun. Am Setting hat die österreichisch-deutsche Autorin auch in Band 4 nichts geändert: Wir erleben die Höhen und Tiefen des Liebes- und mittlerweile Ehepaars Marie und Oskar Novak aus Wien. Auch Freundin Fanni Gold und am Rande die Familie des berühmten Autors Arthur Schnitzler spielen wieder eine Rolle.


Zwischen zwei Kriegen

Petra Hartlieb wirft uns hinein ins Jahr 1931, um uns direkt im ersten Kapitel zu verraten, dass Marie und Oskar ihre Tochter Rosa verloren haben. Dann setzt die Geschichte im Jahr 1915 ein und wird relativ linear erzählt bis zurück (oder vorwärts, wie man's nimmt) ins Jahr 1931. Wie es zum Tod der Zweitgeborenen kam, erfahren wir im Verlauf der Geschichte. Und wir erleben, wie Oskar verletzt aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrt, wie die Familie in der restlichen Kriegszeit und auch danach zu kämpfen hat, Existenzängste aussteht - Bücher sind nicht gerade die erste Wahl, wenn das Elementarste knapp ist.


Wir werden auch Zeug*innen von einer Art politischer Erweckung von Marie, die sich mehr und mehr für soziale und politische Rechte, vor allem Frauenrechte zu interessieren beginnt. Triebfeder ist ihre Freundin Fanni - Tochter eines grossen Buchhändlers in Wien. Und dann taucht da auch noch jemand aus Maries Verwandtschaft auf, der oder die ebenfalls in feministischen Kreisen verkehrt. Die wachsende Judenfeindlichkeit in Österreich und der Aufstieg der Nationalsozialisten spielen nur ganz am Rande eine Rolle. Aus heutiger Sicht erscheinen Marie und Oskar etwas naiv. Doch ihre relative Unbekümmertheit - Oskar ist Jude - war in den Goldenen Zwanziger Jahren mit neuen gesellschaftlichen Errungenschaften wie dem Frauenwahlrecht, wirtschaftlichem Aufschwung und sich lockernden sozialen Geboten gewiss keine Seltenheit.


Petra Hartlieb erzählt zwar in der dritten Person, aber nimmt klar Maries Perspektive ein. So erfahren wir auch viel über die Schwangerschaften und die Geburten ihrer insgesamt vier Kinder. Marie reflektiert ihre Rolle als Mutter und Frau und sucht immer noch ihren Platz zwischen dem heimatlichen Burgenland, ihrem Leben als Kindermädchen der Schnitzlers und ihrem jetzigen Leben als Mutter und Frau eines Buchhändlers.


Mehr als ein Intermezzo?

Mir kommt Band 4 ein wenig vor wie ein Zwischenspiel, als wäre es nur die Vorbereitung auf einen fünften Band, in dem die Geschichte uns in den Zweiten Weltkrieg führen könnte. Vielleicht stimmt das und vielleicht passt das auch ganz gut zur Epoche zwischen den beiden Weltkriegen, aber ganz rund ist die Sache nicht.


Da es sich um den vierten Band einer Reihe handelt, der aber auch für sich verständlich sein soll, enthält der Roman viele Rückblenden, die zumindest für "Marie und Oskar"-Kennerinnen recht ermüdend wirken. Sehr viel wird hier nochmals aufgerollt, so dass man manchmal das Gefühl hat, die Handlung in der Gegenwart der Protagonist*innen würde zu wenig tragen. Führt man sich allerdings nach der Lektüre nochmals vor Augen, was da alles geschehen ist, müsste der Stoff für zwei oder mehr Romane reichen.


Fazit

Insgesamt ist "Herbst in Wien" wieder flüssig und mitreissend erzählt und mit dem Teaser am Anfang und dem geschlossenen Kreis - wir schreiben zu Beginn und am Ende 1931 - geschickt komponiert. Erneut gelingt es Autorin und Buchhändlerin Petra Hartlieb Zeitgeschichte mit einer bewegenden Familiengeschichte zu verknüpfen und mit einer Prise Feminismus zu würzen. So bietet der Roman eine leichte, aber nicht seichte Lektüre für ein nebliges Novemberwochenende. Für Fans der Reihe sicher ein Muss. Allen anderen empfehle ich, bei Band 1 oder 2 zu beginnen.


PS: Wer mehr über Petra Hartlieb und ihre Buchhandlung in Wien erfahren möchte, kann in meiner Besprechung von "Meine wundervolle Buchhandlung" weiterlesen.


Die Fakten

Herbst in Wien

Petra Hartlieb

Dumont

192 Seiten

Erschienen am 17.09.2021

Hardcover mit Lesebändchen

ISBN: 978-3-8321-8145-1


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Herzlichen Dank an den Dumont Buchverlag für das Rezensionsexemplar.


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