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Maman - eine Annäherung an die Mutter

Sylvie Schenk nähert sich in ihrem autofiktionalen Roman "Maman" ihrer Mutter an, die für sie zu Lebzeiten und auch nach ihrem Tod schwer zu fassen ist.

Sylvie Schenks Roman "Maman" stand auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Zum Sieg hat es nicht gereicht, der ging an Tonio Schachingers "Echtzeitalter". Trotzdem möchte ich euch "Maman" hier natürlich noch vorstellen, vielleicht ist es ja für die eine oder den anderen etwas (weitere Romane der Long- und Shortlist findet ihr unten) und die nominierten Bücher lohnt es sich natürlich auch nach der Preisverleihung noch zu entdecken.



Eine Mutter, die sich jeder Einordnung entziehet

"Ihr Leben war ein Mosaik aus kleinen Handgriffen. Aber uns wird sie immer durch die Finger gleiten, eine sich entziehende Mutter." (S. 155)

Renée Gagnieux, die im Zitat erwähnte Mutter, wird 1916 als Tochter einer Seidenarbeiterin und wohl auch Prostituierten in Lyon geboren. Die Mutter Cécile stirbt kurz nach der Geburt. Renée wird nach einer leidensvollen Zeit als Pflegekind (Verdingkind wäre wohl der treffendere Ausdruck) von Charles-Léon und Marguerite Legendre adoptiert.


"Sie, ihre Adoptiveltern, mein Vater, dessen Familie, alle haben uns, ihren Kindern, ihre Herkunft verheimlicht. Sie war eine, die schwieg und sich schämte, dabei zu sein, weil ihre Eltern und Schwiegereltern sich ihrer Abstammung schämten und sie verschwiegen..." (S. 16)

Wer ihre richtige Mutter war, wusste Renée selber nicht und sie sprach auch zeitlebens nie darüber. Dieser unbekannten und verschwiegenen Geschichte macht sich Sylvie Schenk in ihrem autofiktionalen Roman "Maman" auf die Spur. Wie könnte sie sich zugetragen haben? Was lässt sich in Archiven noch herausfinden? Wie prägt die unbekannte Mutter ihre Tochter Renée und vielleicht auch noch die Generation der Enkel*innen rund um Sylvie und ihre Geschwister?


Renée hatte in ihrer Adoptivmutter Marguerite zwar eine sehr unterstützende und liebende Mutter. Dennoch blieb sie schweigsam, verschlossen, in sich gekehrt, fühlte sich fehl am Platz, ausgeschlossen von der bürgerlichen Gesellschaft. Für ihre Kinder, darunter die Autorin, war eine gewisse Kühle und Distanz zwar schmerzhaft, hatte aber auch Vorteile.


"Maman hat uns in die Welt gesetzt und wild wachsen lassen wie Unkraut. " S. 14

"Maman" ist also keine Abrechnung von Sylvie, sondern vielmehr ein Nachspüren, wie ihre Mutter so werden konnte, wie sie eben war. So geht es im Buch um intergenerationale Traumata, Klassismus, Mutterschaft, das Aufwachsen in einer Adoptivfamilie, den Hass auf den Ehemann, das Unvermögen, den eigenen Kindern über das Säuglingsalter hinaus Liebe zu schenken.



Als wäre die Autorin mit vor Ort

Das Besondere an Sylvie Schenks Roman ist die Perspektive, die sie einnimmt. Sie fühlt sich mitten hinein in die Geschehnisse, erlebt sie mit ihrer Mutter (und teils auch Grossmutter) nochmals mit und gibt uns Leser*innen ihre Beobachtungen praktisch ungefiltert weiter. Und das mit einer direkten, manchmal derben, aber auch sehr präzisen Sprache, etwa wenn sie von der Hochzeitsnacht von Renée und Jean in Venedig berichtet:


"....überfällt es sie plötzlich wieder, der Hof, der Bauer, seine Frau, die Scheune, der Hund, alles gleichzeitig und zusammengemischt. Sie hört deutlich dieses Wort: Bastard. Sie beginnt zu winseln, sich zu winden, zu hecheln, sie schreit, stemmt sich gegen die Schulter des Mannes..." (S. 130)

Es mag in der Natur der Hauptfigur der "Maman" liegen, die sich eben immer entzieht, aber trotz teilweise eindrücklicher Stellen, hat mich das Buch nicht in Gänze erreicht, kriegte auch ich diese Mutter nicht zu fassen. Vielleicht schwebt aber auch - ungerechterweise - mein Leseeindruck von "Die Postkarte" von Anne Berest noch über dieser Lektüre. Ein Buch, das ich euch auch bald vorstellen möchte.


Wer autofiktionales Schreiben und Bücher über Mutter-Tochter-Beziehungen mag, sollte es am besten selber mal mit "Maman" versuchen!


Fazit

"Maman" von Sylvie Schenk ist eine berührende Spurensuche nach der Mutter, die zwar immer da, aber doch irgendwie abwesend wahr. Eine autofiktionale Annäherung an eine Mutter, die zwar Opfer ihrer Zeit und Situation war, aber eben nicht nur. Mit grossem Einfühlungsvermögen und viel Fantasie versucht die deutsch-französische Autorin die Lücken ihrer familiären Herkunft zu füllen. Ein Versuch, der in meinem Fall nicht ganz gelungen ist, aber vielleicht auch nicht gelingen kann - wie das Eingangszitat erahnen lässt.



Die Fakten

Sylvie Schenk

Hanser Verlag

176 Seiten

Erschienen am 20.02.2023

Hardcover

ISBN: 978-3-446-27623-9




PS: Herzlichen Dank an den Deutschen Buchpreis und an den Hanser Verlag für das digitale Rezensionsexemplar. Seitenzahlen beziehen sich auf die E-Book-Ausgabe und können von der Printversion abweichen.




Weitere Bücher der Longlist oder Shortlist des Deutschen Buchpreises 2023 bei mint & malve





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