Pina fällt aus
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(Werbung) "Pina fällt aus". Mit dem Titel von Vera Zischkes neuem Roman beginnt das Unglück: Pina kann nicht mehr für ihren Sohn sorgen. Doch Leo ist nicht alleine. In Form seiner skurrilen Hausgemeinschaft bahnt sich ein grosses Glück an.

Eins vorneweg: "Pina fällt aus", der zweite Roman von Vera Zischke, hat mich total begeistert. Würde ich Sternebewertungen geben, würde ich mit Sternen um mich werfen. Meine Worte hier können dem gar nicht gerecht werden. Ich weiss jetzt schon, dass das ein Jahreshighlight ist und dass das Buch noch lange bei mir nachhallen wird - aus verschiedensten Gründen. Aber kommen wir zuerst einmal zur Handlung.
Ausfallen unmöglich
Pina lebt mit ihrem 20-jährigen Sohn Leo zusammen. Seit Jahren kümmert sie sich ganz alleine aufopferungsvoll um den autistischen Jungen, der mittlerweile zum jungen Mann herangewachsen ist. Seinen Alltag kann er nicht ohne seine Mutter bewältigen. Würde Pina ausfallen, hätte das fatale Folgen. Leo wäre ganz auf sich gestellt, denn er hat sonst niemanden.
"Er braucht sie nicht nur, weil sie ihn versorgt. Er braucht sie auch, weil sie die Welt für ihn zusammenhält, sortiert, gelegentlich aussperrt und in verdaubare Häppchen einteilt. Ohne sie implodiert seine ganze Galaxie, fällt in sich zusammen, zerbröselt zu Staub und er fällt, fällt, fällt." / S. 14
Und genau das passiert. Nachdem Pina seit Wochen ihre immer schlimmer werdenden Bauchschmerzen ignoriert hat, klappt sie eines Tages mit ihren Einkäufen mitten auf der Strasse zusammen. Pina landet auf der Intensivstation. Diagnose: Magendurchbruch. Sie liegt im Koma, kann niemanden über Leo und seine Situation informieren.
Leo ist während Pinas Einkaufstour bei Inge, der 87-jährigen Nachbarin, die schon ewig in diesem Haus lebt und auch nicht vor hat, es nochmals zu verlassen - jedenfalls nicht lebend. Sie wartet eigentlich nur auf den Tod, unterbrochen von 1,5 Stunden pro Woche, in denen sie sich um Leo kümmert, damit Pina einkaufen gehen kann.
Nach einigen Stunden dämmert Inge, dass etwas passiert sein muss. Leo wird auch schon ganz unruhig, ruft nach seiner "Muttsch". Sie weiss, dass sie Leo nicht gewachsen ist, ihn und seine Eigenheiten, seine Zwänge und unausgesprochenen Abläufe und Regeln zu wenig kennt. Hilfe findet sie erstaunlicherweise in ihren Nachbar*innen, der Schulabbrecherin Zola aka Sinéad O'Connor und dem Kristallfigurensammler Wojtek, der seine Internetbekanntschaft irgendwo weit weg am Polarkreis liebt.
"Zola sieht sie [Inge, A.d.R] an, als wäre sie jetzt endgültig senil, aber so ist das mit Leo, so viel hat Inge verstanden. Er hat viele Schrankfächer in seinem Kopf, und wenn er etwas nicht gleich einräumen kann, bleibt es liegen und liegt im Weg rum und dann passt nichts mehr daran vorbei." / S. 74
So plastisch wie im echten Leben
Vera Zischke hat eine grosse Gabe, Figuren schnell lebendig werden zu lassen, ihnen eine ganz eigene Stimme zu geben und sie mit liebevoll kauzigen Eigenheiten auszustatten. So findet man Inge, Zola und Wojtek ebenso liebenswert wie skurril und schliesst auch Leo und Pina sofort ins Herz. Dazu trägt auch die Erzählperspektive bei: Erzählt wird in der dritten Person, abwechselnd aus den unterschiedlichen Perspektiven der Protagonist*innen, so dass wir einen Einblick in ihre jeweilige Gefühlswelt, ihre Vorgeschichten und ihren Alltag erhalten.
Die Autorin zieht uns neben den Figuren auch mit ihrer wunderbaren Sprache, den kreativen sprachlichen Bildern, den schnellen Perspektivwechseln und einem Geheimnis rund um Leos Vater in den Bann. Im Fokus stehen aber die feinen Fäden, die sich innerhalb der Schicksalsgemeinschaft in Leos Haus zu spinnen beginnen. Inge, Zola und Wojtek beginnen quasi, einen neuen Cocon zu bauen, wenn wir bei der Metapher bleiben wollen. Das wunderbare daran ist, dass sie damit nicht nur Leo helfen, sondern mindestens genauso stark sich selber.
"Dass sie [Zola, A.d.R] gar nicht so allein sein will, wie sie dachte, wird ihr jetzt erst klar. Dass es gar nicht so verkehrt ist, Teil einer Herde zu sein. Dass eine Herde auch ein Haufen komischer Vögel in einem alten Haus sein kann." /S. 180
Man spürt bei der Lektüre, dass Vera Zischke aus eigener Erfahrung spricht. Auch sie hat ein autistisches Kind. Dabei stellt sie im Roman nicht unbedingt die pflegende Elternschaft ins Zentrum, sondern Leo als liebenswürdigen Menschen, der Mitmenschen verdient hat, die sich auf die eine oder andere Art um ihn sorgen. Ob das nun in Form der richtigen Flakes auf dem Frühstückstisch ist, mit ausreichend Geduld für seine Treppentänze oder sogar einer kleineren oder grösseren Spritztour mit einem Bus. Worum es dabei ganz genau geht und weshalb damit ein grosser Traum von Leo verbunden ist, müsst ihr selber herausfinden!
"»Leo ist Teil dieser Welt wie alle anderen auch. Ich will nicht, dass er versorgt ist. Ich will, dass er dazugehört…«" / S. 207
Wie ihr im Bild erkennen könnt, hat mich Vera Zischke ganz persönlich auch mit dem Einflechten von Nirvana und Kurt Cobain in den Roman gekriegt. Ein guter Grund, um wieder mal in den Estrich zu gehen, die alten CDs rauszuholen und die Lektüre musikalisch mit "Come as you are" zu untermalen.
Fazit
Ich kann euch "Pina fällt aus" von Vera Zischke nur ganz, ganz herzlich empfehlen. Es hat mich so berührt, zu Tränen gerührt und gleichzeitig Hoffnung gemacht, dass wir zusammen mehr schaffen, als wir vielleicht meinen!
Die Fakten
Vera Zischke
List (Ullstein)
304 Seiten
Erschienen am 26.03.2026
Hardcover
ISBN: 978-3-471-37006-3
PS: Herzlichen Dank an NetGalley DE und List für das digitale Rezensionsexemplar. Die Seitenzahlen der Zitate beziehen sich auf die E-Book-Version und können je nach Gerät variieren und von der Printversion abweichen.
"Pina fällt aus" bei Storytel hören und Hörbuch-Abo gratis testen
"Pina fällt aus" gibt es vom Audio Verlag München auch als Hörbuch. Das Hörbuch wird gelesen von Elisabeth Günther. Bei Storytel hören könnt ihr sowohl diesen als auch den Debütroman von Vera Zischke (siehe unten).
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Viel Spass beim Lesen oder Hören!
Eure Eliane
Noch mehr von Vera Zischke: Ava liebt noch
Ich kann euch auch Vera Zischkes ersten Roman "Ava liebt noch"* empfehlen. Ich habe ihn kurz nach dem Erscheinen gelesen, aber die Rezension hier versäumt - Alltag und Muttersein... Ihr kennt das.
Und auch Ava kennt das. Sie ist jetzt 43 und existiert seit Jahren nur noch als "Mutter von..." und "Frau von...". Wo ist sie als Person geblieben? Als Frau jenseits von Mutterschaft und Rücken-des-Ehemanns-Freihalten?
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