Und jetzt ist sie weg

27/04/2019

In Doris Knechts neuem Roman "weg" ist so einiges weg. Die Liebe, die Tochter, der Zwillingsbruder, der Ehemann, das Moped, die Geborgenheit und schliesslich auch die Hauptprotagonisten Heidi und Georg. Ob das gut ist? Lest selbst!

 

 

Doris Knecht, österreichische Kolumnistin und Autorin, hat mich zuletzt 2012 mit ihrem Romandebüt "Gruber geht" begeistert. Ihre weiteren Romane habe ich nicht gelesen, bin jetzt aber zum Glück mit "weg" zu ihr zurückgekehrt und möchte das unbedingt nachholen. "Wald" habe ich mir gerade in der Bibliothek besorgt.

 

Aber kommen wir zum Buch: Heidi und Georg kannten und liebten sich nur ganz kurz, als Heidi in Wien eine Ausbildung machte und Georg noch mit seinem Moped durch die Gassen brauste. Aus dieser Kürzestbeziehung entstand Lotte, eigentlich Charlotte, auch Charlie genannt. Heidi hat sie - zurück in Deutschland, in einer Kleinstadt nahe Frankfurt - alleine aufgezogen. Oder besser: zusammen mit Martin, ihrem Ehemann, Noch-Ehemann zumindest. Zu Beginn fuhr Georg noch oft zu ihnen, um Lotte im Kinderwagen durch die Gegend zu stossen, mit ihr zu spielen. Später waren Heidi und Georg kaum mehr in Kontakt. Nur Lotte fuhr ab und zu zu ihrem Vater und dessen Frau Lea in die Ferien. Georg und Lea haben Wien nach dem Studium verlassen und führen seit einigen Jahren den Landgasthof von Georgs Eltern in Flur am Kamp, ziemlich erfolgreich, sie haben einen guten Ruf. Georgs Moped ist nicht mehr fahrtüchtig, steht in der Garage.

 

Vom Suchen und Finden

Nun ist Lotte erwachsen, dreiundzwanzig, studiert in Berlin. Aber sie ist plötzlich weg, meldet sich nicht mehr, ist nicht zu erreichen, auch ihre Freunde wissen nicht, wo sie steckt, einfach verschwunden. Heidi macht sich Sorgen, riesige Sorgen und ruft Georg an. Der macht sich in der Folge auch Sorgen. Denn Lotte hatte in ihrer Jugend grosse psychische Probleme, tiefe Depressionen, paranoide Vorstellungen, verletzte sich selbst, kurz: substanzinduzierte Psychose. Und Heidi spürt, dass sie wohl kurz vor einer erneuten Depression steht, sich in der vorangehenden manischen Phase vielleicht in Gefahr begibt, ihre Medikamente absetzt und damit ihre hart erarbeitete, so fragile Stabilität wieder verliert.

 

"Es geht Heidi ein bisschen besser, sei sie Georg angerufen hat. Einer, der ihre Sorge teilt, und wenn's nur Georg ist. Martin ist gerade nicht da. Aber immer noch: keine Antwort von Charlotte. Es sind jetzt auch Tage, viel zu lang." (S. 46)

 

Irgendwann erfährt Heidi, dass Lotte mit ihrem Freund Toby in Vietnam sein soll. Gemeinsam beschliessen die Eltern ihr nachzureisen. Für die meisten Menschen sagt und tut sich das vielleicht leicht. Nicht für Heidi, die sich abgesehen von ihrem Abstecher nach Wien, nie aus ihrer kleinbürgerlichen Idylle herausgewagt hat, noch nie im Leben in einem Flugzeug gesessen hat. Für sie ist die Reise mehr als eine Herausforderung.

 

Anfangs erzählt Doris Knecht die Geschichte aus jeweils getrennten Perspektiven. Einmal betrachten wir das Ganze aus Georgs Augen, dann fühlen wir mit Heidi, dann schauen wir mit dem etwas distanzierteren, neutraleren Blick von Lea auf die Situation. Alle Perspektiven sind in der dritten Person geschrieben, so dass die allwissende Erzählerin geschickt die notwendigen Hintergrundinformationen einflechten kann. Die Autorin erzählt in hohem Tempo, kurz, knackig, einfach, verzichtet grösstenteils auf Anführungs- und Schlusszeichen. Und doch bleibt sie nicht oberflächlich, gibt interessante Einblicke, blendet zurück, transportiert eindringlich die unterschiedlichsten Gefühle, die Ängste, die Ansichten und Werte der jeweiligen Akteure. Die Handlung klingt erst mal düster, aber Doris Knecht lockert das auf, mit ihrem Blick fürs alltägliche, mit witzigen Anekdoten, mit sanfter Ironie, mit Episoden, in denen wir vielleicht uns selbst erkennen oder unsere Kinder oder unsere jugendlichen Ichs.

 

Im Verlauf des Romans vermischen sich die Perspektiven immer mehr, parallel zu Heidi und Georg, die auf ihrer Reise, ihrer gemeinsamen Suche nach ihrer einzigen Gemeinsamkeit - ihrer Tochter - näher zusammenrücken, sich neu kennenlernen - gegenseitig, aber auch sich selbst. Sie erkennen, was ihnen im Leben wichtig ist, was sie wirklich wollen, für sich und für Lotte, wenn sie  sie denn wiederfinden...

 

Fazit

Doris Knecht gelingt es mit ihrem Roman "weg", uns von der ersten Seite her mitzunehmen in die Geschichte von Georg, Heidi, Lea und Lotte, in die Verbindungen zwischen ihnen, auf die Reise weit weg und doch zurück zu sich, zum Sinn des Lebens, zur Essenz des Seins. Das Ganze kommt nicht schwülstig oder überpsychologisiert daher, sondern rasant, direkt, offen, ehrlich. Ich kann für diesen Roman nur meine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen!

 

PS: Eine kleine Kritik kann ich mir zum Ende nicht verkneifen. Das Korrektorat dieses Buches hätte sorgfältiger sein können, ja, müssen. Es enthält so viele Fehler, dass es den Lesegenuss leider etwas schmälert. Hoffen wir auf eine baldige 2. Auflage. ;-)

 

Die Fakten

 

weg

Doris Knecht

Rowohlt Berlin

304 Seiten

Erschienen am 12.03.2019

ISBN: 978-3-7371-0038-0

 

 

Leseprobe und Bestellung bei Rowohlt

 

 

 

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