Das schönste aller Leben
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Auf das Debüt von Betty Boras habe ich mich schon seit der Buchmesse in Frankfurt letzten Herbst gefreut. Und meine Bloggerkollegin hat mich mit ihrem ersten Roman nicht enttäuscht, im Gegenteil! "Das schönste aller Leben" ist ein grossartiger Start ins Autorinnenleben.

Ausgangspunkt des Romans "Das schönste aller Leben" von Betty Boras ist ein Unfall, bei dem sich Vios zweijährige Tochter mit heissem Wasser verbrüht hat. Im einen Handlungsstrang begleiten wir Vio in der Gegenwart beim Umgang mit der Tatsache, dass ihre Tochter bleibende Narben davontragen wird und dass sie sich als Mutter die Schuld daran gibt.
"Ich wollte in der Zeit zurückreisen, wollte keinen Unfall erlebt haben, keine Geburt. Nicht meine und nicht die meines Kindes, wollte keine Mutter mehr sein, kein Mensch." / S. 65
In einem zweiten Handlungsstrang lernen wir Vio, eigentlich Violetta, als Kind und Teenager kennen. Vio kam mit sechs Jahren mit ihren Eltern aus Rumänien nach Deutschland. Vios Vorfahren sind Banater Schwaben, also Deutsche aus verschiedensten Regionen, die im 18. Jahrhundert ins Banat auswanderten. Je nach Umständen mehr oder weniger freiwillig.
Und hier setzt auch der dritte Handlungsstrang rund um Theresia an. Theresia war eine wunderschöne Frau, früh zur Waisin geworden und später so gefährlich schön, dass sie ins Visier der Keuschheitskommission geriet. Die Kommission hatte von Österreichs Erzherzogin Maria Theresia 1752 den Auftrag erhalten, "anstössiges" oder "unsittliches" Verhalten zu unterbinden. Dazu gehörte natürlich auch Sex ausserhalb der Ehe, den die Kommission Theresia vorwarf.
"Kein Wunder, dass d' hier bist. Zu viel Schönheit hat noch keinem Weib was Gut's bracht." / S. 20
Schönheit, Herkunft, Identität
Vierte Protagonistin, wenn man so will, ist kein Mensch, sondern das alle Zeitachsen und Protagonistinnen verbindende Banat. Die oben bereits erwähnte Region liegt im heutigen Rumänien, wo deutsche Bevölkerungsgruppen im 18. Jahrhundert von den Habsburgern gezielt angesiedelt wurden. Unter dem nationalistischen Diktator Ceaușescu flohen Ende der 1970-er-Jahre viele Banater Schwaben, auch Donauschwaben genannt, zurück nach Deutschland.
Neben der Banater Erde verbinden zwei weitere Motive die unterschiedlichen Handlungsstränge: Schönheit und die Suche nach Identität. Die Vio der Gegenwart wünscht sich ein schönes Kind. Nicht der Schönheit wegen, sondern weil sie denkt, dass schöne Menschen es leichter haben im Leben. Neben der Tatsache, dass daran durchaus etwas Wahres ist, stellt sich aber die Frage, weshalb Schönheit für Vio derart essenziell ist. Hier liefert uns der zweite Handlungsstrang rund um Vios Aufwachsen verschiedene Hinweise, die ich hier noch nicht verraten möchte. Die Autorin lässt sich die beiden Vios im Verlauf des Romans immer mehr annähern und erklärt so sehr gut, weshalb die heutige Vio ist, wie sie ist.
Auch in Theresias Leben spielt Schönheit eine grosse Rolle. Doch hier wird sie eher zum Fluch, denn eine schöne, ledige, elternlose Frau war im 18. Jahrhundert per se verdächtig. Auch hier streut Betty Boras sehr geschickt feine Verbindungen von Theresia bis zu Vio ein. Eine detektivische Freude, die verbindenden Elemente im Roman zu finden.
Die Identitätssuche von Vio findet im Spannungsfeld zwischen der rumänischen Herkunft und der neuen Heimat Deutschland statt. Ein Spannungsfeld, das umso vielschichtiger ist, als dass die deutschsprachigen Banater Schwaben in Rumänien ebenfalls zugewandert waren und bei der Rückwanderung nach Deutschland zu einer Art Fremden in der eigenen, früheren Heimat wurden.
"Für Freiheit waren sie in ein Land gegangen, das ihre Vorfahren mehr als zweihundert Jahre vorher verlassen hatten, mit dem sie sich verbunden fühlten, in dem sie aber Fremde waren." / S. 68
Vio hat als Kind eine grosse Integrationsleistung vollbracht, ihre Eltern forderten viel von ihr und gaben selber ihr Bestes und nun hatte sie gehofft, ihrer Tochter die bestmöglichen Startbedingungen zu bieten. Und dann diese Narben! Wie wird das Kind im Kindergarten aufgenommen werden? Was werden die Leute von ihr denken, was von ihrer Mutter? Vio droht an den Selbstvorwürfen zu zerbrechen.
Fazit
Ich kann euch nur empfehlen, "Das schönste aller Leben", diesen wunderschön geschriebenen, vielschichtigen Roman von Betty Boras selber zu lesen. Auf 240 Seiten erzählt sie dicht, fein, elegant und gleichzeitig zeitgemäss von Mädchen und Frauen zwischen Schönheitsidealen, tradierten Geschlechterrollen, Muttermythen, dem Wunsch nach Zugehörigkeit und Wertschätzung.
Wollt ihr mehr über das Buch und die Hintergründe seiner Entstehung erfahren? Dann kann ich euch das Gespräch von Florian Valerius (@literarischernerd) und Betty Boras (@bettyboras) auf Instagram herzlich empfehlen.
Die Fakten
Betty Boras
hanserblau
240 Seiten
Erschienen am 17.02.2026
Hardcover
ISBN: 978-3-446-28451-7
PS: Herzlichen Dank an hanserblau für das Rezensionsexemplar.
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