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Vatermal

(Werbung) Necati Öziri erfindet mit "Vatermal" das Erzählen einer Familiengeschichte und des Aufwachsens neu. Der Theaterautor ist mit seinem Debütroman sehr verdient auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises gelandet.


Vatermal - Necati Öziri (Claassen 2023)

"Du sollst wissen, wer ich gewesen bin. Damit du niemals die Erleichterung fühlst, von der ich so oft heimlich träumte: von einem Toten angeschwiegen zu werden. Ich möchte dir für immer die Möglichkeit nehmen, nicht zu wissen, wer ich war. Du sollst erfahren, wie es deiner Familie in Deutschland ging, wie im letzten Sommer meiner Jugend alle meine Freunde verschwunden sind und wie auch ich versuchte, vor mir selbst zu fliehen." (S. 33)

In "Vatermal" von Necati Öziri, geboren im Ruhrgebiet und nun Theaterautor in Berlin, wird ein Krankenhauszimmer zur Bühne. Arda hat seinen vielleicht letzten Auftritt. Er liegt mit Organversagen im Bett, verkabelt, jede Bewegung schmerzt. Die Zeit nutzt er, um an seinem Vater zu schreiben, ihm zu erklären, wer er war. Und er hört seiner Mutter Ümran und seiner Schwester Aylin zu, wenn sie erzählen - aus ihrem Leben vor, mit und nach dem Vater. Dieser Vater - "Papa" mag ihn Arda nicht nennen - hatte die Familie nämlich verlassen und war zurück in die Türkei gegangen, als Arda noch ganz klein war.


In wechselnden Perspektiven erfahren wir also von Arda, Aylin und Ümran mehr über das Leben der Familie. Aylin hatte mitgekriegt, wie die Eltern sich stritten, wie es zu häuslicher Gewalt kam, wie die Mutter nach dem Verschwinden des Vaters in einer Alkoholsucht (wahrscheinlich auch einer Depression) versank. Und sie erzählt vom Zerwürfnis mit ihrer Mutter und ihrer Zeit in einer deutsch-deutschen Pflegefamilie.


"Das eine war, dass sie nie wieder nach Hause konnte, das andere, dass diese Zwieback-Familie sie anschaute, als hätte sie einen Straßenköter bei sich aufgenommen, ihm einen Fressnapf hingestellt, um dann zu beobachten, ob er auch fraß." (S. 259)

Ümran blickt zurück in ihre eigene Kindheit und wie bereits sie als Jugendliche mit ihren Eltern aus der Türkei nach Deutschland kam. Wie sie Metin, den Vater ihrer Kinder, kennenlernte und heiratete. Arda nimmt uns mit in die Flure des Ausländeramts, zum Abhängen mit seinen Freunden auf den Bahnhofsplatz - Schlägereien, Racial Profiling und erste Liebe inklusive -, zum Mevlana-Grill seines besten Freundes - auch er mit dysfunktionaler Familie -, ins ihm fremde Milieu seiner Studienkolleg*innen in Berlin.


"Du bist 18 und deine Freunde sind mit Balken vor den Augen in den Zeitungen. Sie liegen in den Parks und auf der Pennerwiese herum, sie sind jetzt die Statistik aus den Talkshows, abgeschoben, in der Entzugsklinik oder im Gefängnis. " (S. 393)

Necati Öziri erzählt schnell, direkt, ohne Blatt vor dem Mund. Seine Figuren lassen uns nachfühlen, wie schwierig es ist, sich im Leben zurecht zu finden, sich in Deutschland als häufig mehrfach Marginalisierte - ohne Pass, ohne Vater, ohne Geld, ohne Perspektiven - trotz allem eine Zukunft aufzubauen, die "richtigen" Entscheidungen zu treffen. Das klingt hart und ist es zu einem grossen Teil auch, aber trotz all der Missstände (insbesondere auf politischer, struktureller Ebene, aber auch in Ardas Familie) spricht aus Arda und damit dem gesamten Roman immer noch ein Funke Hoffnung. Eine Hoffnung, die uns Verpflichtung sein sollte, für Strukturen und Beziehungen einzustehen, die diesen Funken nicht im Keim ersticken.


Die wechselnden Perspektiven und damit die unterschiedlichen Stimmen sowie die vielen Szenenwechsel haben mir an "Vatermal" sehr gefallen. Der Autor ergänzt diese Fragmente aus unterschiedlichen Zeiten und Blickwinkeln sehr geschickt, um ein mehr oder weniger vollständiges Bild entstehen zu lassen. Auch die Ausgangslage des Erzählens hat einen grossen Effekt - denn nur im Angesicht seines möglichen Todes kann Arda so frei und ehrlich erzählen - und Mutter und Schwester erzählen lassen.


Fazit

"Vatermal" von Necati Öziri ist ein grossartiges, eindringliches Debüt über eine migrantische Familie, die auf allen Ebenen zu kämpfen hat. Indem Arda, der Sohn der Familie, an seinen abwesenden Vater schreibt, setzt er sich mit dem Familiengefüge, den Rollen darin und deren Bedeutung für seine eigene Entwicklung auseinander. Gleichzeitig setzt er die Familienmitglieder mit der jeweiligen Politik und Gesellschaft in Deutschland und der Türkei in Beziehung. Ein Roman über Verluste, harte Schnitte im Leben, aber auch Freundschaft, Familie, Mut, Resilienz und den Glauben an sich selbst. Ich kann das Buch nur allen herzlich empfehlen und freue mich auf weitere Bücher von Necati Öziri.


Die Fakten

Necati Öziri

Claassen Verlag (Ullstein)

304 Seiten

Erschienen am 27.07.2023

Hardcover

ISBN: 978-3-546-10061-8



PS: Herzlichen Dank an den Deutschen Buchpreis und an den Classen Verlag für das digitale Rezensionsexemplar. Seitenzahlen beziehen sich auf die E-Book-Ausgabe und können von der Printversion abweichen.



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