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1000 und ich. Zweifle nicht, zögere nicht, hinterfrage nicht.

  • vor 5 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Eine dystopische Welt tut sich auf in Yorick Goldewijks Jugendroman "1000 und ich". Eine Welt, in der es darum geht, zu funktionieren und vor allem: niemand Besonderes zu sein. Beklemmend und klug geschrieben!


1000 und ich. Zweifle nicht, zögere nicht, hinterfrage nicht. - Yorick Goldewijk (Dragonfly 2025). Foto: Eliane Fischer.

Yorick Goldewijk wirft uns mit Ich-Erzählerin 8 - ja, das ist ihr Name - mitten hinein in eine düstere, monotone Welt. Hier geht es für 8 und alle anderen Seelenlosen darum, jeden Tag pünktlich zur Arbeit zu erscheinen, dort ihr Soll abzuliefern und wieder in ihr totalüberwachtes Zimmer in einem weissen Hochhaus ohne irgendwelche herausstechenden Merkmale zurückzukehren.


"...und ich weiss, dass es nie gut ist, die Einzige zu sein, denn wenn du die Einzige bist, bist du etwas. Und wenn du etwas bist, dann willst du etwas, dann wirst du träumen, denken, zweifeln." / S. 14

Bricht eins der Mädchen aus dem vorgegebenen Muster aus, wird das von Sehern (einer Art Drohnen) sofort entdeckt, die Person wird beendet und vergessen. Folgen die Mädchen den Befehlen der Beseelten, können sie selber zu solchen werden und es lockt eine Zukunft in einem anderen Land.


Eines Tages hat 8 das Gefühl, dass ihr ein anderes Mädchen zugezwinkert hat. Sie kann nicht aufhören, daran zu denken. Versucht, das Mädchen namens 1000 in der Masse gleichgekleideter Mädchen auszumachen. Langsam beginnt sie, die vorgegebenen Muster zu durchbrechen und der Wunsch auszubrechen nimmt Form in ihr an. Die Krux: Sie darf auf keinen Fall auffallen, sonst wird sie von den Sehern beendet.


"Zum ersten Mal überhaupt tat ich tatsächlich etwas, fiel mir auf, zum ersten Mal ertrug ich nicht einfach mehr brav das, was mir auferlegt wurde." / S. 62

Die Geschichte nimmt unaufhaltbar ihren Lauf, denn irgendwann gibt es für 8 einfach kein Zurück mehr. Yorick Goldewijk treibt die Erzählung schnell voran. Durch die Ich-Perspektive fiebert man mit 8 mit, kann ihre Gedanken und Gefühle sehr gut nachfollziehen. Ständig fragt man sich, wie man selbst in der Situation agieren würde. Am Ende wartet der Autor mit einer grossen Überraschung auf, die zumindest ich so nicht erwartet hätte. Die Auflösung macht richtig Lust, das Buch direkt ein zweites Mal zu lesen, um zu prüfen, ob das so aufgehen kann. Natürlich kann ich an dieser Stelle nicht spoilern.


Der niederländische Autor erinnert mit seinem Jugendroman natürlich an andere Dystopien wie Margaret Atwoods "The Handmaid's Tale" (hier in der deutschen Graphic Novel-Version von Renée Nault*), George Orwells "1984"* oder für jüngere Leser*innen auch Michael Endes "Momo"*. Aufgrund der technischen Elemente der Überwachung kommen aber auch Assoziationen mit SciFi-Romanen auf wie "Do Androids Dream of Electric Sheep?" von Philip K. Dick, die Buchvorlage für den Filmklassiker Blade Runner. Schliesslich lässt sich im Zuge der Lektüre auch sehr gut über Bezüge zu heutiger Technik rund um Künstliche Intelligenz, Datenextraktivismus und Massenüberwachung diskutieren (vgl. dazu auch das Sachbuch "Digitaler Kolonialismus").


1000 und ich - Yorick Goldewijk - Innenansicht. Foto: Eliane Fischer.

"1000 und ich" kommt zwar als Taschenbuch daher, ich finde die Buchgestaltung aber sehr gelungen. Es verfügt über Klappen, die bei der Buchdicke auch nutzbar sind, das Cover hat eine schöne Haptik und matte Optik und das Vorsatzpapier greift das Covermotiv auf.


Ich denke, "1000 und ich" ist - auch aufgrund seiner Kürze - eine ideale Klassenlektüre, sei es nun als "Standalone" oder als Einstieg in andere dystopische Werke. Die Altersempfehlung von 12 Jahren mag für die eine oder den anderen etwas früh sein, für dritte genau richtig.



Die Fakten

Yorik Goldewijk

Sonja Fiedler-Tresp (Übersetzung aus dem Niederländischen)

Dragonfly (Harper Collins)

160 Seiten

Erschienen am 25.08.2025

Taschenbuch

ISBN: 978-3-7488-0278-5

Ab 12 Jahren



PS: Herzlichen Dank an den Dragonfly Verlag für das Rezensionsexemplar.




Soma - Judith Kranz (Reprodukt 2025)

Zusatztipp: Soma - eine Graphic Novel

Wer sich lieber mit einer Graphic Novel in dystopische Welten stürzt, dem kann ich "Soma"*, das Debüt der deutschen Comiczeichnerin Judith Kranz (erschienen 2025 bei Reprodukt) empfehlen. Hier finden wir uns in einer postapokalyptischen Welt wieder, in der die Erde total verseucht ist. Das Volk der Soma trotzt diesen Umständen, basiert allerdings ebenfalls auf einem sehr rigiden Gesellschaftsystem, das keinerlei Individualität zulässt. Ja, Lan soll sogar für die Gemeinschaft geopfert werden. Und so kommt es auch hier zur Flucht.





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