An der Schwelle

15/10/2019

Elisa Shua Dusapin ist mit "Ein Winter in Sokcho" ein leises und doch eindringliches Debüt gelungen. Was den kurzen Roman um zwei ganz unterschiedliche Hauptfiguren ausmacht, lest ihr in diesem Beitrag.

 

 

Mit "Ein Winter in Sokcho" von Elisa Shua Dusapin habe ich mir nach "Auf Erden sind wir kurz grandios" von Ocean Vuong wieder einen Debütroman vorgenommen. Als Tochter eines französischen Vaters und einer südkoreanischen Mutter teilt Dusapin mit Vuong die asiatischen Wurzeln. Aufgewachsen ist sie in Paris, Seoul und Porrentruy (im Schweizer Jura). 

 

In Sokcho, im Nordosten Südkoreas, ist nicht viel los, jedenfalls nicht im Winter. Nicht unbedingt eine Reise wert, findet die junge Studentin und Ich-Erzählerin des Romans. Umso verwunderter ist sie, dass sich ein Franzose in der heruntergekommenen Pension einquartiert, in der sie nach ihrem Studium in koreanischer Literatur und Französisch arbeitet.

 

"Ich hatte mir Sokcho noch nie richtig angeschaut. Es war keine Stadt für so was. Ich stellte mich zu Kerrand. Vor uns ein Magma aus Wellblech in Orange und Blau, die Reste des ausgebrannten Kinos."
(S. 30)

 

Da die junge Frau selbst einen französischen Vater hat, der ihre Mutter vor Jahren sitzengelassen hat, weckt Yan Kerrand, der Franzose mittleren Alters, sofort ihr Interesse. Wie sich herausstellt, ist er ein berühmter Comiczeichner und auf der Suche nach Inspiration für den zehnten Band seiner erfolgreichen Comicreihe.

 

Eine Annäherung und zwei Befreiungsschläge

Unaufgeregt, in kurzen, bildhaften Sätzen, manchmal nur einzelnen Wörtern, erzählt Dusapin, wie sich die Studentin und der Comic-Autor annähern, ohne sich wirklich nah zu kommen oder kennenzulernen. Die Studentin und der Autor unternehmen in und um die Küstenstadt an der Grenze zu Nordkorea gemeinsame Ausflüge. Sie bezieht das Zimmer neben seinem, hört ihm durch das dünne Wändchen beim Zeichnen zu und schaut ihm ab und an auch über die Schulter.

 

"Mit jedem gesetzten Strich beschleunigte sich Kerrands Atmung, bis auf seinem Blatt blendend weisse Zähne auflachten. Eine Stimme, zu tief für eine Frau. Kerrand liess das ganze Tuschefass auslaufen, die Frau schwankte, wollte noch schreien, doch das Schwarz lief ihr in den Mund, und sie verschwand". (S. 39)

 

Kerrand scheint seine Figuren auf dem Papier zum Leben zu erwecken und - wenn er nicht findet, was er sucht, oder ihm nicht gelingt, was ihm vorschwebt, - lässt er sie wieder verschwinden. Genauso unfassbar bleibt die Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren. Und doch entwickeln sich die beiden weiter, befreien sich von ihren jeweiligen Fesseln.

 

"Auf der anderen Seite der Wand das langsame Ziehen der Feder. Eine Pavane trockener Blätter im Wind. Keinerlei Gewalt in diesem Geräusch. Traurigkeit. Beziehungsweise Melancholie." (S. 116)

 

Fazit

In "Ein Winter in Sokcho" erzählt Elisa Shua Dusapin atmosphärisch von zwei ungleichen Menschen, die sich in der südkoreanischen Stadt zufällig begegnen, sich annähern, aber nie ganz aufeinander einlassen. Scheinbar eingekapselt in ihrer Gefühlswelt verharren, passend zur winterlichen Stille, von der Sokcho im Winter bestimmt wird. Und doch entwickelt sich unter der Oberfläche etwas weiter. Die richtige Lektüre für alle, die sich von Dusapins dichten Sprache, den melancholischen Stimmungen und Gefühlswelten, die sie schafft, durch die Geschichte tragen lassen wollen.

 

PS: Ebenfalls über das Buch gebloggt hat Bettina von Bleisatz. Ihren Leseeindruck könnt ihr in diesem Artikel nachlesen.

 

Die Fakten

 

Ein Winter in Sokcho

Elisa Shua Dusapin

Andreas Jandl (Übersetzung aus dem Französischen)

Blumenbar (Aufbau Verlag)

144 Seiten

Erschienen am 14.09.2018

ISBN: 978-3-351-05051-1

 

 

 

 

 

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