Auf Abwegen

06/01/2020

Olga Tokarczuk hat den Literaturnobelpreis 2018 gewonnen. Ich habe mir als erstes ihren Roman "Gesang der Fledermäuse" vorgenommen. Mehr über das Buch und das Projekt #olgalesen erfahrt ihr in diesem Beitrag.

 

 

Wir lesen Olga Tokarczuk und sprechen darüber!

Lest und hört ihr auch hauptsächlich vom Literaturnobelpreisträger 2019 und vermisst die Diskussion über Olga Tokarczuk, die Preisträgerin von 2018? Dann seid ihr nicht alleine! Viele Blogger*innen haben den Eindruck, dass die weibliche Gewinnerin (es ist erst die 15. in der Geschichte des Nobelpreises für Literatur mit total 114 Verleihungen!) einmal mehr sträflich vernachlässigt wird vom Feuilleton, von der Berichterstattung in Radio, Fernsehen, etc. 

 

Karla Paul aka Buchkolumne hat deswegen die geniale Aktion #olgalesen ins Leben gerufen, um die Schriftstellerin auf allen Kanälen ins Gespräch zu bringen. Macht auch mit! Auf euren Blogs, in Podcasts, auf Facebook, Insta und Twitter mit dem Hashtag #olgalesen oder natürlich auch offline - in Buchhandlungen, in Bibliotheken, in Lesekreisen unter Freunden.

 

Das Werk der polnischen Schriftstellerin erscheint auf Deutsch derzeit nach und nach beim Schweizer Kampa Verlag. Bereits erschienen sind die in der Grafik abgebildeten Bücher sowie das Bilderbuch "Die verlorene Seele". Ende Januar 2020 erscheint zudem der Erzählband "Der Schrank" in der Übersetzung von Esther Kinsky (Olga Tokarczuk bei Kampa).

 

Ich habe mir als erstes "Gesang der Fledermäuse" vorgenommen, weil es sich um einen Roman handelt, der leicht zugänglich sein soll und mir Romane meist eher liegen als Erzählbände. 

 

Gesang der Fledermäuse

Der Verlag sagt über den Roman: "Komödie, Fabel, Thriller, politischer Essay, literarisches Spiel – dieser Roman passt in keine Schublade." Und im Klappentext wird er auch noch als "Kriminalroman" bezeichnet. Letzteres weckt etwas falsche Erwartungen, aber Ersteres kann ich voll und ganz unterschreiben.

 

Worum geht's? Die Ich-Erzählerin Janina Duszejko, eine ältere Dame mit einer Vorliebe für die Sterndeutung und einem ominösen Leiden, lebt auf einem Hochplateau an der polnisch-tschechischen Grenze, nahe des Städtchens Glatz. Zusammen mit Magota und Bigfoot (so nennt sie die beiden Männer zumindest, denn sie verteilt immer Namen, die ihr passend erscheinen) ist sie die einzige, die auch den Winter in dem kleinen Dorf verbringt. Alle anderen Bewohner*innen ziehen es vor, von Oktober bis April ins Tal zu ziehen.

 

Der Roman beginnt damit, dass Bigfoot tot ist, erstickt an einem Rehknochen. Janina, die ihren eigenen Namen überhaupt nicht leiden kann, ist nicht traurig über den Tod, denn Bigfoot war Fallensteller und Wilderer und Janina, selbst Vegetarierin, damit ebenso ein Dorn im Auge wie die Jäger, die von ihren Kanzeln praktisch wahllos Tiere ermorden. 

 

"Auch mich wird dieses Schicksal einmal treffen, ebenso wie Magota und die beiden Rehe da draussen. Irgendwann einmal werden wir alle nichts anderes sein als totes Fleisch." (S. 13)

 

"So sangen wir etwa eine Stunde lang, immer dasselbe, bis die Worte ihre Bedeutung verloren hatten, als seien sie Steinchen in einem Meer, die, endlos von den Wogen glattgeschliffen, einander glichen wie zwei Sandkörner." (S. 49)

 

Bigfoot bleibt nicht der einzige Tote. Es trifft weitere Männer, alle angesehene Leute des Städtchens, alle Jäger. Janina Duszejko ist überzeugt, dass sich die Tiere des Waldes an den Tiermördern rächen wollten und für die Todesfälle verantwortlich sind. Diese Überzeugung versucht sie auch ihren Freunden und der Polizei näherzubringen, scheint aber nicht so recht durchzudringen, obwohl sie zur Begründung ihre Beobachtungen und die Auswertungen der Horoskope darlegt.

 

"Wenn ihr an den Schaufenstern vorbeigeht, in denen zerstückelte Leichenteile hängen, was denkt ihr dann, was das ist? (...) Nichts Schreckliches. Das Verbrechen wird als etwas ganz Normales angesehen, es ist eine tägliche Verrichtung. Alle tun es." (S. 125)

 

Janina war einst Brückenbauingenieurin und unterrichtet nun noch einige Stunden Englisch. Um Geld zu verdienen, kontrolliert sie ausserdem die leerstehenden Häuser derjenigen, die den Winter in der Stadt verbringen. Ansonsten führt sie ein Leben als Aussenseiterin. In ihrer Freizeit studiert sie Horoskope und übersetzt mit ihrem ehemaligen Schüler Dyzio Gedichte von William Blake. Eine spannende Parallele insofern, dass Blakes mystisches Weltbild seinen Mitmenschen und Kollegen als Zeichen einer geistigen Verwirrung galt (siehe Wikipedia). Erst spät in seinem Leben und posthum wurden er, sein prophetischer Blick und sein Werk doch noch anerkannt. Zitate von Blake leiten inhaltlich sehr passend jeweils die Kapitel ein.

 

Auf und ab

Geschrieben ist "Gesang der Fledermäuse" konsequent aus der Perspektive der Ich-Erzählerin Janina Duszejko. Insofern wissen wir immer nur, was sie weiss und was sie uns davon mitteilt. Neben dem Geschehen spielen Janinas Gedanken eine ebenso tragende Rolle. Der Roman entwickelt sich nach dem ersten Paukenschlag langsam, es gibt "nur" etwa alle 100 Seiten einen Toten und sowohl die Ermittlungen der Polizei als auch die von Janina Duszejko verlaufen schleppend. So zieht sich denn das Buch in der Mitte auch etwas, v.a. wenn man wie ich die astrologischen Abhandlungen über Saturn, Pluto und Co. in irgendwelchen Häusern und Aspekten nichts abgewinnen kann. Ich war den ganzen Roman über auch nicht sicher, ob Olga Tokarczuk diese Ausführungen selbst ernst nimmt oder ob sie bloss die Verschrobenheit von Janina zum Ausdruck bringen sollten. Dafür finde ich diese Passagen aber deutlich zu häufig und zu detailliert. Gegen das Ende hin nimmt die Geschichte wieder an Fahrt auf und wir beginnen auch zu ahnen, wie die Todesfälle zu erklären sein könnten. Der Schluss ist dann wirklich fulminant und so das Buch trotz der Längen sehr lesenswert.

 

Es lebt denn auch nicht von einer klassischen (Kriminal-)Geschichte, sondern mehr von Janinas Gedanken über unsere Welt, die Gesellschaft und deren Entwicklungen (z.B. in der Schule, aber auch in der Wirtschaft und Politik generell). Also von kleinen (ironischen) Einsichten und gesellschaftskritischen Spitzen gegen einen Gewissen Schlag Menschen bzw. gewisse Institutionen:

 

"Auf einer Bank sass eine schwangere Frau und las Zeitung, und plötzlich kam mir in den Sinn, dass Unwissenheit ein Segen ist. Wie könnte man alles wissen und nicht ständig in Tränen ausbrechen?" (S. 146)

 

"Der Mensch ist frei und kann mit seinem Leben tun, was er will, solange er keine Banken ausraubt." (Dyzio auf S. 154)

 

"Ich bin überzeugt, dass ihre Eigentümer [von Geländewägen] kleine Pimmel haben und diese Unzulänglichkeit mit der Grösse des Autos kompensieren." (S. 166)

 

"Zweimal assen wir mit ihm zu Mittag und wir veranstalteten eine kleine Blake-Konferenz, undotiert und ohne EU-Gelder". (S. 255)

 

"Aber warum hätten wir eigentlich nützlich sein sollen, und wem? Wer teilt die Welt in nützlich und unnütz auf, und mit welchem Recht? Hat eine Distel kein Recht auf Leben oder eine Maus, die in Lagerräumen Getreidekörner frisst? Bienen und Drohnen, Unkraut und Rosen?" (S. 280)

 

Der Titel "Gesang der Fledermäuse" hat weniger mit einer entscheidenden Rolle dieser Tiere in der Geschichte zu tun, als vielmehr mit Janinas Selbstverständnis:

 

"Im Grunde genommen hatte ich viel gemeinsam mit ihnen [den Fledermäusen] - auch ich sah die Welt aus einer anderen Perspektive, auf den Kopf gestellt." (S. 163)

 

Fazit

"Gesang der Fledermäuse" ist tatsächlich ein guter Einstieg in das Werk von Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Die Geschichte liest sich leicht und flüssig (nur im Mittelteil etwas zäh). In die Handlung eingestreut finden sich immer wieder sprachliche und philosophische Perlen und gesellschaftskritische Einwürfe. Tokarczuks Witz gefällt mir, auch wenn ich bestimmt nicht alle Bezüge (z.B. zur polnischen Geschichte) entdeckt und verstanden habe. Dieser Roman macht auf jeden Fall Lust, noch mehr Bücher von Tokarczuk zu entdecken!

 

Als nächstes werde ich einen Blick in das preisgekrönte Bilderbuch "Die verlorene Seele" werfen und euch natürlich hier und in den Social Media davon berichten. Habt ihr schon etwas von Olga Tokarczuk gelesen und könnt ihr es empfehlen? Ich freue mich über eure Tipps in den Kommentaren (ganz unten).

 

PS: Herzlichen Dank an den Kampa Verlag für das Rezensionsexemplar und ein Lob für die sehr schöne Gestaltung des Buches!

PPS: Die Verfilmung des Buches ist übrigens unter dem Titel "Die Spur" am 20. Januar 2020 um 22:20 (was für ein Datum! ;-)) auf Arte zu sehen!

 

Die Fakten

 

Gesang der Fledermäuse

Olga Tokarczuk

Doreen Daume (Übersetzung aus dem Polnischen)

Kampa Verlag

320 Seiten

Erschienen am 28.11.2019 (polnische Originalausgabe 2009)

ISBN: 978-3-311-10022-5

 

 

 

 

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