Die Zukunft bauen

15/02/2018

Theresia Enzensberger taucht mit ihrem Debütroman "Blaupause" ab in die wilden 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts und in die Männerdomäne der Architektur am Weimarer Bauhaus. Wie ist ihr die Zeitreise gelungen?

 

 

Die junge Autorin und Journalistin aus München nimmt uns mit der Protagonistin Luise Schilling mit ins Jahr 1921 am Weimarer Bauhaus. Luise beginnt ihr Studium an der berühmten Schule für Kunst und Architektur, gegründet zwei Jahre davor von Walter Gropius. Sie hat fest im Sinn, ihren Traum wahr zu machen und Architektin zu werden, schliesslich hatte sie sich gegen ihre gutbürgerlichen Eltern durchgesetzt, um überhaupt Berlin verlassen und am Bauhaus studieren zu können.

 

Was sie am Bauhaus studiert, ist Luise selbst und dem Leser lange nicht klar. Ist es Kunst, wird sie zum Architekturatelier zugelassen oder versauert sie schliesslich in der Weberei? Luise kämpft in ihrer Zeit am Bauhaus an mehreren Fronten: Sie sucht sich selbst (und ihre Spiritualität), ihre Rolle in der Gesellschaft, die Liebe, ihren Platz in der von Männern dominierten Domäne der Architektur und die Emanzipation von ihren Eltern und ihrem Bruder, von denen sie aber finanziell abhängig ist, ihre Haltung zum schwelenden Antisemitismus und zum aufkeimenden Nationalsozialismus.

 

Theresia Enzensberger gelingt es, das Innenleben von Luise Schilling lebhaft nachzuzeichnen, ihre Zweifel, ihre Widersprüchlichkeit, ihre Euphorie und ihre Rückbesinnung. Als Leserin war mir Luise zu Beginn durchaus sympathisch. Mit der Zeit werden ihre Inkonsequenz, ihr Lavieren von einem Freundeskreis zum anderen, ihr Abdriften in absurde Glaubenssätze der sogenannten Itten-Jünger und deren gesundheitsgefährdende Umsetzung (z.B. Fastenkuren), ihre Akzeptanz patriarchaler, frauenfeindlicher Verhaltensweisen ziemlich nervig.

 

Gut möglich, dass das von der Autorin gewollt ist und sie damit ein realistisches Bild einer Frau in der damaligen Zeit zeichnet. Einer Frau, die Kämpfe austragen, uralte Muster durchbrechen und Konventionen überwinden musste, um ihre Träume zu verwirklichen, wie wir es uns im 21. Jahrhundert gar nicht mehr vorstellen können. Andererseits scheint Luise über weite Strecken des Romans nicht wirklich zu wissen, was sie denn will, lässt sich mitreissen, rumschubsen, ausgrenzen, hintergehen. Das ist als Leser schwer zu ertragen.

 

Nachdem Luise von ihrem Vater zwischenzeitlich nach Berlin zurückbeordert und in eine Haushaltsschule gesteckt wird, kehrt sie nach dessen Tod ans Bauhaus - nun allerdings in Dessau - zurück. Mit dem Neuanfang gewinnt auch der Roman wieder an Schwung und Luise ist endlich überzeugt: "Ich will die Zukunft bauen und die Vergangenheit abreißen" (S. 138). Zweifel und Hürden gibt es in Luises Leben weiterhin, die Vergangenheit holt sie auch ab und an ein, aber sie schafft den Abschluss und die Leserinnen und Leser werden mit einer unerwarteten Wende und einer Pointe belohnt.

 

Fazit

"Blaupause" von Theresia Enzensberger hätte eigentlich alles, was einen spannenden Roman für mich ausmacht: Eine (grösstenteils) sympathische Hauptprotagonistin, die sich in einer Zeit des Aufbruchs und politischer Turbulenzen von ihren Eltern emanzipiert, um sich in der Männerdomäne Architektur zu beweisen. Leider zieht sich die Handlung aber recht träge dahin, die Protagonisten bleiben fahl, die Sprache ist trocken, emotionslos, weder frech noch poetisch. Der unerwartete Schluss und eine kleine Pointe im Anhang entschädigen aber für einige Durststrecken. 

 

Die Fakten

Blaupause

Theresia Enzensberger

Hanser

256 Seiten

Erschienen am 12.07.2017

ISBN: 978-3-446-25643-9


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