Eine Heimat, drei Lebenswege

Nava Ebrahimi erzählt in "Das Paradies meines Nachbarn" die Geschichte dreier Männer. Was sie verbindet? Der Bezug zum Iran, aber nicht nur das!



Ein Leben auf der Schattenseite

Wir lernen zuerst Ali-Reza kennen, der im Iran lebt. Seit seiner Rückkehr aus dem Krieg sitzt er im Rollstuhl. Und er hat gerade erfahren, dass seine Mutter gestorben ist. Da er vor Jahrzehnten, noch als Jugendlicher, von zuhause abgehauen ist, trifft ihn die Nachricht weniger, als wir erwarten würden.


"Ihre Hand war schon sehr lange nicht mehr die gewesen, die seine Wange kurz vor dem Einschlafen gestreichelt hatte. Und seine Wange war schon sehr lange nicht mehr die gewesen, die die Zärtlichkeit empfangen hatte." (S. 10)

Weshalb er seiner Mutter gegenüber so kalt ist und sie als Monster bezeichnet, bleibt vorerst im Dunkeln. Die Handlung springt nach Deutschland zu Sina, einem mittelmässig talentierten Industriedesigner, und seinem neuen Chef Ali Najjar, ebenfalls Designer, aber von der talentierten Sorte. Davon sind zumindest die Medien und die ganze Branche überzeugt. Er selbst macht sich über seine Arbeit lustig, findet alles mehr oder weniger sinnlos, möchte aber seine Mutter Maryam beeindrucken.


"Die paar Striche haben gereicht, und ihre leeren Bäuche und Herzen füllten sich. Wahrheit und Mut und, das ist ihr Lieblingswort, Kompromisslosigkeit sahen sie. Ein paar Striche auf dem Papier, ein paar Skizzen einer Biografie. Ich musste ihnen nicht viel liefern. Den Rest malten sie sich selbst aus." (S. 55)

Völlig unterschiedlich und doch verbunden

Nach und nach erfahren wir aus den wechselnden Perspektiven der drei Männer mehr über sie, ihre Lebensgeschichte und ihre Verbindung zum Iran. Ali-Reza ist im Iran geboren und lebt weiterhin dort. Ali Najjar ist ebenfalls im Iran geboren, kam aber irgendwie - wir erfahren später wie - nach Deutschland und hat sich hier ein neues Leben aufgebaut. Wir spüren allerdings schnell - und er gibt es auch selbst zu -, dass einiges mehr Schein als Sein ist. Und schliesslich ist da Sina, der Angepasste, gutes Mittelmass, der ebenfalls iranische Wurzeln hat, aber bei seiner alleinerziehenden Mutter in Deutschland aufgewachsen ist. Sein Vater hat sich in die Vereinigten Staaten abgesetzt und scheint dort ziemlich gut zu leben. Kontakt zu seinem Sohn hält er aber kaum.


Wie entscheidend ist unsere Herkunft?

Nava Ebrahimi gelingt es in "Das Paradies meines Nachbarn" sehr gut, uns in unterschiedliche Milieus mitzunehmen. Geschickt behandelt sie beiläufig tiefgründige Fragen nach der Bedeutung der Herkunft und dem Umgang damit. Wie stark können wir unser Schicksal beeinflussen und uns gegen alle Widrigkeiten ein erfolgreiches Leben (vielleicht in einem anderen Land) aufbauen und welchen Preis zahlen wir dafür? Die iranisch-österreichische Autorin gibt exemplarische Einblicke in das Leben von Menschen aus einem kriegsversehrten Land sowie in den Märtyrerkult, der im Iran zelebriert wurde/wird. Der erfolgreiche Migrant in Deutschland (Ali Najjar) und der vereinsamende, verarmende Kriegsveteran im Iran (Ali-Reza) bilden starke Gegenpole.


Entlang der drei Perspektiven, mit wenigen Ausnahmen in der dritten Person erzählt, gelingt es Ebrahimi, den Spannungsbogen aufzubauen und uns immer etwas mehr über die Verstrickungen der drei Schicksale zu verraten. Sprachlich ist der Roman ebenfalls ein Genuss und jeder der drei Männer hat seinen eigenen Sound.


Unnahbare Figuren

Einiges an diesem Buch hat mir gefallen, aber ich habe auch einiges zu bemängeln. Das grösste Problem ist, dass die drei Hauptprotagonisten unsympathisch sind. Ihr Handeln und Denken ist für mich nicht nachvollziehbar. Vielleicht liegt das an der Herausforderung, drei ganz unterschiedlichen Charakteren gerecht werden zu müssen und das noch dazu fast ohne Ich-Erzählungen. So bleibt Ebrahimi für mich zu sehr an der Oberfläche. Wirklich spannend hätte ich die Mutter-Sohn-Geschichte zwischen Ali Najjar und seiner Mutter Maryam gefunden, die im Iran zurückblieb. Hinzu kommen ein paar Plattitüden. Muss ein Bräutigam beim Polterabend echt in den Schirmständer kotzen? Tut mir leid, aber das habe ich in zu vielen billigen Filmen schon gesehen.


Fazit

Wer sich für die Themen Migration, Überwindung von Kriegstraumata, Herkunft und Heimat interessiert und wie darin persönlicher Erfolg oder zumindest innere Zufriedenheit möglich sind, der findet in Nava Ebrahimis Roman "Das Paradies meines Nachbarn" zu all dem und noch ein paar weiteren Themen spannende Denkanstösse. Er oder sie liest ausserdem ein geschickt aufgebautes und sprachlich überzeugendes Buch. Vielleicht wachsen dem einen oder der anderen ja auch die Protagonisten stärker ans Herz, dann passt alles!


Die Fakten

Das Paradies meines Nachbarn

Nava Ebrahimi

btb Verlag

224 Seiten

Erschienen am 24.02.2020

Hardcover

ISBN: 978-3-442-75869-2


PS: Herzlichen Dank an btb (Verlagsgruppe Randomhouse) für das Rezensionsexemplar.


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