Der Dreck, der unsere Zukunft ist
Was, wenn der Krieg plötzlich das eigene Land erreicht? Um diese Frage dreht sich Agi Ofners neuer Jugendroman "Der Dreck, der unsere Zukunft ist". Für Juni und November wird diese Frage bittere Realität!

Der Krieg in der Ukraine ist nah. Gefühlt täglich lesen wir von neuen Angriffen oder wieder aufgeflammten Konflikten weltweit - im Iran und Afghanisten, im Sudan, in Mali, in der Demokratischen Republik Kongo, in Äthiopien und im Jemen, auf den Philippinen, in Myanmar, auf Haiti, in Kolumbien und Venezuela... Die Frage, was wir bzw. unsere Kinder tun würden, wenn die Bedrohung das eigene Land erreicht, ist also leider viel weniger hypothetisch, als wir uns gerne einreden.
Agi Ofner hat es gewagt und wirft ihre beiden Protagonist:innen Juni und November - die Monatsnamen sind purer Zufall - in dieses dystopische Szenario: Der Krieg im eigenen Land steht kurz bevor und Juni überlegt mit ihren Eltern, ob sie nicht besser aufs sicherere Land flieht. Sonnenklar ist dabei nur eins: Ihr Freund November muss mit und seine kriegsbefürwortende Familie darf nichts davon erfahren.
"Würde man uns von außen betrachten, hätte man keinen blassen Schimmer, dass ein näherkommender Krieg an unseren Herzen zieht." / S. 38
Komplett auf sich gestellt
Zuerst finden sie (gegen Bezahlung durch ihre Eltern) Unterschlupf auf dem Hof von Hemma. Doch als der Krieg immer näher kommt, auffliegt, dass sie keine Geschwister sind und November bald 18 und damit wehrpflichtig wird, müssen sie in den Wald flüchten.
Zuerst können sie noch eine alte Jagdhütte nutzen, doch mit der Jagdgsaison im Herbst fällt auch dieses Obdach weg und sie müssen tatsächlich unter freiem Himmel hausen. Ich möchte natürlich nicht zu viel spoilern, deshalb gebe ich an dieser Stelle keine weiteren Infos zur Handlung.
Antikriegsroman für Jugendliche
Agi Ofner erzählt wie gewohnt in erfrischend jugendlichem Ton aus der Perspektive der Ich-Erzählerin Juni. Da ist schon so einiges "fucking" oder "delulu". Dazu gehört auch, dass in Ofners Romanen auch mal jemand aufs Klo muss oder seine Tage hat. Alltägliche Dinge, die grosse Romanciers in ihren Heldengeschichten (absichtlich nicht gegendert) gerne mal unter den Tisch fallen lassen.
Aufgebaut ist der Jugendroman in kurze und kürzeste Kapitel, die auch mal nur einen Abschnitt umfassen. Obwohl das Erzähltempo eher langsam ist und wir viel von Junis verständlicherweise mäandernden Gedanken mitkriegen, ist das Buch ultraspannend. Das bestimmt auch, weil man sich als Leser:in unweigerlich fragt: Was würde ich in dieser Situation tun? Wie würde ich mich fühlen? Was oder wer hätte für mich oberste Priorität, wenn es um Leben und Tod geht? Besonders der Schlussteil hat es mit so einigen Plottwists in sich und verlangte meinen Nerven alles ab!
Der österreichischen Autorin gelingt es in "Der Dreck, der unsere Zukunft ist" sehr gut, Gedanken, Ängste und ganz praktische Probleme und Gefahren zweier Jugendlicher im Angesicht eines Krieges wiederzugeben. Das ist thematisch hart, düster, deprimierend, wird aber durch den unerschöpflichen Mut und den Zusammenhalt von Juni und November erträglich. Ja, Agi Ofner setzt der äusserst beklemmenden politischen Entwicklung mit der ganz besonderen Liebesgeschichte der beiden auch "etwas fürs Herz" entgegen - was allerdings gleichzeitig die Fallhöhe deutlich erhöht, wenn die beiden in Gefahr geraten.
"Die Verzweiflung ist ein grosses Tier mit spitzen Zähnen, das nur darauf wartet, sie uns in die Kehle zu schlagen, sobald wir einen Augenblick zu lange innehalten und ernsthaft über unsere Situation nachdenken." / S. 222
Schliesslich malt uns die Autorin und Illustratorin wieder wunderbare Sprachbilder, die unweigerlich zu grossem Kopfkino und entsprechendem Mitfühlen und Mitbangen führen. "Der Dreck, der unsere Zukunft ist" setzt sich aus der Perspektive von Jugendlichen mit den grossen Themen des Lebens auseinander: Krieg, Familie, grosse Liebe, Hoffnung, Zusammenhalt und Menschlichkeit. Ich gebe eine unbedingte Leseempfehlung, nicht nur, aber besonders zur Herbstzeit!
Die Fakten
Agi Ofner
Arctis Verlag
352 Seiten
Erschienen am 09.11.2026
Hardcover
ISBN: 978-3-03880-255-6
Ab 14 Jahren
PS: Herzlichen Dank an Agi Ofner und den Arctis Verlag für das Rezensionsexemplar.
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