In der Heimat meines Vaters riecht die Erde wie der Himmel

Drehbuchautorin und Schreibcoach Samira El-Maawi hat ihren ersten Roman veröffentlicht. "In der Heimat meines Vaters riecht die Erde wie der Himmel" erzählt die Geschichte eines entwurzelten Mannes und seiner Familie.


In der Heimat meines Vaters riecht die Erde wie der Himmel - Samira El-Maawi / Exit racism - Tupoka Ogette

Samira El-Maawis Debütroman ist aber viel mehr als eine simple Geschichte, gibt mehr als einen Einblick in Einzelschicksale. Deshalb möchte ich euch am Ende dieses Beitrags als passende Ergänzung das Sachbuch "exit RACISM - rassismuskritisch denken lernen" von Tupoka Ogette empfehlen.


Von Sansibar in die Schweiz

Ich-Erzählerin von "In der Heimat meines Vaters riecht die Erde wie der Himmel" ist ein 10-jähriges Mädchen. Ihr Vater stammt aus Sansibar, ihre Mutter ist Schweizerin. Der Vater ist eigentlich Chemiker, arbeitet in der Schweiz aber als Koch, weil seine Ausbildung nicht anerkannt wird. Da in der Zürcher Kantine nur gut schweizerisches Essen erwünscht ist und er nicht mal an der Salatsauce etwas verändern darf, lebt er seine Liebe zum Kochen an den Wochenenden zuhause aus. So schafft er sich eine duftende Insel von Heimat in der Schweiz.


Die Ich-Erzählerin lässt uns über kleine Szenen hineinblicken ins Familiengefüge, ins Leben (und teils Leiden) der einzelnen Familienmitglieder und in ihre Beziehung zur Schweiz bzw. zur weissen Mehrheitsgesellschaft. Der Vater versucht, nicht aufzufallen, lebt seine eigene Kultur, seine Sprache nur zuhause (meist sogar nur im Gespräch mit sich selber) aus. Die Mutter versucht, ihr Ideal einer toleranten, offenen Gesellschaft zumindest in ihrem nahen Umfeld real werden zu lassen. Und die beiden Töchter stehen immer wieder dazwischen: Sie haben vom Vater zwar einen Teil von Sansibar mitgekriegt. Am offensichtlichsten über ihr Aussehen, die dunklere Haut und die krausen Haare. Entsprechend müssen sie sich auch mit Alltagsrassismus und strukturellem Rassismus auseinandersetzen.


"Ich binde meine Haare lieber zusammen, obwohl mir alle sagen, ich solle sie doch offen tragen. Aber dann schauen alle an mir vorbei, nur auf mein Haar, und ihre Hände verteilen sich in ihnen und sie kennen mein Haar besser als mich..." (S. 37)

Gleichzeitig sind sie in der Schweiz geboren und wissen sehr wenig über die Heimat ihres Vaters. Die einzige Schnittstelle sind eigentlich die Gerüche und Geschmäcker aus Sansibar, die regelmässig in der Küche der Familie Einzug halten.


Das Blatt wendet sich, als der Vater seine Arbeit verliert. Mehr und mehr zieht er sich zurück, wendet sich dem Islam zu, telefoniert oft auf Arabisch, entfremdet sich von seiner Familie und damit auch von der Schweiz. Und auch für die Ich-Erzählerin stellt sich die Frage nach ihrer Heimat, ihrer Identität und ihrer Verortung in der Schweizer Gesellschaft immer stärker.


"Meine Hautfarbe ist so mächtig wie ein hohes Gefängnis. Ich kann zwar mit dem Gefängnis herumlaufen, aber ich werde nie aus ihm ausbrechen können, und niemand kann mich befreien nicht einmal Nelson Mandela." (S. 41)

Einfache Sprache, aber vielschichtige Perspektiven

Dem Alter der Ich-Erzählerin entsprechend ist die Sprache einfach, reduziert. Der Text changiert immer wieder zwischen "normalem" Prosatext und poetisch anmutenden Absätzen ohne Interpunktion. Arbeitet stark mit Wiederholungen und Rhythmus. Die Ich-Erzählerin beschreibt relativ unbedarft, was sie sieht und erlebt. Die Reflexion darüber findet hauptsächlich bei den Leser*innen selbst statt. In Kombination mit den stärker poetischen und reflektierenden (aber nicht analytischen) Passagen erhält der Roman seine Tiefe und emotionale Kraft. So vermittelt er gut, mit welchem Ausmass an Rassismus - von Ignoranz bis zur aktiven Ausgrenzung und Verachtung - Schwarze Menschen und People of Color täglich zu kämpfen haben. Wie unterschiedlich verschiedene Menschen (auch das Geschwisterpaar) damit umgehen. Und wie lebensbestimmend der strukturell verankerte Rassismus für Betroffene (und ihre Angehörigen) bis heute ist.


Ein abschliessendes Textbeispiel verdeutlicht für mich sehr gut, wie elementar der Einfluss von Rassismus ist:

"Weil ich anders bin, muss ich besonders sein, besonders nett besonders schön besonders herzig besonders freundlich besonders gut besonders hilfsbereit besonders lustig besonders fröhlich und besonders dankbar und immer immer nett immer schön (....) und nie nie unfreundlich nie wütend nie aggressiv und nie unartig" (S. 33)

Wer mehr über das Buch erfahren möchte, dem empfehle ich die Premierenlesung mit Autorin Samira El-Maawi:



Rassismus erkennen lernen

In diesem Zusammenhang empfehle ich allen - besonders jenen, die sich noch nicht näher mit dem Thema befasst haben -, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen. Ein Sachbuch, das sich hierzu (vor oder nach der Lektüre des Romans) sehr gut eignet, ist Tupoka Ogettes "exit RACISM", das ich als Standardwerk in diesem Bereich bezeichnen würde.


Tupoka Ogette ist Antirassismustrainerin aus Deutschland und schöpft aus vielen Jahren eigener Erfahrung. In ihrem Handbuch "exit RACISM" geht sie auf die Entstehungsgeschichte von Rassismus ein und erklärt, wie sich rassistische Denk- und Handlungsmuster in unserer Gesellschaft verankert haben und über die Sozialisation von Generation zu Generation weitergegeben werden. Sehr praktisch nimmt sie die Leser*innen dann mit auf eine rassismuskritische Reise.


Sie erklärt, dass Rassismus tagtäglich in sehr vielen Situationen und Bereichen reproduziert wird.


"Und dass dieser Rassismus oft in Kontexten passiert, in denen sich die Menschen für tolerant, fair und vor allem für 'antirassistisch' halten." (S. 11 der E-Book-Version)

Denn genau diese Einschätzung ist das Problem: Rassismus wird in Deutschland (und ebenso in der Schweiz) oft auf ein individuelles Fehlverhalten reduziert. Man geht fälschlicherweise davon aus, dass rassistische Menschen "schlechte" Menschen sind - nur in der äussersten rechten Ecke zu finden.


Tupoka Ogette nimmt uns an der Hand und führt uns aus diesem "Happyland" - wie sie es nennt - heraus und in fünf Phasen hin zum rassismuskritischen Denken.


Und so macht sie eines sehr deutlich mit ihrem Buch:


"Wir alle können nichts für die Welt, in die wir hineingeboren wurden. Aber jede und jeder kann Verantwortung übernehmen und diese Welt mitgestalten." ~ Tupoka Ogette

Das Handbuch lädt zum aktiven Mitmachen ein, zum Reflektieren, zur emotionalen Auseinandersetzung mit der eigenen (rassistischen) Sozialisation, Denk- und Handlungsweise. Lässt uns Alltagsrassismus (Woher kommst du? Woher kommst du wirklich?) und institutionellen Rassismus erkennen. Es enthält auch Anregungen für Gespräche und Tipps zum Einnehmen einer rassismuskritischen Perspektive im Alltag und es bietet Zugang zur weiteren Auseinandersetzung mit dem Thema (über Websites, Filme, andere Text).


Eine vielleicht turbulente, aufwühlende, aber sehr, sehr lohnenswerte Reise! Meiner Meinung nach sollten sich alle weissen Menschen dazu verpflichtet fühlen, diese Reise zumindest anzutreten. Besonders diejenigen, die Rassismus weit von sich weisen. Ob sie sich dann immer noch von jeglichem rassistischen Denken und Handeln ausnehmen können, müssen sie selbst beurteilen.


Silvi Feist hat "exit RACISM" in Folge 15 ihres Podcasts "Feiste Bücher" besprochen, sehr hörenswert!



Die Fakten

In der Heimat meines Vaters riecht die Erde wie der Himmel

Samira El-Maawi

Zytglogge

144 Seiten

Erschienen am 01.02.2021

Hardcover (auch als E-Book erhältlich)

ISBN: 978-3-7296-5049-7


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Website von Samira El-Maawi

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PS: Herzlichen Dank an den Zytglogge Verlag für das Rezensionsexemplar.



exit RACISM

Tupoka Ogette

Unrast Verlag

136 Seiten

Erschienen im September 2020 (9. Auflage, im Bild die 7. Auflage)

Taschenbuch (auch als E-Book oder Hörbuch erhältlich)

ISBN: 978-3-89771-230-0


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Website von Tupoka Ogette

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