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Vorlesen in Amerika - ein Erfahrungsbericht zum Schweizer Vorlesetag

(Werbung) Mit unserer vorübergehenden Auswanderung in die USA stellt sich natürlich auch die Frage, wie wir unseren Kindern hier vorlesen und mit ihnen neue Kinderbücher entdecken. Im Hinblick auf den diesjährigen Schweizer Vorlesetag gebe ich euch einen Einblick in unsere Erfahrungen und gebe gleich noch drei Buchtipps mit.

Vorlesen in Amerika, Mutter liest Kind auf Sofa aus einem Bilderbuch vor

Als Bilderbuchliebhaberin und Buchbloggerin konnte ich es natürlich nicht lassen, ganz viele unserer heissgeliebten (und teils auch noch ungelesenen) Kinderbücher mit in die USA zu nehmen. Und selbstverständlich wollen wir auch weiterhin auf Deutsch (bzw. Schweizerdeutsch) vorlesen. Denn das Vorlesen in der Muttersprache ist sehr wichtig für die Sprachentwicklung. Das sagen auch die Expert*innen vom Schweizer Vorlesetag.


Der amerikanische Kinderbuchmarkt

Gleichzeitig ist es auch sehr spannend, den amerikanischen Kinderbuchmarkt zu entdecken, sei es nun über die Schule, die Schulbibliothek, die Gemeindebibliothek oder die hiesigen Buchhandlungen. Wie ihr auf dem Bild oben erkennen könnt, haben es auch schon so einige Bilderbücher auf Englisch in unseren Haushalt geschafft (und es sind noch nicht mal alle drauf). Die meisten leihen sich aber die Kinder aus der Schulbibliothek bzw. wir alle aus der Gemeindebibliothek. Eine gute Auswahl gibt es auch in vielen Supermärkten - von Klassikern bis Neuerscheinungen - und in den grossen Buchhandelsketten. Eine kleine, inhabergeführte Buchhandlung habe ich in unserer Nähe leider noch nicht gefunden. Dafür gibt es hier wirklich sehr viele Bücherschränke am Strassenrand. Sie enthalten zwar meist mehr Romane für Erwachsene, aber je nach Besitzer*in ist schon auch mal ein Kinderbuch dabei.



Was besonders auffällt ist, dass es sowohl in den Bibliotheken als auch in den Buchhandlungen viel mehr Bücher von Autor*innen of Color und über Rassismus bzw. Anti-Rassismus und Schwarze Held*innen gibt. In unserer Gemeindebibliothek waren zum Beispiel der Black History Month im Februar und der Women's History Month im März sehr präsent. Besprochen habe ich kürzlich "Change" von Amanda Gorman (auf Deutsch), "The Youngest Marcher" von Illustratorin Vanessa Brantley Newton und "The World Belonged To Us" von Jacqueline Woodson. Auch Bücher von indigenen Autor*innen und Illustrator*innen (insbesondere aus USA und Kanada) gibt es zu entdecken. Da möchte ich euch in Zukunft auch noch das eine oder andere zeigen. Tolle Bücher von Amerikaner*innen mit (südost-)asiatischem Hintergrund gibt es hier ebenfalls mehr zu lesen als in der Schweiz. Hier kann ich euch zum Beispiel "This Is Not My Home" von Eugenia Yoh und Vivienne Chang empfehlen, die eine besondere Migrationsgeschichte erzählen.


Ebenfalls auffällig sind die vielen Bilderbücher rund um Themen wie Selbstbewusstsein, Body Positivity, die Aussergewöhnlichkeit und Kraft, die in jedem Kind steckt, und die Wertschätzung der Vielfalt. Das steht natürlich etwas im Kontrast zu den Book Bans, auf die ich unten zu sprechen komme. Ich habe aus diesem Spektrum bereits "Some Bodies" vorgestellt.



Lesen und Vorlesen werden hier grossgeschrieben und sowohl die Schule (inklusive Kindergarten) als auch die örtliche Bibliothek bieten viele Aktivitäten wie den "Read Aloud Book Club" für Schüler*innen oder die "Story Time" für die Kleinsten an. Wir nutzen solche Angebote gerne, damit unsere Kinder auch Geschichten auf Englisch zu hören bekommen und zwar von Native Speakers und nicht in unserem Amateur*innen-Englisch mit Schweizer Akzent. ;-) Wenn wir zuhause englische Kinderbücher vorlesen, übersetzen wir sie laufend auf Schweizerdeutsch. Die Grosse liest mit und kann bei Wörtern, die sie nicht versteht, direkt nachfragen und oft müssen wir auch gemeinsam nachschauen, was ein Wort bedeutet. Ganz hoch im Kurs bei allen drei Kindern (zwischen 3 und 9) sind die Bücher von Mo Willems, ob nun von Gerald und Piggie, die man auf Deutsch als Elefant Gerald und Schweinchen kennt, oder mit Pigeon, von denen es bisher meines Wissens nur "Bring doch mal schnell die Taube ins Bett" in den DACH-Raum geschafft hat.


Eins ist wohl klar: Wir werden mit mehr Büchern nach Hause kommen, als wir mitgenommen haben. :-)


Was hat es mit den Book Bans auf sich?

Leider hört und liest man in letzter Zeit immer wieder von Buchverbannungen und Zensurierung. Das Thema schwappt ja auch immer wieder bis in den deutschsprachigen Raum und ist in den amerikanischen Medien (wie New York Times, 20.04.2023 oder Washington Post, 19.09.2022) ebenfalls regelmässig Thema. Immer wieder erlassen Staaten Gesetze, die gewisse Themen und damit auch Bücher, die von diesen Themen handeln, an Schulen und in Bibliotheken untersagen.


Und auch, wenn es in einem Staat keine derartigen Gesetze gibt (das ist zum Glück noch in der Mehrheit der Fall), gibt es immer wieder Initiativen von konservativen Kreisen zur Verbannung gewisser Bücher. Und diese werden teils von School Boards (den Schulbehörden) oder Bibliotheksvorständen auch gutgeheissen und umgesetzt. Betroffen sind meist Bücher von Schwarzen und queeren Autor*innen und solche die Themen wie Rassismus, Geschichte, sexuelle Orientierung und Gender thematisieren.


In der ersten Hälfte des Schuljahres 2022-2023 sind die Book Bans an Schulen und Schulbibliotheken förmlich explodiert, wie PEN America, eine NPO für freie Meinungsäusserung, im aktuellsten Bericht (einer Aktualisierung des Berichts von 2022) ausführt. Bei den meisten "verbannten" Büchern handelt es sich um Young Adult- oder Adult-Bücher und nur wenige Bilderbücher. Aber auch das kommt vor, wie zum Beispiel beim Buch "Pink, Blue, and You!" von Elise Gravel über Geschlechterstereotype. Genau solche Bücher, die LGBTQIA-Themen berühren, sind bei den Bilderbüchern am häufigsten betroffen. Und das ist umso dramatischer, weil es diese Bücher noch gar nicht so lange gibt und sie damit noch nicht sehr zahlreich sind.

Book Bans gibt es in 21 Staaten, wobei sich die meisten auf folgende Staaten konzentrieren: Texas, Florida, Missouri, Utah und South Carolina. In Wisconsin, wo wir leben, gab es zum Glück noch keinen Fall, zumindest nicht offiziell.


Glücklicherweise gibt es auch Organisationen wie die genannte PEN America oder die American Civil Liberties Union ACLU, die sich gegen diese gefährlichen Book Bans einsetzen. Ich hoffe, ihre Stimmen werden immer zahlreicher und lauter, damit die Vielfalt an Büchern erhalten bleibt, die für Kinder kostenlos zugänglich sind (und nicht nur via Buchhandel) und im Unterricht auch diskutiert und kontextualisiert werden können. 70% der Eltern sind gegen Book Bans, viele Bücher werden also mehr vorsorglich, aus Angst vor Angriffen, aus Bibliotheken entfernt (vgl. Washington Post, 22.03.2022). Zudem gibt es Jugendliche, die Buchclubs gründen, um die verbannten Bücher zu lesen, oder sogar vor Gericht gehen für ihr Recht auf Lektüre! Wenn die Book Bans weiterhin zunehmen, besteht aber auch die Gefahr, dass sich nicht nur Bibliotheken und Schulen selbst zensurieren, sondern auch die Kinderbuchverlage. Das wäre ein riesiger Schaden!


Weshalb Vielfalt in Kinderbüchern so wichtig ist, habe ich in meinen Beiträgen zum Schweizer Vorlesetag 2021 (Fokus Geschlechterklischees) und zum Schweizer Vorlesetag 2022 (alle Vielfaltsdimensionen) umfassend ausgeführt.


Drei Kinderbuchtipps zum Vorlesen

Meine Bilderbuchtipps zum Schweizer Vorlesetag sind alle bereits auf Deutsch erschienen, so dass ich euch jeweils die deutsche Ausgabe ebenfalls verlinke. Und natürlich habe ich bei allen auf die Diversität geachtet! Zwei der Bücher sind aus Grossbritannien (eins davon mit deutscher Illustratorin) und eines ist aus den USA. Starten wir doch gleich damit!


The Proudest Blue - Ibtihaj Muhammad, S. K. Ali, Hatem Aly (Little, Brown 2019)

Das stolzeste Blau - Eine Geschichte über Hijab und Familie

"The Proudest Blue" ist ein empowerndes Bilderbuch von Fechterin und Olympia-Medaillen-Gewinnerin Ibtihaj Muhammad über das Hijab-Tragen und über den Zusammenhalt zweier Schwestern. Mitgeschrieben hat es S. K. Ali und illustriert wurde es von Hatem Aly. Alle drei sind Muslim*innen und entsprechend vertraut mit der Hijab-Tradition.


"Das stolzeste Blau" erzählt die Geschichte von Faizah, die ihren ersten Schultag hat, und ihrer grossen Schwester Asiya, die heute zum ersten Mal Hijab trägt in der Schule. Sie hat sich einen wunderschönen Hijab aus blauem Stoff ausgesucht. Faizah findet ihn so schön wie das Meer und der Himmel zusammen. Doch in der Schule angekommen merkt sie, dass nicht alle so positiv auf den Hijab reagieren. Dank den bestärkenden Worten ihrer Mutter, schaffen es die beiden Schwestern aber, den Hijab weiterhin mit Stolz zu tragen bzw. zu betrachten und sich nicht durch das Mobbing einschüchtern zu lassen.

Das Bilderbuch ist besonders wertvoll für muslimische Familien, die ihre Kinder (vor allem Töchter) auf das Hijab-Tragen vorbereiten möchten. Es gibt aber auch nicht-muslimischen Familien oder ganzen Kindergarten- und Schulklassen einen guten Einblick und fördert die Empathie und das Verständnis für muslimische Mitmenschen.


Auf Englisch ist bereits ein Nachfolgeband "The Kindest Red - A Story of Hidjab and Friendship" vom selben Autorinnen-/Illustrator-Trio erschienen.


Das stolzeste Blau - Eine Geschichte über Hijab und Familie - Ibtihaj Muhammad, S. K. Ali, Hatem Aly, Aisha Meier-Chaouki (Übersetzung), Atfaluna Verlag 2022, 40 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, ISBN: 978-3-00-071587-7, ab 4 Jahren


Dig! Dig! Dig! - Wenda Shurety, Andrea Stegmaier (Storyhouse Publishing 2021)

Einfach buddeln!

"Einfach buddeln!" oder auf Englisch "Dig! Dig! Dig!" von Wenda Shurety und Andrea Stegmaier erzählt eine Geschichte mitten aus dem Kinderalltag: Ben (auf Englisch Jake) ist es langweilig und da denkt er sich, er könne doch im Garten einfach mal anfangen zu buddeln und wird dann bestimmt irgendwann auf der anderen Seite der Erde wieder herauskommen. Immer mehr und mehr Freund*innen stossen dazu und helfen ihm. Ein richtig schönes Gemeinschaftsprojekt und Alltagsabenteuer, wie es viele von uns bestimmt in der eigenen Kindheit auch erlebt haben. Nur der Ausgang der Geschichte war - zumindest in meiner Kindheit - nie so spannend wie im Bilderbuch. Das Ende zu entdecken, überlasse ich euch und euren Kindern. Vielleicht ja genau am Schweizer Vorlesetag?!


Die Illustrationen von Andrea Stegmaier (vgl. weitere Besprechungen) sind wie immer vielfältig gestaltet bezüglich der Haut- und Haarfarben, Frisuren und Brillen. Und die deutsche Illustratorin hat auch hier wieder eine wunderbare Farbpalette mit gedeckten Farben und Akzenten in Gelb und Magenta gewählt. Besonders süss ist die Sidestory mit den Mäusen, die fleissig beim Buddelprojekt helfen.


Einfach buddeln! - Wenda Shurety, Andrea Stegmaier, Yvonne Hergane (Übersetzung), Carlsen 2023, 40 Seiten, Hardcover, ISBN: 978-3-551-52196-5, ab 3 Jahren


All Through the Night - Polly Faber, Harriet Hobday (Nosy Crow 2021)

Durch die ganze Nacht - Menschen, die arbeiten, während wir schlafen

In "All Through the Night: Important Jobs That Get Done at Night" der beiden Britinnen Polly Faber und Harriet Hobday geht ein kleines Mädchen schlafen. Ihre Mutter aber geht zur Arbeit als Busfahrerin. Sie arbeitet die ganze Nacht so wie der Bäcker, die Krankenpflegerin, die Schienenarbeiterin, der Lieferant, die Polizistin, der Nachtwächter, die Journalistin oder die Hebamme. Auf wunderbar warm illustrierten Doppelseiten voller Details können wir diese Menschen bei ihrer wichtigen Arbeit in der Nacht beobachten. So wird deutlich: Diese Menschen braucht es, damit alles funktioniert, während wir schlafen!


Das Bilderbuch deckt viele Vielfaltsdimensionen ab, indem Frauen und Männer auch vermeintlich geschlechtsuntypische Berufe besetzen, ganz unterschiedliche Namen (und damit kulturelle Hintergründe) und Hauttöne präsent sind, die Polizistin Hijab trägt usw. Am Ende kehrt die Mutter wieder zurück zu ihrer Familie, für die gerade der Tag beginnt. Ein Bilderbuch, das für Kinder ab 4 Jahren sehr spannend ist, viel zu entdecken und zu diskutieren gibt!




Schweizer Vorlesetag 2023

Am Schweizer Vorlesetag am 24. Mai 2023 wird wieder in der ganzen Schweiz in Schulen, Kindergärten, Kitas, Bibliotheken und zuhause vorgelesen. Als Schweizer Familienblog setze ich mich seit der ersten Durchführung für den Schweizer Vorlesetag ein. Der Vorlesetag ist eine Initiative des Schweizerischen Instituts für Kinder- und Jugendmedien SIKJM.


Werdet auch Teil des Schweizer Vorlesetags – sei es bei euch zu Hause, im Kindergarten, in der Schule, im Verein oder als öffentliche Vorleseveranstaltung. Alle, die eine Vorleseaktion eintragen, haben die Chance, eines von fünf Bücherpaketen mit je drei Büchern zu gewinnen!


Fragt ihr euch, wie es ums Vorlesen und Lesen im Zeitalter der Digitalisierung steht? Dann lest auch den Artikel von Die Angelones. Rita hat mit Leseförderungsexpertin Christine Tresch vom SIKJM gesprochen.


Viel Spass beim Vorlesen - wo und in welcher Sprache auch immer, Hauptsache ihr tut es!

Eure Eliane




PS: Dieser Artikel entstand in Kooperation mit dem SIKJM.



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