Schöne, trostlose, raue Arktis

Tanya Tagaq legt mit "Eisfuchs" ein ganz besonderes Debüt hin, das weit über einen Roman hinausgeht. Worum es geht und was das Buch der indigenen Autorin so speziell macht, erfahrt ihr in diesem Artikel.



Vorab kurz zu Tanya Tagaq, denn mit "Eisfuchs" habe ich erstmals ein Buch von einer Autorin gelesen, die zu den Inuit gehört. Aufgewachsen ist sie in Cambridge Bay, ganz im Norden Kanadas, im Territorium Nunavut. Sie ist Performerin, Komponistin und Sängerin (kleine Kostprobe ihres Kehlkopfgesangs) und nun auch Autorin.


Aufwachsen in der Arktis

Tanya Tagaq erzählt in "Eisfuchs" die Geschichte eines jungen Mädchens, das im Verlauf des Buches zur Frau wird. Das Mädchen, die Ich-Erzählerin, nimmt uns mit in die Tundra, ins ewige Eis, in das Dorfleben der indigenen Bevölkerung von Nunavut. Wir erleben ihr Aufwachsen in diesem rauen Klima, nicht nur aufgrund der vorherrschenden Kälte, sondern auch vor dem Hintergrund der sich auflösenden Gemeinschaft der Inuit. Ihre Kindheit und Jugend ist geprägt vom unbeaufsichtigten Spiel der Kinder in der Tundra, von Mutproben, von Parties, vom Schnüffeln von Lösungsmitteln, von Freundschaften, kleinen Feindschaften und ersten Liebesbeziehungen.


Diese Geschichte vom Aufwachsen ist immer wieder durchwebt mit Erfahrungen von Gewalt (gegen Frauen), sexuellem Missbrauch, Alkoholismus und Vernachlässigung. Auch das schwarze Kapitel der Residential Schools, in denen die indigene Bevölkerung Nordamerikas umerzogen wurde, spielt im Buch eine Rolle (siehe Wikipedia-Eintrag zum Thema). Besonders bestürzend fand ich die Selbstverständlichkeit, mit der (sexuelle) Gewalt an Frauen zum Alltag zu gehören schien. Ein Gegengewicht findet die Ich-Erzählerin in der Natur - im Eis, in der Tierwelt am Polarkreis und an den Nordlichtern - und in den Mythen der indigenen Bevölkerung. Von da kommt auch der Titel "Eisfuchs", denn ein solcher spielt eine entscheidende Rolle für das Mädchen.


Prosa, Poesie, Memoir und Illustration

"Eisfuchs" sticht vor allem heraus durch seine Form: Es ist ein Stück weit Roman. Es ist aber auch ein Memoir, denn Tanya Tagaq liess viele eigene Erfahrungen, Tagebucheinträge u.ä. einfliessen. Es ist Poesie, werden die Prosatexte doch immer wieder ergänzt um kurze und längere Gedichte. Und schliesslich finden sich im Buch tolle Illustrationen vom bekannten amerikanischen Comiczeichner Jaime Hernandez - schwarzweisse, reduzierte Zeichnungen.


Zu Beginn hat mich Tanya Tagaq sofort gepackt. So bringt sie die besondere Stimmung der Kinder an der Schwelle zur Pubertät, helle Sommernächte in der Arktis, den Geruch der Freiheit bestens zum Ausdruck, lässt uns mit der Protagonistin auf dem Eis liegen und die irisierenden Nordlichter bestaunen. Und sie entwirft wunderschöne Sprachbilder:


"Wir zeigen es der Zeit, wir pflücken uns gegenseitig das Lächeln von den Gesichtern. Kitzeln Kichern aus den Rippen, werfen mit Beleidigungen um uns, als seien es Komplimente." (S. 20)

Mit der Zeit nehmen die bedrückenden Themen immer mehr Überhand und die mystischen Erfahrungen, die Sinnsuche der Ich-Erzählerin sowie die Ereignisse, die ich hier nicht verraten möchte, werden immer surrealistischer. Die fragmentarische Form trägt das Ihre dazu bei, den Bezug zur Erzählerin mehr und mehr zu verlieren. Das mag an meiner westlichen, rationalen und wenig spirituellen Weltsicht liegen und soll deshalb auch keine Kritik sein. Aber es soll zeigen, dass dieses Buch eine Herausforderung sein kann. Das kann man bis zum Schluss spannend und bereichernd finden. Für mich war es mit der Zeit doch sehr anstrengend und für meinen Geschmack etwas zu roh, zu brutal, zu magisch und opulent.


Von den lyrischen Einschüben an sich sollte man sich aber nicht abschrecken lassen. Die Gedichte finde ich sehr zugänglich. Sie vermitteln gut die Gefühle und Gedanken der Ich-Erzählerin.


"(...) Atme kleine Ängste ein sie flüstern und kriechen in deinen Kopf achte sie und danke ihnen dass sie dich schützen wollen. (...) Atme Anerkennung aus für die Schönheit deiner Instinkte und den Mut kleine Ängste zu lieben. (...)" (S. 19)

Für eine hymnische Besprechung empfehle ich euch als Gegengewicht zu meiner etwas zurückhaltenden Einschätzung die Folge 89 vom Papierstaupodcast. Die liebe Meike liefert darin eine tolle Zusammenfassung, viel Hintergrundinformation und eine sehr wertschätzende Kritik, die richtig Lust auf das Buch macht. Und das gönne ich ihm auch sehr. Ich werde mich bestimmt auch wieder einmal an Literatur von indigenen Autor*innen wagen.


Lobend erwähnen möchte ich auch noch die Buchgestaltung des Verlags Antje Kunstmann. Der Schutzumschlag mit der linierten Struktur, der schwarze Einband mit der rot glänzenden Schrift und der rote Farbschnitt machen dieses Buch auch gestalterisch zu etwas Besonderem.


Fazit

"Eisfuchs" von Tanya Tagaq gibt einen spannenden Einblick in das Aufwachsen eines Mädchens in der indigenen Gemeinschaft im hohen Norden Kanadas. Die Autorin mischt in ihrem Debüt Prosa und Lyrik - ein spannendes Wechselspiel. Das Buch ist etwas für Leser*innen, die experimentelle, fragmentarische Literatur mögen, einen Bezug zu mystischen Elementen haben und mit harten Themen wie Missbrauch und Gewalt gut umgehen können. Für mich war es etwa bis zur Hälfte durchaus ein sehr bereicherndes Leseerlebnis. Danach habe ich leider zunehmend gekämpft mit Form und Inhalt.


Die Fakten

Eisfuchs

Tanya Tagaq (Text)

Jaime Hernandez (Illustration)

Anke Caroline Burger (Übersetzung aus dem Englischen)

Verlag Antje Kunstmann

196 Seiten

Erschienen am 11.02.2020

ISBN: 978-3-95614-353-3


PS: Herzlichen Dank an den Verlag Antje Kunstmann für das Rezensionsexemplar.


Like it? Pin it!

Magst du diesen Buchtipp? Dann merke dir den Pin dazu auf Pinterest. Danke!





#VerlagAntjeKunstmann #TanyaTagaq #ComingofAge #Aufwachsen #Kindheit #Jugend #Roman #Gedichte #Inuit #Gewalt #SexuellerMissbrauch #Alkoholismus #BücherfürmehrWeltoffenheit

NEUE BEITRÄGE

BLOG PER E-MAIL ABONNIEREN

© 2020 by mintundmalve