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Cleopatra und Frankenstein

Das Debüt von Coco Mellors "Cleopatra und Frankenstein" war im englischsprachigen Raum ein ziemlicher Erfolg. Ob es dem Hype gerecht wird? Lest selbst!


Cleopatra und Frankenstein - Coco Mellors (Eichborn 2023)
Foto: Lisa Kögeböhn, 2023.

"Cleopatra und Frankenstein" das erste Buch, das ich fast nur wegen der Übersetzerin, der fantastischen Lisa Kögeböhn, gelesen habe. Der amerikanisch-britische Hype war an mir vorbeigegangen und die Affiche, ein Roman über eine ungleiche Liebe in New York zu sein, hätte mich alleine jetzt auch nicht gekriegt.


Aber wegen ebendieser Übersetzerin habe ich mir das Debüt der britisch-amerikanischen Autorin Coco Mellors dann im August, notabene der Women in Translation Month (#witmonth), vorgenommen. Mit über 508 Seiten passte das Buch erst noch wunderbar in das alljährliche #dickebüchercamp von Marina aka @nordbreze und in meine Ferien! ;-) Und schliesslich hatte ich durch unseren USA-Aufenthalt noch einen Grund, mich an diesen New-York-Roman heranzuwagen.


Aber kommen wir mal zum Plot: Da treffen sich also die junge (und wunderschöne) Cleo, Studentin aus Grossbritannien, und der gut situierte Mittvierziger Frank an einem Silvesterabend in New York. So ungleich sie sind, so angezogen fühlen sie sich vom jeweils anderen und stürzen sich sofort in eine Beziehung. Ihre Romanze gipfelt (nicht nur, aber auch aus Visumsgründen) schon ein halbes Jahr später in der Hochzeit der beiden. Doch dann machen sich erste Risse bemerkbar und es wird klar, dass Franks Satz aus dem Eheversprechen zumindest nicht die ganze Wahrheit ist:


"Wenn deine dunkelste Seite auf meine dunkelste Seite trifft, entsteht Licht." (S. 42)

Vielleicht ist da durchaus Licht, aber eben auch Schatten. Denn bei Cleo und Frank drängen sich immer wieder Geister aus Vergangenheit und Gegenwart an die Oberfläche. So etwa ihre jeweiligen Beziehungen zu ihren Eltern, Cleos Depression oder harzige Karriere als Künstlerin und Franks exzessiver Alkoholkonsum und Arbeitswahn. Schon diese Mischung ist ziemlich toxisch und dann kommen auch noch andere Menschen ins Spiel und bringen die eh schon wacklige Ehe noch mehr ins Schwanken, etwa Franks promiskuitiver Freund Anders oder Eleanor, die neue Texterin in Franks Werbeagentur (das vermeintlich hässliche Entlein).


Coco Mellors' Debüt ist stark Plot getrieben und so bin ich nur so durch die Seiten dieses Romans geflogen, ein echter Pageturner - sicher auch dank der famosen Übersetzung von Lisa Kögeböhn. Allerdings hat das Buch so einige Mängel: So sind fast alle Protagonist*innen - vielleicht mit Ausnahme von Eleanor und Santiago - ziemlich unsympathisch. Nun müssen Romanfiguren natürlich nicht unbedingt sympathisch sein, aber sowohl über Frank als auch über Cleo habe ich so einige Male den Kopf geschüttelt und sie machen auch nicht wirklich eine Entwicklung zum Besseren durch. Hinzu kommt, dass viele ihrer Entscheidungen und Handlungen - ob jetzt gut oder schlecht - einfach nicht nachvollziehbar waren. Die scheinbar dauer-verdrogten In-People von New York sind auch ganz schön klischeehaft. Natürlich gibt es da auch eine Alibi-PoC und einen besten schwulen Freund. Ich war zwar noch nie in New York, aber ich traue den Leuten dann doch mehr Vielschichtigkeit zu. ;-) Sehr sympathisch und lustig fand ich immerhin Eleanor mit ihrer jüdischen Mischpoche.


"Als Frank mich vorstellt, wandert sein [Anders', A.d.R.] Blick über meinen Körper, als würde er einen Artikel überfliegen, weil er zu spät gemerkt hat, dass er ihn nicht interessiert, und ihn jetzt wohl oder übel zu Ende lesen muss." (S. 134)

Dass man mit Eleanor mitfühlt, hat wohl auch damit zu tun, dass ihre Passagen die einzigen sind, die aus der Ich-Perspektive geschrieben sind. Vielleicht hätte es ganz gut getan, auch andere Protagonist*innen selber erzählen zu hören, anstatt sie relativ oberflächlich von aussen zu beobachten. Natürlich kann man diese Oberflächlichkeiten, die toxischen Männlichkeiten, die Objektifizierung von Frauen etc. - unter denen die Protagonist*innen zugegebenermassen auch leiden - als Gesellschaftskritik lesen, aber richtig explizit macht das die Autorin nicht.


Trotz der Mängel, wundert es mich nicht, dass Warner Bros. bereits die Verfilmung als Serie angekündigt hat. Das könnte unterhaltsam und ziemlich witzig werden. Und wenn die Serie bissig genug wird, sogar eine bessere Version von "Sex and the City", wer weiss. Ich bin gespannt! Und ich kenne jetzt schon den nächsten Haustiertrend: Sugar Glider. Ich geb's zu, nach der Lektüre wollte ich auch einen.


Wer mehr übers Übersetzen generell und ein paar Beispiele aus der Arbeit an "Cleopatra und Frankenstein" im Speziellen erfahren will, der kann beim Podcast eat.READ.sleep (Folge 84 vom 31.03.2023) mit Lisa Kögeböhn reinhören. Achtung: Hungergefahr! ;-)


Fazit

Ich habe "Cleopatra und Frankenstein" von Coco Mellors gerne gelesen. Für eine Ferienlektüre ist der Ausflug in die New Yorker Werbe- und Kunstszene ganz akzeptabel. Die Debütautorin schafft es, einen schnell reinzuziehen in den Strudel von Cleos und Franks Liebe, beweist Humor und liefert ein paar tolle Textstellen. Auch wenn der Roman mich nicht vollends begeistern konnte, erwarte ich mir von dieser neuen literarischen Stimme in Zukunft noch einiges.



Die Fakten

Coco Mellors

Lisa Kögeböhn (Übersetzung aus dem Englischen) Eichborn Verlag

512 Seiten

Erschienen am 25.08.2023

Hardcover

ISBN: 978-3-8479-0144-0




PS: Herzlichen Dank an den Eichborn Verlag für das digitale Rezensionsexemplar und an Lisa Kögeböhn für das schöne Foto! Die Seitenzahlen beziehen sich auf die E-Book-Version, können also von der Printversion abweichen.



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