Der Sommer, in dem ich Schwarz wurde

Was lösten die Black-Lives-Matter-Proteste in einer Schwarzen Person aus der Schweiz aus? Angélique Beldner lässt uns in "Der Sommer, in dem ich Schwarz wurde" an ihrer Entwicklung teilhaben und sucht gemeinsam mit Martin R. Dean nach Möglichkeiten, über und gegen Rassismus zu sprechen.


Der Sommer, in dem ich Schwarz wurde - Angélique Beldner, Martin R. Dean (Atlantis 2021)

Die Proteste in Folge der Ermordung des Schwarzen George Floyd im Mai 2020 haben uns (hoffentlich) alle bewegt. In der - ach so neutralen - Schweiz ist aber so manches Mal die lapidare Frage "Was hat das mit uns zu tun?" oder die irrige Annahme, rassistische Polizeigewalt gäbe es nur in den USA, geäussert worden. Tupoka Ogette (ihr Buch "exit RACISM" habe ich hier kurz vorgestellt) hätte da wohl messerscharf analysiert, dass sich noch im Happyland befinde, wer sich so äussert.


Schwarz wird jetzt grossgeschrieben!

Dass sich die meisten von uns - und nicht nur weisse Menschen - im Mai 2020 und den folgenden Monaten der Black-Lives-Matter-Proteste erst so richtig bewusst wurden, was es bedeutet, als Schwarze Person oder Person of Color (PoC) in einer weissen Mehrheitsgesellschaft zu leben, macht Angélique Beldner im Gespräch mit Martin R. Dean am eigenen Beispiel deutlich.


Die SRF-Moderatorin Angélique Beldner versuchte lange, den Rassismus - den auch sie erfuhr - herunterzuspielen, zu ignorieren, wegzulächeln. Als Schwarze Tochter einer weissen Mutter und eines Vaters aus Benin, unter lauter weissen Familienmitgliedern im Berner Oberland hat sie sich so stark integriert, wie es nur irgendwie möglich war. Dabei ist es, wie sie zu Recht darauf hinweist, schon schizophren, dass man sich als Schweizerin in der Schweiz noch integrieren muss, nur weil man einen dunkleren Hautton hat.


Erst mit der Black-Lives-Matter-Bewegung und der auch hierzulande verstärkt geführten Diskussion über Rassismus und Antirassismus wurde Angélique Beldner klar, dass sie die Tatsache, dass sie Schwarz ist - mit grossem S, weil es nicht die Hautfarbe bezeichnet, sondern eine soziale Konstruktion ist -, nicht mehr ignorieren konnte. Und dass sie auch nicht mehr über die erfahrenen Diskriminierungen hinwegsehen und darüber schweigen wollte.


Also erhob sie in einer Folge der SRF-Sendung Reporter im Herbst 2020 erstmals öffentlich ihre Stimme, machte ihre "Hautfarbe" (konstruierte Klassifizierung) zum Thema, stellte Familie, Bekannte und Fremde zur Rede. Den Gesprächsfaden greift sie zusammen mit Schriftsteller Martin R. Dean - selber auch PoC - im Sachbuch auf. Gemeinsam blicken sie auf ihre Biografien zurück und diskutieren über zahlreiche Fragen, die sie rund um Rassismus beschäftigen und auch die Leser*innen beschäftigen sollten:

  • Was hat George Floyd mit der Schweiz zu tun?

  • Wie ist es, als PoC in einer weissen Welt aufzuwachsen?

  • Was ist falsch an der Frage "Woher kommst du?"?

  • Sollte man Rassismus ansprechen oder lieber schweigen?

  • Was, wenn Rassismus sogar in der Familie stattfindet?

  • Wie umgehen mit Alltagsrassismus, strukturellem Rassismus und rassistischer Sprache?

  • Welche Selbstbezeichnung passt wirklich?

  • Was hat die Hautfarbe mit der Berufswahl zu tun?


Regt zum Nachdenken und Umdenken an

Die ganz persönlichen Ausführungen von Angélique Beldner und Martin R. Dean machen deutlich, wie tief das Problem des Rassismus sitzt, wie allgegenwärtig und wie schmerzhaft er für Betroffene ist.


"Denn Rassismus bedeutet hierzulande nicht unbedingt, dass man an Leib und Leben bedroht wird. Er bedeutet aber oft eine Verringerung der Lebensmöglichkeiten, die Vorenthaltung von Chancen, den Raub von Selbstverständlichkeit." (S. 176) ~ Martin R. Dean

Besonders spannend macht das Gespräch der beiden, dass sie Mann und Frau sind, verschiedene Hintergründe und Familiensituationen haben, ganz unterschiedliche Persönlichkeiten haben, sich auch unterschiedlich und unterschiedlich lang mit dem Thema Rassismus auseinandergesetzt haben, teils ganz anders reagiert haben. Und doch zeichnen sich Gemeinsamkeiten ab, ziehen sich gemeinsame Traumata und Coping-Strategien durch ihre Leben - bis heute und bis in die nächste Generation.


Die Kapitel sind mit original Zuschriften und Posts aus den Social Media durchsetzt, die an Angélique Beldner oder SRF gerichtet wurden. Die Ausführungen von Angélique Beldner und Martin R. Dean reagieren thematisch darauf, ohne direkt auf die konkreten (oft vor Rassismus triefenden Texte) einzugehen. Die Zitate kann man kritisch sehen, da sie rassistische Sprache und rassistisches Gedankengut reproduzieren und v.a. Betroffene stark triggern können. Andererseits führen sie schonungslos vor Augen, wie ignorant, wie privilegiert, wie überheblich und ich-bezogen, wie rassistisch viele Menschen und die Strukturen in der Schweiz sind. Und wie wir alle davon geprägt sind, allein durch unsere Sozialisation, bewusst oder unbewusst. Mich haben diese Konfrontationen nochmals sehr zum Nachdenken angeregt und mich darin bestärkt, mich weiter mit dem Thema Rassismus und Antirassismus auseinanderzusetzen - den Betroffenen zuzuhören, immer mehr zu verstehen und immer öfter auf rassistische Äusserungen oder Handlungen im Umfeld zu reagieren.


Dass Letzteres äusserst wichtig ist, macht Angélique Beldner deutlich, wenn sie sagt:

"Der Rassismus wird erst dann weniger, wenn weisse Menschen beginnen, ihn als ihr Problem zu sehen, das sie lösen müssen, und nicht als Problem Schwarzer Menschen, für das sie Empathie empfinden." (S. 129) ~ Angélique Beldner

Fazit

Das Gesprächsbuch "Der Sommer, in dem ich Schwarz wurde" von Angélique Beldner und Martin R. Dean empfehle ich allen, die meinen, sie hätten nichts mit Rassismus zu tun, sie sähen keine Hautfarben oder den Schokokuss könne man ruhig weiterhin M*kopf nennen. Genauso bewegend und erkenntnisreich ist das Buch aber auch für Menschen, die sich schon mit Rassismus und Antirassismus auseinandergesetzt haben. Denn in dieser Beziehung kann man nie genug zuhören, nie genug kritisch reflektieren und nie genug dazulernen!


Die Fakten

Der Sommer, in dem ich Schwarz wurde

Angélique Beldner, Martin R. Dean

Atlantis

192 Seiten

Erschienen am 09.09.2021

Hardcover

ISBN: 978-3-7152-5000-7


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PS: Herzlichen Dank an den Atlantis Verlag für das Rezensionsexemplar.


Antirassismus bei mint & malve


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