Die Frauen im Schatten

Liv Strömquist wirft in ihrer Graphic Novel "I'm every woman" das Licht auf Frauen, die im Schatten ihrer berühmten (und oft nicht sehr netten) Männer standen. So gibt sie ihnen einen Teil der wohlverdienten Aufmerksamkeit und richtet den Blick auf längst überholte, aber weiterhin allzu häufig praktizierte patriarchale Verhaltensmuster.



Liv Strömquist ist mir zum ersten Mal dank Trudes Gastbeitrag rund um das Genre der Graphic Novel bewusst begegnet. Endlich kann ich euch mit "I'm every woman" auch ein Werk von dieser einflussreichen feministischen Comiczeichnerin aus Schweden ausführlich vorstellen.


Mehr Schein als Sein

Der titelgebende Song "I'm every woman" von Chaka Khan erschien 1978 und wenn man sich den Text (siehe Bild) mal genau ansieht - und nicht wie früher beim Cover von Whitney Houston gedankenlos mitsingt - wird klar, worum es hier wirklich geht: um eine Frau, die für ihren Mann alles tut, ihm jeden Wunsch von den Lippen abliest. Es ist das Bild der dienenden Frau, die im Leben nichts weiter im Sinn hat, als ihrem Mann den Rücken frei zu halten und zu gehorchen.


Genauso erging es auch einigen der von Liv Strömquist porträtierten Frauen berühmter Männer. Von Männern wie Karl Marx, Picasso, Albert Einstein, Elvis Presley oder John Lennon, die weit weniger heldenhaft waren - jedenfalls im Umgang mit Frauen -, als es ihr Ruhm vermuten liesse. Da ist Jenny, die sich ihren Mann Karl Marx mit dem Dienstmädchen Lenchen teilen musste. Geschwängert hatte Karl beide, ausgenutzt auch. Vom Aufstand des Proletariats war im Hause Marx nichts zu spüren. Da sind die Frauen und Geliebten vom romantischen Dichter Percy Shelley, der zwar die freie Liebe propagierte, aber nichts vom Frauenwahlrecht wissen wollte. Ganz schlecht erging es auch Mileva Maric. Ihr Mann Albert Einstein verliess sie nicht nur für seine Cousine, sondern erwähnte fortan nie mehr ihr Mitwirken an ihren gemeinsamen Erkenntnissen. Einigen dieser Frauen ist es zum Glück gelungen, aus dem Schatten ihrer egoistischen, patriarchalen, narzisstischen, psychisch oft angeschlagenen und nicht selten gewalttätigen Männer herauszutreten oder wenigstens aus ihrem Dunstkreis zu verduften und sich so teilweise regelrecht das Leben zu retten.


Von moralinsauren Kindern und sexistischen Kinderbüchern

Im Folgenden nimmt Liv Strömquist mit ihrem unvergleichlichen Humor und salopp-witziger Wortwahl (mit ein paar f*s muss man schon leben können) konservative Kinder (Mami soll zuhause bleiben, immer! Küssen ist bääääh!) genauso aufs Korn wie Vergleiche mit dem Tierreich, die wir gerne heranziehen, um etwas wahlweise als total natürlich oder absolut unnatürlich darzustellen.


Sehr spannend fand ich auch, den Comic über den Umgang der Christen mit weiblichen Gottheiten, die vor der Christianisierung sehr beliebt waren und sich auch danach hartnäckig hielten. Die Anhänger von Jesus Christus holten gleich mal zum Rundumschlag aus und verbannten sogar die Mutter aus ihrer Religion rund um Vater und Sohn (und ja, den heiligen Geist).


Ein herber, aber berechtigter Schlag gegen unseren unüberlegten Medienkonsum ist Strömquists Hinweis auf die antifeministischen Bilderbücher der Barbapapas und das patriarchale Gehabe von Homer Simpson (okay, das war mir ehrlich gesagt schon sehr lange bewusst, vielleicht habe ich die Simpsons deshalb noch nie gemocht). Und die schwedische Politikwissenschafterin (juhuuu, eine Berufsverwandte von mir :-)) erklärt auch sehr einleuchtend, weshalb einfache "Gleichstellung" (z.B. in Form von Geschlechtergleichheit in verschiedenen Gremien von Politik und Wirtschaft) ziemlich wenig bringt und dass das bürgerliche Ideal der Kernfamilie bei weitem keine Jahrhunderte alte Tradition und schon gar nicht total "natürlich" ist.



Dabei zeigt Liv Strömquist keine Patentlösungen auf, sondern benennt v.a. die Probleme, weist auf historische Fakten hin, zeigt mit dem Finger auf patriarchale Muster und Verhaltensweisen, die wir übersehen (aus Gewohnheit) oder übersehen wollen (aus Bequemlichkeit). Die Texte sind unglaublich witzig, wobei hier auch ein ganz grosses Lob an die Übersetzerin Katharina Erben geht.


Fazit

Liv Strömquists Graphic Novel "I'm every woman" ist ein Augenöffner (oder besser: eine Augenöffnerin) für alle, die unsere Gesellschaft für total gleichberechtigt, Yoko Ono und John Lennon für das Traumpaar unter den Celebrities und die Barbapapas für ultra divers halten (Spoiler: ein Papa in Pink reicht dafür leider nicht aus). Die Comicautorin macht einmal mehr deutlich, dass es sich viele von uns in einer immer noch patriarchalen Welt gemütlich gemacht haben und die meisten Verhaltensmuster des Zusammenlebens und Prozesse der kapitalistischen Gesellschaft gar nicht mehr hinterfragen. Dabei wäre eine feministische Haltung und feministisches Engagement mehr als dringend angezeigt! Ich freue mich schon, ihr soeben erschienenes neustes Werk "Ich fühl's nicht" zu entdecken.


Die Fakten

I'm every woman

Liv Strömquist (Text + Illustration)

Katharina Erben (Übersetzung aus dem Schwedischen)

avant-verlag

112 Seiten

Softcover

Erschienen im März 2019

ISBN: 978-3-964450-001-2


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