In Bloom
"In Bloom" von Liz Allan führt uns in die südaustralische Provinz. Hier hofft eine Mädchenband, die sich "The Bastards" nennt, auf den grossen Durchbruch, um ihrem scheinbar vorgezeichneten Schicksal als alleinerziehende Mütter im Prekariat zu entkommen.

Bei wem klingelt beim Titel "In Bloom" etwas? Genau, ihr liegt richtig! Der Titel von Liz Allans Roman ist natürlich eine Affiche an den gleichnamigen Song der Grunge-Band Nirvana rund um Kurt Cobain. Gerade erleben die 1990er in der Popkultur, in der Mode und weiteren Bereichen ein Revival. Kein Wunder, tauchen sie also auch in der Literatur wieder vermehrt auf. Die australische Autorin Liz Allan nimmt uns in "In Bloom" mit in eine fiktive Kleinstadt namens Vincent in Südaustralien nahe Adelaide.
Grosse Träume in der Kleinstadt
Aus der sehr speziellen Wir-Perspektive nehmen wir Anteil am Traum einer Karriere als Rockband von vier, später werden es nur noch drei sein, jugendlichen Mädchen. Unermüdlich eifern sie ihren grossen Vorbildern von Nirvana nach. So wollen Sie dem Kleinstadtleben entkommen. Neben einem Sprung an die Uni, für den sie sich als zu wenig intelligent einschätzen, scheint ihnen das die einzige Hoffnung auf einen Klassenaufstieg. Alle vier wachsen mit alleinerziehenden Müttern und Geschwistern von anderen Vätern in ärmlichen Verhältnissen auf. Wie Mädchen wie sie enden, wenn sie in Vincent bleiben, sehen sie täglich an ihren Müttern und jungen Frauen, die den Absprung nicht geschafft haben.
"Nirvana haben mal gesagt, sie hätten nie dazugehören wollen, weil ihre Musik an den Rändern stattfindet, da, wo sich Aussenseiter aufhalten. Auch wir sind Künstler vom Rand." / S. 83
Die Ambitionen der Mädchen, beim Battle of the Bands anzutreten, erfahren herbe Rückschläge, denn seit etwa einem Jahr sind sie nur noch zu dritt unterwegs, Lily hat sich zurückgezogen, konzentriert sich nur noch auf ihre Noten und jetzt beschuldigt sie auch noch ihren Musiklehrer Mr P des Missbrauchs. Mr P ist ausgerechnet der Mentor der Band und der einzige Erwachsene, der sie mit Respekt behandelte. Nach seiner Verhaftung hat die Gruppe um Amy, Jade und Violet keinen Zugang mehr zum Musikraum, können nicht mehr proben und haben auch keinerlei andere Unterstützung von Erwachsenen.
Der Realität in die Augen schauen
Die Mädchen wollen nun nicht nur ihre Instrumente zurück, irgendwie die Fahrt nach Gleewood ans Battle of the Bands finanzieren, sondern auch noch beweisen, dass Mr P unschuldig ist. Sie haben vielmehr Buddy, Lilys schmierigen Stiefvater, im Verdacht, ihre Freundin missbraucht zu haben. Der war immer so komisch und hat sie offensichtlich auch geschlagen. Doch wie sie es auch versuchen, ihre Bemühungen sind nicht von Erfolg gekrönt und die Erwachsenen alles andere als eine Hilfe. Haben sie als Band eine Chance, wer ist Mr P wirklich und wird ihre Freundschaft die Realität überstehen?
"Bastarde sind zu arm, um Menschen mit Geld zu kennen. Bastarde sind nur mit anderen Bastarden befreundet, haben Stammbäume voller kahler Äste." / S. 158
Die Wir-Perspektive ist formal eine grosse Herausforderung. In Daphne Palasi Andreades' "Brown Girls" konnte sie mich zum Beispiel nicht überzeugen. Bei Liz Allan hat sie mich hingegen begeistert. Erst gegen Ende des Buches erfahren wir überhaupt die Namen der drei anderen Mädchen (neben Lily) und ihre jeweiligen Persönlichkeiten schälen sich aus der Wir-Form heraus, die nun in verschiedene Ich-Perspektiven übergeht. So ergänzen sich Form und Inhalt perfekt und die Individuen verschwinden nicht hinter der Wir-Form.
Fazit
Liz Allans "In Bloom" überzeugt mich mit dem dem Schreibstil, dem authentisch jugendlichen Ton, dem psychologisch geschickten Plotaufbau und mit der Art, Themen wie Armut, Zukunftsträume und Perspektivlosigkeit sowie häusliche und sexualisierte Gewalt aus weiblicher Perspektive zu verhandeln. Die kurzen Kapitel, die zwischen Gegenwart und der Zeit mit Lily in der Gang hin- und herwechseln, die geschickte Spiegelung an Nirvana als musikalischen Idolen, aber auch als Beispiele des Klassenaufstiegs und am Ende Kurt Cobains Verrat an seiner Tochter, runden den Roman ab. Ich hoffe sehr, wir dürfen nach diesem geglückten Debüt bald mehr von Liz Allan lesen!
Übersetzt wurde "In Bloom" von Lisa Kögeböhn. Der Unionsverlag nennt ihren Namen sehr zu Recht auf dem Cover. Weshalb die Übersetzungsarbeit so wichtig und eine eigene Kunst ist erfahrt ihr auf Lisas Insta-Account @koegeboehnsche. In diesem Zusammenhang möchte ich euch gerne auch auf die Aktion @es.reicht.nicht aufmerksam machen, die für eine gerechte Entlöhnung für Übersetzer:innen (oft sind es Frauen) kämpft. Ein sehr unterstützenswertes Anliegen, gerade auch angesichts der verstärkten Bedrohung durch KI. Wenn wir weiterhin Bücher aus aller Welt lesen wollen, die uns in den Originalsprachen nicht oder nicht auf dieselbe Weise zugänglich wären, brauchen wir gut ausgebildete, talentierte und fair vergütete Übersetzer:innen!
Die Fakten
Liz Allan
Lisa Kögeböhn (Übersetzung aus dem Englischen)
Unionsverlag
272 Seiten
Erschienen am 09.07.2026
Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-293-00636-2
PS: Herzlichen Dank an den Unionsverlag für das Rezensionsexemplar! Ein Blick ins Programm des Unionsverlags, der 2025 sein 50-jähriges Bestehen feierte und unter dem Motto "Weil die Welt weit ist" Literatur aus aller Welt publiziert, lohnt sich übrigens sehr.
Noch mehr Lektüre für Nirvana-Fans
Nirvana spielt auch eine Rolle im zweiten Roman von Vera Zischke: "Pina fällt aus" kann ich euch nicht nur wegen der Hommage an Kurt Cobain nur von Herzen empfehlen!
Nirvana auf 100 Seiten: Isabella Caldart hat eines der 100-seitigen Reclam-Büchlein über Nirvana geschrieben. In "Nirvana. 100 Seiten"* erfahrt ihr mehr über die anhaltende Faszination der Grunge-Band aus Seattle, über ihre Bandgeschichte und ihr politisches Engagement.
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