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Zauberhafte Aussichten

Sagt euch der Name Stella Benson etwas? Die britische Autorin ist keine Unbekannte, aber ihre Romane sind in Vergessenheit geraten. Dank der Reihe rororo-Entdeckungen dürfen wir nun "Zauberhafte Aussichten" der britischen Schriftstellerin, Feministin und Dichterin erstmals auf Deutsch geniessen.


Zauberhafte Aussichten - Stella Benson (Rowohlt 2024)

Nachdem ich aus der Reihe rororo-Entdeckungen, herausgegeben von Nicole Seifert und Magda Birkmann, bereits "Ein Mädchen Harlems" der Afroamerikanerin Louise Meriwether verschlungen habe (Lobeshymne nachlesen), habe ich mir auch aus dem zweiten Programm der Reihe einen Band ausgesucht. Mit "Zauberhafte Aussichten" der britischen Autorin Stella Benson (1892-1933) geht es ins London des Ersten Weltkriegs. Übersetzt hat den Roman Marie Isabel Matthews-Schlinzig, aber mehr dazu später.


Das englische Original dieses fantastischen Romans erschien unter dem Titel Living Alone 1919, also kurz nach dem Ersten Weltkrieg, in dem die Handlung angesiedelt ist. Stella Benson erzählt darin die Geschichte der jungen Sarah Brown, die bei einer Komiteesitzung eine Hexe kennenlernt. Die Hexe bekommt von anderen verschiedene Namen und stellt sich auch selbst mit wechselnden Vor- und Nachnamen vor, gibt ihre wahre Identität aber nie zu erkennen. Wie weitere magische Menschen im Roman erinnert die Hexe an ein Kind, das die sozialen Gesetze nicht versteht und das Verhalten anderer Menschen nicht einordnen kann, sondern nur an den eigenen kindlichen Massstäben bemisst. Dadurch übermittelt Stella Benson geschickt Sozialkritik. Denn selbstverständlich hat die Hexe weder Verständnis für die scheinheilige Wohltätigkeit des genannten Komitees noch für den Ersten Weltkrieg und den damit verbundenen Hass - zum Beispiel zwischen den Brit*innen und den Deutschen.


"Die echte Liebe kennt ihren Nachbarn persönlich und lacht mit ihm und weint mit ihm und isst und trinkt mit ihm, sodass sie am Ende, wenn für ihn die dunklen Tage kommen, mit ihm teilen kann, nicht, was sie zu erübrigen vermag, sondern alles, was sie hat." / S. 78

Die Hexe lebt auf einer kleinen Insel auf der Themse im "Haus Alleinleben". Sie ist eine Art Verwalterin dieser merkwürdigen Pension und lädt Sarah Brown ein, mit ihrem Hund David im "Haus Alleinleben" einzuziehen. Damit beginnt für die junge Frau eine Zeit der Wandlung und Selbstfindung jenseits der Konventionen der damaligen Zeit. Der Plot wird zuweilen herrlich absurd, führt einen zu lebenden Toten, landwirtschaftenden Feen, okkulten Ereignissen in bürgerlichen Kreisen, gefährlichen Kämpfen auf schwindenden Wolken, heissen Ritten auf Hexenbesen und heilenden Seen. All das präsentiert uns Stella Benson mit viel Humor, mit starken weiblichen Figuren und einem gewissen Biss, womit auch ihre Gesellschaftskritik immer wieder durchscheint.


"Aber Auffassungsgabe geht in Komitees verloren. Je mehr Komitees man angehört, umso weniger versteht man vom gewöhnlichen Leben. Wenn der tägliche Rundgang aus nichts anderem mehr besteht als einem täglichen Rundgang durch Komitees, kann man genauso gut tot sein." / S. 12f

Sprachgewaltiger Roman voller Magie

"Zauberhafte Aussichten" ist ein Roman voller Spielereien, sowohl inhaltlich über die magischen Elemente als auch sprachlich. Es ist ein grosses Fest, in diesen Text einzutauchen. Dass wir die unbändige Freude an der Sprache, am sprachlichen Experimentieren und Erfinden und am dialektalen Transportieren von Persönlichkeiten auf Deutsch überhaupt erleben können, haben wir der Übersetzungsleistung von Marie Isabel Matthews-Schlinzig zu verdanken. Soweit ich das beurteilen kann, hat sie grossartige Arbeit geleistet. So hat sie beispielsweise die Dialekte nicht "einfach" in deutsche Dialekte übertragen, sondern eigene Kunstdialekte erfunden, was sie meiner Meinung nach viel glaubwürdiger macht und besser ins englische Setting passt, als wenn sie schlicht einen Bayer und eine Schwäbin hätte auftreten lassen. Zudem hat sie sprachliche Stereotype (wie z.B. rassistische Begrifflichkeiten) höchstens in der Figurenrede und möglichst abgeschwächt widergegeben. Wenn ihr mehr über den Übersetzungsprozess - auch in Verbindung mit dem Muttersein - erfahren wollt, empfehle ich euch die Lektüre von Marie Isabel Matthews-Schlinzigs Artikel auf dem Blog 54books.


"Je schlimmer eine Welt wird, umso grösser wird die Magie, um sie zu retten." / S. 153

Der Roman lädt dazu ein, mehrmals gelesen und intensiv - zum Beispiel mit einem Buchclub - diskutiert zu werden. Nicht alle Situationen haben sich mir erschlossen und mit Sicherheit habe ich so manche Anspielung und Kritik auch nicht verstanden. Ich bin sicher, hier gäbe es mit mehr Wissen über die damalige Zeit und Situation in Grossbritannien (oder London im Speziellen) und profunderer Kenntnisse der (zumeist männlichen) Weltkriegsliteratur noch sehr viel mehr zu entdecken.


Fazit

Allen, die sich gerne mal auf ein sprachliches und inhaltliches Abenteuer mit magischen Elementen und viel Humor einlassen, kann ich "Zauberhafte Aussichten" von Stella Benson herzlich empfehlen.



Die Fakten

Stella Benson

Magda Birkmann, Nicole Seifert (Hrsg.)

Marie Isabel Matthews-Schlinzig (Übersetzung aus dem Englischen)

Rowohlt Verlag

224 Seiten

Erschienen am 13.05.2024

Taschenbuch

ISBN: 978-3-499-01517-5




PS: Herzlichen Dank an den Rowohlt Verlag und an NetGalley für die Rezensionsexemplare in Print und digital.


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