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Eine Tochter Harlems

Kennt ihr Louise Meriwether? Die afroamerikanische Autorin ist in den USA keine Unbekannte. Trotzdem brauchte es die neue Reihe rororo Entdeckungen, damit endlich einer ihrer Romane auf Deutsch erscheint.

Eine Tochter Harlems - Louise Meriwether (Rowohlt 2023)

Die Reihe rororo Entdeckungen haben wir der Initiative von Madga Birkmann (aka @magelankaminbrand) und Nicole Seifert (aka @nachtundtag.blog) zu verdanken. Die beiden geben in dieser Reihe Romane (neu) heraus, die in Vergessenheit geraten sind und/oder die es auf Deutsch sogar zum ersten Mal zu entdecken gibt. In der ersten Auswahl sind nun 3 sehr unterschiedliche Romane von vergessenen Autorinnen aus dem zwanzigsten Jahrhundert erschienen.


rororo Entdeckungen - Banner mit 3 ersten Romanen von  Christa Anita Brück, Mary Renault und Louise Meriwether

Zu diesem Thema sei euch natürlich auch Nicole Seiferts eigenes Buch "Frauen Literatur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt" nochmals herzlich empfohlen. Dass es eine solche Reihe dringend braucht, macht dieses Buch nur allzu deutlich!


Leider ist Louise Meriwether kurz vor der Veröffentlichung ihres ersten Buches auf Deutsch mit 100 Jahren in New York gestorben. Aber tröstlich ist, dass sie noch mitbekommen hat, dass es eine solche Übersetzung geben wird. Empfehlen möchte ich euch hierzu Tobias Rüthers Würdigung der Autorin und ihres Werks in der FAZ.


Louise Meriwether wurde 1923 geboren und war Autorin, Journalistin, Essayistin und Aktivistin. Bekannt wurde sie unter anderem mit Biografien über bedeutende afroamerikanische Persönlichkeiten wie Rosa Parks. "Eine Tochter Harlems", ein in Teilen autobiografischer Roman, ist ihr bekanntestes Werk. In den USA erschien es erstmals 1970 unter dem Titel "Daddy Was A Number Runner". Es ist mit einem Vorwort von James Baldwin versehen. Übersetzerin Andrea O'Brien hat den Roman ins Deutsche übertragen. Zur Übersetzung sei angemerkt, dass bestimmte Begriffe (wie das N-Wort in zwei Varianten) auf Englisch belassen wurden. Diese Begriffe sollten von nicht Schwarzen Menschen nicht reproduziert werden, weshalb ich sie hier nicht wiedergebe.


Eine Kindheit im Harlem der 1930er-Jahre

In "Eine Tochter Harlems" nimmt uns Louise Meriwether ihre Ich-Erzählerin Francie Coffin mit ins Harlem der 1930er-Jahre. Francie ist gerade 12 Jahre alt und kommt langsam in die Pubertät. Ihre Familie schlägt sich mehr schlecht als recht durch. Der Vater ist "Number Runner", sammelt also die Einsätze fürs Nummernspiel ein, und die Mutter setzt irgendwann durch, dass sie sich mit Haushaltsarbeit bei einer weissen Familie etwas dazuverdienen kann.


Francie kriegt es mit der ganzen Rauheit des Lebens eines heranwachsenden Schwarzen Mädchens im New Yorker Stadtteil Harlem zu tun: Armut und Klassismus, Rassismus, sexualisierte Gewalt (durch weisse und Schwarze Männer), häusliche Gewalt, Bandenkriminalität, Alkoholkonsum, Bildungsbenachteiligung, Polizeigewalt, heruntergekommene Wohnblöcke und zerrüttete Familienverhältnisse prägen ihr Leben und das ihrer Geschwister und Freund*innen.


Für die Schwester von Francies bester Freundin ist die Prostitution der (einzige) Ausweg aus der Armut, für ihren Vater und viele Schwarze Familien das Nummernspiel und die damit verbundene Hoffnung auf den grossen Gewinn. Die beiden älteren Brüder schliessen sich den Ebony Earls, einer Gang von jungen People of Color, an.


"Daddy meinte, die Gangster kontrollierten alles in Harlem - die Wetten, die Huren und die Zuhälter, die ihnen die weisse Kundschaft besorgte." (S. 30)

Die Mutter und mit ihr Francie hoffen trotz der misslichen Lage und der schlechten Schule, dass das eine oder andere Kind den Gang ans College und damit den Bildungsaufstieg schafft. Francie schildert ihre Erlebnisse und wie scheinbar alles immer schlimmer und schlimmer wird in einer sehr direkten, ungeschönten und unverblümten Sprache. Andrea O'Brien hat die Gewohnheit, gewisse Buchstaben oder Wortteile zu verschlucken in der Umgangssprache, geschickt ins Deutsche hinübergerettet.

"Hab ich doch immer gewusst, dass ich um die Ecke bieg und in diesen Tag reinlauf, aber darauf vorbereitet bin ich nich." (S. 152)

Francie ist ganz sich selber überlassen mit ihren Veränderungen und Fragen rund um die Pubertät und das Erwachsenwerden. Zu ihrem und unserem Glück ist sie aber sehr schlau und lernt mit der Zeit, sich gegen die Zudringlichkeiten der jüngeren und älteren Männer in ihrem Umfeld zu wehren. Dafür wird die Geschichte immer dramatischer, weil Francies Bruder und weitere Mitglieder der Ebony Earls wegen Mordes an einem Weissen ins Gefängnis kommen.


Wie es für Francie und ihre Familie weitergeht, müsst ihr euch selber erlesen, da will ich nicht zu viel vorwegnehmen. Immerhin wehrt sich Francie im Verlauf der Geschichte so standhaft gegen all die Ungerechtigkeiten, die auf ein Schwarzes Harlemer Mädchen der 1930er-Jahre überhaupt nur einprasseln können, dass wir hoffen können, dass sie an der Haupterkenntnis, die James Baldwin im Vorwort beschreibt, nicht zugrunde gehen wird.


"Die Wunde ist eine Wunde, die von der Erkenntnis zugefügt wird, als wertloses menschliches Wesen angesehen zu werden..." (S. 9)

Ja, wenn wir Francies ungewisse Zukunft auf Louise Meriwether selbst übertragen, wissen wir sogar, dass diese zeitlebens an ihrem Weg als Autorin und Aktivistin festgehalten hat.


Fazit

Louise Meriwethers "Eine Tochter Harlems" ist eine grossartige Neuentdeckung eines amerikanischen Klassikers, den ich nur allen empfehlen kann. Der Roman ist sehr zugänglich und durchaus mit einer Prise (Galgen-)Humor geschrieben und lässt uns durch seine ruhige Schonungslosigkeit gleichzeitig tief blicken in das Leben eines Schwarzen Mädchens im Harlem der 1930er-Jahre und in die mannigfaltigen Formen der Diskriminierung, die leider bis heute nicht überwunden sind.



Zwei Nachträge: New Yorker Nachbarschaften und Number Running

Für New-York-Interessierte habe ich noch zwei spannende Hinweise, die mich selbst in ein Rabbit Hole stürzten:


Es gab in den 1930-Jahren auch weibliche Number Runners: Sarah Durn nimmt sich in ihrem Artikel fürs Smithsonian Magazine der "Numbers Queen" von Harlem Stephanie St. Clair an. Wer weiss, vielleicht ist ihr Louise Meriwether in den Strassen Harlems begegnet.


Wie bilden sich eigentlich Nachbarschaften, wer definiert sie und wer gibt ihnen ihren Namen? Die New York Times geht dieser Frage in einem Artikel und einer eindrücklichen interaktiven Karte der New Yorker Nachbarschaften nach.



Die Fakten

Louise Meriwether

Nicole Seifert, Magda Birkmann (Hrsg.)

Andrea O'Brien (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch)

Rowohlt

304 Seiten

Erschienen am 16.10.2023

Taschenbuch mit Klappenbroschur

ISBN: 978-3-499-01295-2



PS: Herzlichen Dank an den Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar.



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