Der Mann im Untergrund

Richard Wrights Roman "Der Mann im Untergrund" ist eine Wiederentdeckung aus den 1940er-Jahren. Eine düstere Geschichte über einen Schwarzen Mann, der sich in die Kanalisation flüchtet, nachdem er zu Unrecht eines Doppelmordes bezichtigt wurde.


Der Mann im Untergrund - Richard Wright (Kein & Aber 2022)

"Der Mann im Untergrund" von Richard Wright, einem der wichtigsten afroamerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts, erschien 1944 zuerst in Kurzform in einer Anthologie und erst 2021 auf Englisch auch in der vollständigen Romanform. Dank Kein & Aber und der Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence liegt der Roman, zusammen mit dem Essay "Erinnerungen an meine Grossmutter" nun dankenswerterweise auch auf Deutsch vor.


Rassismus und Polizeigewalt in den USA der 1940er-Jahre

Aber zurück zur Geschichte: Fred Daniels, ein junger Schwarzer Mann, ist an einem Samstagabend auf dem Heimweg zu seiner schwangeren Frau. In der Tasche hat er den Lohn einer Woche. Da wird er aus dem Nichts von drei Polizisten angehalten. Sie nehmen ihn - vorerst ohne konkrete Anschuldigung - fest und bringen ihn aufs Revier.


"Ihn einsperren zu wollen war so absurd, dass er am liebsten gelacht hätte, doch er hielt sich zurück. Er war so zuversichtlich, dass er das alles nicht ernst nehmen konnte." (18)

Im Verlauf des Verhörs werfen sie ihm den Mord an Mister und Misses Peabody vor, die direkt neben Freds Arbeitgeberin Misses Wooten lebten. Fred weiss nichts von der Sache, versucht, sich zu verteidigen, verweist auf seine schwangere Frau, die bald gebären wird, auf Reverend Davis, eine angesehene Persönlichkeit in der Schwarzengemeinde, und auf Misses Wooten, die immer sehr zufrieden war mit seiner Arbeit und alles aufklären könnte. Doch nichts findet Gehör. Fred befindet sich in einem Alptraum.


Die drei weissen Polizisten schreien ihn an, fragen ihn aus, schlagen ihn, ziehen ihm den Stuhl weg, so dass er zu Boden fällt. Sie foltern ihn, versuchen, ihm mit Gewalt ein Geständnis abzupressen, was ihnen irgendwann mit falschen Versprechungen auch gelingt.


"Er hatte das seltsame Gefühl, dass diese Fragen die Kraft besassen, ihn auf eine merkwürdige Bahn zu katapultieren, auf der er sich irgendwie schuldig fühlte, obwohl er es doch gar nicht war." (S. 23)

Später bringen die Polizisten Fred nach Hause, um seine Frau zu sehen. In dem Moment setzen bei ihr die Wehen ein und sie bringen sie ins Krankenhaus. Dort gelingt es Fred in einem unbeobachteten Moment abzuhauen. Draussen angekommen, weiss Fred keinen anderen Ausweg als den, durch einen Kanaldeckel in den Untergrund hinabzusteigen.


Im Folgenden irrt er in der Kanalisation herum, beginnt, sich durch Wände zu graben. So gelangt er in verschiedene Kellerräume und durch die Keller teils auch wieder an die Oberfläche. Er hört Gottesdiensten zu, stolpert in eine Filmvorführung, in eine Leichenhalle, in die Werkstatt eines Juweliers. Die Zeit im Untergrund entfremdet ihn immer mehr vom Leben oberhalb. Gleichzeitig hat er das Gefühl, einige wichtige Erkenntnisse errungen zu haben - sei es in Bezug auf die Religion oder die Rolle von Geld.


"Er befand sich zwischen der furchterregenden Welt des Lebens im Tod über ihm und der finsteren Welt des Todes im Leben hier im Untergrund." (S. 143)

Immer mehr entfremdet er sich von der Welt und ihren vermeintlichen Errungenschaften. Aber auch von seinen Beziehungen - zum Beispiel zu seiner Frau oder seinem Baby, das er nie kennengelernt hat.


Aus Spoilergründen möchte ich an dieser Stelle nicht zu viel verraten. Aber so viel sei verraten: Das Ende von "Der Mann im Untergrund" hat es nochmals in sich! Richard Wright lässt die Handlung mit dem historischen Geschehen des Zweiten Weltkriegs aufeinanderprallen.


Bezüge zu Religiosität, Rassismus und psychischen Krankheiten

Im anschliessenden Essay "Erinnerungen an meine Grossmutter" geht der Autor auf die Entstehungsgeschichte seines Romans ein und verdeutlicht, welche Themen ihm zugrunde liegen. Da ist die Religiosität der Grossmutter, die sie ein Leben fernab der Realität führen liess (wie Fred im Untergrund). Da ist das Leben als Teil einer unterdrückten Minderheit, die Gewalt oft schutzlos ausgesetzt ist.


"... und die Schwarzen werden in Amerika angegriffen, gebrandmarkt und behandelt, als hätten sie sich irgendwie schuldig gemacht. Sie wissen nicht, was sie getan haben, um so behandelt zu werden..." (S. 216)

Da sind der Zerfall der Persönlichkeit und der Verlust des Kontakts zur Wirklichkeit wie bei einer Schizophrenie-Erkrankung. Und da sind einige weitere Bezüge, die Wright in seinem Roman implizit herstellt - wie die Christuslegende oder der Kampf der Unterdrückten im Untergrund gegen Hitler. Und schliesslich ganz zentral: das Thema der falschen Beschuldigung und wie ein Mensch darauf reagiert.


In seinem Nachwort stellt Wrights Enkel Malcolm Wright dann auch noch den interessanten Vergleich mit Platons Höhlengleichnis an. Eigentlich sollte man mit Essay und Nachwort im Hinterkopf den Roman direkt ein zweites Mal lesen. Man würde bestimmt ganz viele Hinweise, Symbole und Metaphern erkennen, die beim ersten Lesen unbemerkt blieben oder scheinbar unbedeutend wirkten. "Der Mann im Untergrund" wäre auch sehr spannender Schulstoff, mit dem man auf zahlreiche Themen wie Rassismus und Polizeigewalt gegen Schwarze, Kapitalismuskritik, die (Un-)Beständigkeit von Persönlichkeit, die Rolle der Religion usw. eingehen könnte.


Fazit

"Der Mann im Untergrund" von Richard Wright ist eine Wiederentdeckung, deren Lektüre sich sehr lohnt. Ein gleichermassen mitreissendes wie bedrückendes Leseerlebnis. Wir blicken mit Fred aus dem Untergrund auf das Leben an der Oberfläche und sehen durch seine Perspektive - von unten, als Schwarzer Mann, jenseits von Recht und Gesetz - praktisch vielfach vergrössert die Missstände unserer Gesellschaft. Wir befinden uns im Roman zwar in einer amerikanischen Stadt in den 1940er-Jahren. Aber so einige Problematiken bestehen heute genauso oder in abgewandelter Form, so dass das Buch absolut zeitlos erscheint. Eine ganz grosse Leseempfehlung!



Die Fakten

Der Mann im Untergrund

Richard Wright

Werner Löcher-Lawrence (Übersetzung aus dem Englischen)

Kein & Aber

240 Seiten

Erschienen am 10.05.2022

Hardcover

ISBN: 978-3-0369-5873-6


Buch bei genialokal kaufen (DE)*

Buch bei Thalia kaufen (DE)*

Buch bei Orell Füssli kaufen (CH)*

Buch bei Buchhaus kaufen (CH)*

Buch bei Thalia kaufen (AT)*


PS: Herzlichen Dank an Kein & Aber für das Rezensionsexemplar.



Weitere Bücher für Erwachsene von Schwarzen Autor*innen bei mint & malve



* Links mit * sind Affiliate-Links / Werbelinks. Wenn du das Buch über diesen Link kaufst, bekomme ich vom jeweiligen Shop eine kleine Provision. Am Buchpreis ändert sich für dich nichts. Du hilfst mir aber so, den Blog ein kleines Bisschen zu refinanzieren. Vielen Dank!

NEUE BEITRÄGE

BLOG PER E-MAIL ABONNIEREN