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  • Pionierin im Schnee

    Jetzt wo der Winter zumindest kurzfristig Einzug gehalten hat, möchte ich euch mit "Winteräpfel" von Heidi Knoblich auch dieses Jahr endlich ein richtiges Winterbuch empfehlen. Letztes Jahr kam die Winterstimmung irgendwie früher auf und ich habe auf Instagram dazu aufgerufen, unter dem Hashtag #wintergeschichten, Bücher rund um den Winter, am besten mit richtig viel Schnee, zu zeigen. Die Sammlung findet ihr weiterhin in meinen Highlights. Dieses Jahr musste ich erst mal in die Skiferien fahren, um in Winterstimmung zu kommen. Denn hier im Flachland lässt der Schnee leider auf sich warten. Die Zeit vertrieben habe ich mir mit dem historischen Roman "Winteräpfel" von Heidi Knoblich. Besonders angesprochen hat mich das Buch, weil es darin um den Feldberger Hof und den Beginn des Skisports auf dem Feldberg geht. Und genau da, vor allem in Schönau und Bernau, war ich früher oft mit meinen Eltern Skifahren. Die verschneiten Tannen sind mir noch besonders gut in Erinnerung. Von der Feldbergmutter Fanny Mayer, Hauptprotagonistin des Romans, habe ich allerdings noch nie etwas gehört. Ihrer Zeit voraus In ihrem Roman erzählt die Autorin aus dem Wiesental die Geschichte von Fanny Mayer, basierend auf den historischen Tatsachen, ausgeschmückt mit einigen erfundenen Protagonisten und Begebenheiten. Fanny war 1881 Kindermädchen in gutem Hause in Basel. Doch als sie das Telegramm ihres Bruders erreichte, dass seine Frau mit dem Kindsbettfieber im Sterben liege, machte sie sich sofort auf zum Feldberg. Dort hatte ihr Bruder Carl den Feldberger Hof gepachtet. Seine Frau Verone starb leider tatsächlich, ihr kleiner Sohn Oskar aber überlebte. So kam es, dass Fanny dem Neffen die Mutter ersetzen und ihren Bruder Carl beim Betrieb des Hotels unterstützen musste. Zuerst dachte sie, sie würde den Feldberg bald wieder verlassen. Aber irgendwie konnte sich Fanny nicht mehr losreissen. Ja, sie wurde zur "Feldbergmutter", die sich praktisch um sämtliche Angelegenheiten des Feldberger Hofs kümmerte, die Zimmer umbaute (für die Gäste der gehobenen Gesellschaft) und den Ausbau um ganz einfache Gästezimmer für das gemeine Volk organisierte. Denn nach und nach waren Ferien und Reisen nicht mehr Fürsten und Herzögen vorbehalten, sondern auch für Herr und Frau Maier, Mayer und Meier erschwinglich und erstrebenswert. Fanny Mayer erkannte das Potenzial des Massentourismus und des Skisports gleichermassen und wusste beides für den Feldberger Hof auszunutzen. Etwas Wärme auf dem vom Winter gebeutelten Feldberg Geschickt hat Heidi Knoblich in die historisch überlieferten Ereignisse rund um das Leben und Wirken von Fanny Mayer auf dem Feldberg eine Liebesgeschichte eingeflochten. Eines Tages stand ein heruntergekommener Franzose namens Armand Truffaut vor der Tür des Feldberger Hofs. Er stellte sich als begnadeter Koch heraus, der weit herumgekommen war. Und da Liebe bekanntlich durch den Magen geht, eroberte er Fannys Zuneigung mit seinen Kochkünsten im Flug. Winteräpfel spielten dabei eine ganz besondere Rolle und gaben dem Roman seinen Namen. Fanny wagte es jedoch nicht, sich Armand zu offenbaren und so zog er irgendwann wieder weiter. Ob die beiden im Roman doch noch zusammenfanden, sei an dieser Stelle natürlich nicht verraten! Fazit Heidi Knoblich erzählt in "Winteräpfel" sehr anschaulich, spannend und mit Humor von der Zeit um 1900, als Fanny Mayer die Geschicke des Feldberger Hofs leitete. Sie gibt damit nicht nur einen eindrücklichen Einblick in den Beginn des Tourismus und des Skisports auf dem Feldberg, sondern zeichnet auch ein nuanciertes Bild einer Frau, die unbeirrt und doch mit grosser Güte und viel Charme ihren Weg ging. Und das in einer Zeit, in der Frauen landläufig für ganz anderes bestimmt waren und erst gerade ihre Rechte (allen voran das Stimmrecht) zu erkämpfen begannen. PS: Für die Kinder gibt es ein sehr mitreissendes Bilderbuch von Heidi Knoblich: "Zum Christkind auf den Feldberg", das ich gerade rund um die Advents- und Weihnachtszeit auch sehr empfehlen kann. PPS: Herzlichen Dank an Heidi Knoblich für die Rezensionsexemplare. Die Fakten Winteräpfel Heidi Knoblich Silberburg-Verlag Erschienen am 04.11.2003 208 Seiten ISBN: 978-3-87407909-9 (8. Auflage von 2015) "Winteräpfel" auf der Website von Heidi Knoblich Like it? Pin it! Magst du diesen Buchtipp? Dann freue ich mich sehr, wenn du dir den Pin dazu auf Pinterest merkst. Natürlich kannst du den Blogbeitrag auch auf Facebook oder Twitter teilen oder meinen Post auf Instagram kommentieren. Danke!

  • Glück auf Bestellung

    Ist Glück käuflich? Und was ist Glück überhaupt? Diesen und weiteren Fragen nähern wir uns mit dem Bilderbuch "Der Glücksverkäufer" von Davide Calì und Marco Somà. Kommt ihr mit auf eine philosophische Reise? Das Geschäft mit dem Glück Herr Taube betreibt ein ganz besonderes Geschäft. Er verkauft nämlich Glück. Glück in Dosen. Bei ihm kriegt man Glück in kleinen Dosen, grossen Dosen und sogar in der Familienpackung! Und das Geschäft mit dem Glück läuft. Herr Taube hat viele Kundinnen und Kunden. Zum Beispiel Frau Wachtel, die eine grosse Dose kauft, oder Frau Zaunkönig, die mit einer kleinen Dose vorliebnehmen muss, weil sie sich nicht mehr leisten kann. Es gibt auch solche, die nur etwas Glück auf Reserve kaufen, weil sie schon so glücklich sind und solche, die nichts von Glück wissen wollen, weil sie um ihre künstlerische Kraft fürchten. Am Ende seiner Tour besteigt Herr Taube wieder seinen klapprigen Lieferwagen und braust davon. Dabei fällt eine Dose herunter. Herr Maus nimmt sie auf und öffnet sie mit seinen Kindern. Die Mäuse sind begeistert über den Inhalt. Was da wohl drin war? Ein Buch zum Nachdenken, Philosophieren, Diskutieren "Der Glücksverkäufer" endet nicht mit der erzählten Geschichte, sondern öffnet da erst so richtig den Raum für eigene Gedanken, zum Diskutieren, Zurückblättern, eingehenden Betrachten, zum Philosophieren über das Glück. Was ist Glück? Worin zeigt es sich? Kann man andere glücklich machen? Kann man Glück teilen? Und kann Glück auch hinderlich sein? Davide Calì lässt uns mit dem Nichterzählten viel Raum für die eigene Interpretation, zum Weiterdenken und Marco Somà unterstützt das mit seinen wunderbaren, nostalgischen, detailverliebten Illustrationen. Da gibt es so viel zu entdecken! Von lesenden und vorlesenden Mäusen, über musizierende Vögel, wunderschön dekorierte Häuser und Wolken, die festgehalten werden, bis zu Rotkehlchen auf Rollschuhen und Kohlmeisen, die sich an Seilen durch die Bäume schwingen. Wer für die Diskussion des Bilderbuches etwas Inspiration sucht, findet diese im Begleittext zum Buch auf der Website des Carl-Auer Verlags. Eine tolle Ergänzung, gerade für Lehrpersonen und andere Fachpersonen, aber auch für Eltern. Ich würde das Bilderbuch erst ab dem Grundschulalter empfehlen. Sicher können auch schon jüngere Kinder Freude an der an sich einfachen Geschichte und an den opulenten Bildern haben, aber so richtig diskutieren und mit Ausdauer betrachten lässt sich das Buch erst, wenn die Kinder ein gewisses Verständnis für abstrakte Begriffe wie "Glück" mitbringen und erste eigene Vorstellungen haben, was Glück für sie bedeutet. Fazit Das Bilderbuch "Der Glücksverkäufer" von Davide Calì und Marco Somà ist ein wunderbarer Anlass für Kinder und Erwachsene, über das Glück, seine Herkunft, Bedeutung und Wirkung zu sprechen und vielleicht ganz besonders darüber, wie wir gemeinsam glücklich sein können, uns gegenseitig etwas Glück bescheren können. Die Fakten Der Glücksverkäufer Davide Calì (Text) Marco Somà (Illustration) Christel Rech-Simon (Übersetzung aus dem Italienischen) Carl-Auer Verlag 28 Seiten Erschienen am 30.09.2019 ISBN: 978-3-8497-0320-2 Ab 6 Jahren Begleitmaterial und Bestellung beim Carl-Auer Verlag PS: Herzlichen Dank an den Carl-Auer Verlag für das Rezensionsexemplar. PPS: Lust aufs Philosophieren? Auf Pinterest habe ich eine Pinnwand mit lauter philosophischen Kinderbüchern angelegt. Lasst euch inspirieren und los geht's mit dem Diskutieren! Unten findet ihr ausserdem einige weitere Besprechungen von Büchern, die zum Philosophieren einladen. Like it? Pin it! Magst du diesen Buchtipp? Dann freue ich mich, wenn du den Link in den Social Media teilst oder dir den Pin auf Pinterest merkst!

  • In den Dschungel eintauchen

    Bei "Jim Curious - Streifzug durch den Dschungel" von Matthias Picard darf man mit Fug und Recht behaupten, dass man in dieses Comic-Bilderbuch regelrecht eintaucht. Weshalb, erfahrt ihr in diesem Beitrag. Steffie vom Instagram-Account @kleinerleser hat zur #KidsComicWeek aufgerufen. Da kombiniere ich dieses Thema doch mal mit der Aktion #waldbücher von @femundo.de und mir (@mintundmalve), stelle euch eines der Bücher von meinem Auftaktbild näher vor und entführe euch damit in einen ganz besonderen Wald, den Dschungel! Es geht um "Jim Curious - Streifzug durch den Dschungel" von Matthias Picard. Vielleicht kennt ihr Jim Curious schon aus dem ersten Band, in dem es tief hinunter in den Ozean ging? Was beide Bücher gemeinsam haben, ist, neben der Hauptfigur Jim, die 3D-Optik. Wie ihr auf den Bildern seht, kann man sie nicht einfach so betrachten, dann wirken sie verschwommen. Um richtig einzutauchen, braucht man die mitgelieferten 3D-Brillen. Mit diesen Brillen eröffnet sich eine völlig neue Welt! In diesem zweiten Band wird Jim Curious von einer Libelle geweckt und durch einen Spiegel in eine andere Welt, in den Urwald, gelockt. Hier watet Jim durchs Wasser umgeben von Dschungelbäumen, schwimmt an gefährlichen (Aligatoren) und weniger gefährlichen Tieren vorbei, durchkämmt Mangrovenwälder, entdeckt wunderschöne Schmetterlinge, kriegt es mit bösen Affen zu tun und entdeckt eine Tempelanlage und ominöse Bahngleise. Mit 3D-Effekten zum Leben erweckt Die Brille vermittelt uns den Eindruck, mitten im Raum zu stehen, Seite an Seite mit Jim in seinem Taucheranzug den Dschungel zu entdecken, Flüsse zu durchschwimmen. Immer wieder ertappen wir uns dabei, ins Buch zu fassen, um uns zu vergewissern, dass es doch nicht in die Tiefe geht, sondern ganz flach vor uns liegt. Das grossformatige Buch ist eine Mischung aus 3D-Comic und Bilderbuch, das ganz ohne Worte auskommt. Die Geschichte müssen bzw. können wir selbst entlang der Bilder entwickeln und das auch gut jedes Mal etwas anders, denn was Jim da erlebt und wie es zu erklären ist, bleibt ziemlich offen. Die Fotos lassen schon erahnen, wie fantastisch die Illustrationen sind, aber ihr müsst sie euch wirklich mal in echt anschauen! Wie der Reprodukt Verlag empfehle ich das Buch nicht unter 6 Jahren. Erst dann passen die Brillen und haben die Kinder auch genügend Ausdauer, um die Bilder zu betrachten. Die 3D-Optik ist selbst für Erwachsene recht anstrengend und das Abenteuer macht erst so richtig Spass, wenn man auch die Geschichte selbst entwickelt und auf den Seiten etwas verweilt, um noch mehr zu entdecken. Fazit "Jim Curious - Streifzug durch den Dschungel" von Matthias Picard ist ein bildgewaltiges 3D-Abenteuer im Comicstil. Es fordert die Betrachter*innen (ab ca. 6 Jahren) heraus und belohnt mit dem Eintauchen in eine ganz besondere Welt voller grosser und kleiner Wunder. Dieses besondere Buch kommt auch als Geschenk bei kleinen und grossen Abenteurer*innen gut an! Die Fakten Jim Curious - Streifzug durch den Dschungel Matthias Picard Reprodukt Verlag 52 Seiten Erschienen im September 2019 ISBN: 978-3-95640-204-3 Ab 6 Jahren Leseprobe und Bestellung bei Reprodukt PS: Herzlichen Dank an den Reprodukt Verlag für das Rezensionsexemplar. Like it? Pin it! Wenn du diesen Buchtipp magst, merke ihn dir doch als Pin auf Pinterest. So vergisst du ihn nicht und inspirierst andere mit tollen Büchern!

  • Auf Raubzug durchs Treppenhaus

    Kennt ihr den Treppenhauswald? Nicht? Mit "Die drei Räuberinnen" von Verena Hochleitner lernt ihr ihn und die drei sympathischsten Räuberinnen, die es gibt, kennen. Ein Vergnügen zum Lesen, Vorlesen und Anschauen! Bronski, Wanda und Kaspar sind 3 Räuber, äh, pardon, Räuberinnen - das Mädchen im Team soll ja nicht unterschlagen werden! -, die den Bewohner*innen des Räuberwaldes das Fürchten lehren. Bronski heisst eigentlich Bruno, Wanda heisst Maja und Kaspar..., ja, der heisst auch in echt Kaspar. "Wanda klang in Majas Ohren unendlich mutig. Mutig und frei und selbstbestimmt! Niemand würde sich einer Räuberin, die Wanda hiess, widersetzen. Oder auf die blöde Idee kommen, ihr die Fingernägel schneiden zu wollen." (S. 11) Die drei sind Nachbarskinder und treffen sich in ihrer Räuberhöhle (genauer Standort streng geheim!), um ihren Raubzug zu planen, der ihnen zu einem Ruf verhelfen soll, der ihnen vorauseilt. Die sieben sehr gefährlichen Messer sind geschliffen, das Beuteziel (v.a. eine Katze, vielleicht auch noch eine Matratze) definiert, die Räuberinnenoutfits sitzen. Wir begleiten die drei auf ihren Raubzügen durch das Treppenhaus und die Wohnungen. Dabei begegnen sie allen möglichen Hausbewohner*innen - vom gamesüchtigen Oskar, über die Monopoly-Queen Edith, den Wischfinger mit seinem Handy und den dauerputzenden Stubenrein mit seinem Wischmob, bis zum dauerknabbernden Chipsbrösel. Die grösste Gefahr geht aber vom Gespenst mit den Eisbonbon-Augen (aka Mama von Wanda) aus. Ihre Waffe? Ein Nagelknipser. Nein, ein ganzes Nagelknipser-Bataillon! Spielen und Leben ist eins Verena Hochleitner erzählt in ihrem ersten erzählenden Kinderbuch, das sie auch selbst illustriert hat, wunderbare Abenteuer aus kindlicher Perspektive. Immer wieder vermischen sich die Abenteuer der drei Räuberinnen mit dem echten Leben, das so manche Herausforderung bietet (gegnerische Räuberbanden, frisch gebohnerte Waldböden, die bereits erwähnte nagelknipsende Mutter). Und umgekehrt fliessen die Ideen aus dem Spiel in die Realität ein. So lassen die furchteinflössenden Räuberinnen zwar alles Mögliche mitgehen, helfen aber fast aus Versehen der Postbotin beim Postverteilen, liefern der kranken Nachbarin Taschentücher und verhelfen dem einsamen Nachbarn Chipsbrösel zu völlig unerwarteten Geburtstagsgrüssen. Die Kapitel haben die perfekte Länge nicht nur für Selbstleser*innen (ab 8), sondern auch zum abendlichen Vorlesen (ab 5-6) und sind von Verena Hochleitner mit einer besonderen Technik (Gouache-Farben auf Folien) wunderbar knallig und wild illustriert. Die 3 Räuberinnen sind nicht nur dem Namen nach ganz schön klischeefrei und gendergerecht, sie sind auch noch richtig mitfühlend, hilfsbereit und kämpfen mit denselben Problemen wie die meisten Kinder (wer mag sich schon die Nägel schneiden lassen?!). "Wie jedes Lebewesen weiss, ist es bei richtigen Räuberinnen so, dass sie jede Menge Blut sehen können und auch andere schreckliche Sachen. Was Räuberinnen aber ganz, ganz schlecht aushalten, ist, wenn eine andere Räuberin weinen muss." (S. 55) Fazit "Die drei Räuberinnen" von Verena Hochleitner bringen viel Spass, eine Portion Spannung und ganz viel Herzwärme ins Kinderzimmer! Nach dieser Lektüre darf man sich nicht wundern, wenn die Fantasie der drei Räuberinnen auf die eigenen Kinder überspringt. Wir hoffen auf mehr von der österreichischen Autorin und Illustratorin! Die Fakten Die drei Räuberinnen Verena Hochleitner (Text + Illustration) Tyrolia Verlag 136 Seiten Erschienen am 01.09.2019 ISBN: 978-3-7022-3802-5 Ab 8 Jahren (zum Selberlesen), ab 5-6 Jahren (zum Vorlesen) Leseprobe und Bestellung bei Tyrolia PS: Herzlichen Dank an den Tyrolia Verlag für das Rezensionsexemplar. Like it? Pin it! Danke, wenn du dir den Pin zum Buchtipp auf Pinterest merkst. Du hilfst mir und diesem tollen Buch damit sehr!

  • Der Lack ist ab

    Doris Knecht erzählt in ihrem Roman "Wald" eine Geschichte eines Absturzes. Wie tief der Fall von Protagonistin Marian ist, erfahrt ihr in diesem Beitrag. Von Doris Knecht habe ich euch an dieser Stelle bereits ihren Roman "weg" vorgestellt, der mir gut gefallen hat. Es lag deshalb nahe, im Rahmen meiner Instagram-Aktion #waldbücher (zusammen mit Kerstin von femundo.de) auch ihren davor erschienenen Roman "Wald" zu lesen. In dem Buch geht es um Marian (eigentlich Marianne, aber das klingt zu katholisch). Marian war einmal erfolgreiche Wiener Modedesignerin mit eigenem Atelier und eigenem Store (Geschäft oder Laden klänge ja viel zu bodenständig). Liiert war sie zuerst mit Oliver und dann mit Bruno (nicht verheiratet, das wäre zu spiessig). Sie hat eine Tochter, Kim, die aber nicht bei ihr lebt, sondern beim Vater Liam in London. Hochmut kommt vor dem Fall Also alles schön und gut, sie arbeitet viel, geniesst das Paarleben, den Ausgang, leistet sich schicke Klamotten (v.a. Schuhe, Schuhe sind wichtig!), den teuersten Mascara, kleidet die Reichen und Schönen ein. Doch dann kommt die Immobilienkrise und mit ihr die allgemeine Wirtschaftskrise und mit ihr Marians Fall ins Bodenlose. Finanzieller, beziehungstechnischer, psychischer Supergau. Sie hat sich mit ihren Investitionen in den Store übernommen, ihre Kund*innen laufen ihr davon. Sie wird gepfändet, verliert die Wohnung, muss ein Leben lang Schulden abbezahlen. Marian kann nirgendwo mehr hin, nur noch aufs Land. Da hat sie (also eigentlich ihre Tochter Kim, sonst hätte sie es nicht mehr) ein Haus, geerbt von der verstorbenen Tante. Doris Knecht erzählt nun diese Geschichte von Marians Absturz nicht einfach linear von der rosigen Vergangenheit bis zur eher morastig braunen Gegenwart, sondern zu einem grossen Teil in Rückblenden aus der Sicht von Marians drittem Jahr auf dem Land. Versetzt mit aktuellen Einschüben. Sie erzählt zwar in der dritten Person, da wir aber immer so viel wissen wie Marian selbst (bzw. etwas weniger), wirkt es wie ein innerer Monolog. Gekonnt nimmt die österreichische Autorin das moderne Leben im Hamsterrad des Kapitalismus mit schicker Wohnung in der Stadt, mit oberflächlichen Beziehungen, luxuriösen Hobbies, übermotorisierten Autos und teuren Stöckelschuhen auseinander und setzt ihm das einfache Landleben entgegen. Allerdings beschönigt sie auch Letzteres nicht, im Gegenteil. Zwar entkräftet sie einige Vorurteile von Marian, aber die Stadt-Marian hat durchaus auch auf dem Land mit vielen Herausforderungen zu kämpfen, nur sind die irgendwie bodenständiger, erdiger, unmittelbarer, konkreter als eine Immobilienkrise, die scheinbar so rein gar nichts mit einem selbst zu tun hat (sie ist ja weder verwandt noch verschwägert mit den Lehman Brothers). Erstmal geht es auch auf dem Land weiter abwärts. Marian flüchtet sich in den Alkohol und landet irgendwann mit viel Alkohol im Blut und einer Schnapsflasche in der Hand auf dem Waldboden. Da taucht Franz auf. Ohne Franz (er fährt einen Mitsubishi Pajero) würde sie nicht mehr leben, meint sie. Es entspinnt sich jetzt keine platte Liebesgeschichte, sondern Marian wird Franz' Geliebte und ihr Verhältnis ist geprägt von einem deutlichen Machtungleichgewicht. Aber mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten. Kopfkino par excellence Knechts ironischer, schonungsloser Blick auf die Gesellschaft, auf unser Konsumverhalten, auf die zwischenmenschlichen Beziehungen ist grandios! Ich liebe ihre Sätze, "fadegrad", ohne Blatt vor dem Mund, so als sässen wir direkt in Marians Hirn, beschossen von Gedankenblitzen, eingeklemmt in Synapsen, die Schmerz weiterleiten, umschwirrt von Botenstoffen in toxischer Menge. "..., aber jetzt ist es Bruno, der ihr unkoffeiniertes und deshalb noch wehrloses Hirn ausfüllte, Scheissbruno schon wieder, sie braucht einen Kaffee, sie muss aufstehen, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt gleich." (S. 43) Die Handlung (in Vergangenheit und Gegenwart) mischt sich immer wieder mit Marians philosophischen Gedankengängen - mehr oder weniger tiefgründigen, meist weniger. Diese ergänzt sie gerne um illustrierende Episoden aus ihrem Leben. "Sie weiss: Wenn sie das Bett nicht ordentlich macht, wird es ein Scheisstag. Wenn das Leintuch Falten wirft, wird es ein Scheisstag. (...) früher hat sie ihr Bett nie gemacht. Eben. Man sieht ja, was dabei herausgekommen ist, kein Wunder." (S. 64 f.) "Man ist am Land anders befreundet als in der Stadt. Vor allem aber ist man anders verfeindet, konkreter, ernsthafter, konsequenter, körperlicher." (S. 126) Marians Wandlung mitzuerleben macht an diesem Roman richtig Spass, auch wenn es zuweilen weh tut, man als Leser*in quasi mit ihr auf dem Boden liegt, auf dem nasskalten Boden, nichts von flauschig weichem Flokati. Das ist Doris Knecht mit ihrem Buch einmal mehr bestens gelungen. Kritisieren möchte ich einzig ein, zwei lose Enden und zwei, drei etwas arg mäandrierende Exkurse, die wenig zum grossen Ganzen beitragen. Fazit Mit Doris Knechts "Wald" und ihrer sympathisch kaputten Hauptprotagonistin Marian macht sogar das Scheitern Spass. Klar, es ist entlarvend, es trifft uns hart in der Magengrube, es kratzt den Lack ab. Aber es ist so herrlich ironisch geschrieben, dass wir gewissermassen die Ästhetik des Zerfalls zu schätzen lernen. Und ja, am Ende bleibt auch ein bisschen Hoffnung. Oder Selbstbetrug. Wer weiss das schon so genau. Die Fakten Wald Doris Knecht Rowohlt Verlag 272 Seiten Erschienen im März 2015 (als Hardcover) ISBN: 978-3-499-26787-1 (Taschenbuch) Leseprobe und Bestellung bei Rowohlt Like it? Pin it? Magst du diesen Buchtipp? Dann freue ich mich, wenn du dir den Pin dazu merkst. Und noch mehr freue ich mich, wenn du jemandem von meinem Blog erzählst! Das geht auch ganz einfach digital.

  • Mut in kleinen Dosen

    Manchmal braucht es nur ein bisschen Mut und ein fantastisches Abenteuer beginnt. Taltal Levi nimmt uns in ihrem Debüt "Ein Fingerhut voll Mut" mit auf eine spannende Reise und erzählt eine schöne Freundschaftsgeschichte. Eine Geschichte über Mut, Neugier und Freundschaft In ihrem Bilderbuchdebüt erzählt uns die israelische Illustratorin, die in Basel lebt, von einer spannenden Entdeckungsreise eines Winzlings (eigentlich eine Sie, siehe Link zum Interview ganz am Schluss). Der Winzling ist etwa so gross wie ein Wasserglas, steht jeden Morgen mit der Sonne auf, tobt durch das Haus, sammelt schöne Dinge und... wird plötzlich von einem unheimlichen Schatten verfolgt! Was kann das sein? Und ist es so gefährlich wie es aussieht? Der Winzling nimmt all seinen Mut (und eine Stecknadel zur Verteidigung) zusammen und greift an. Attacke!!! Dabei stellt er fest, dass der ominöse Schatten von einer ganz umgänglichen Katze stammt. Die beiden freunden sich an und gehen fortan gemeinsam auf Entdeckungstour - nicht nur im Haus, sondern auch jenseits der Haustür. Was da lauert, müsst ihr selber herausfinden! Die Luzerner Schule Taltal Levi hat ihren Abschluss in Illustration Fiction an der Hochschule Luzern gemacht und das sieht man ihrem Erstling an. Behaupte ich jedenfalls! Sie illustriert mit feinem Strich und grellbunten Akzenten, nimmt spannende Perspektiven ein (ganz ihrem winzigen Hauptakteur entsprechend). Sie erzählt mit fantastischen Elementen, bringt Bewegung ins Bild, kommt mit wenig Text aus und lässt viel Raum zum Entdecken der grossflächigen Bilder mit ihren liebevollen Details (wer entdeckt die Mumins?). Mich erinnert das Buch sehr an "Marta & ich" von Evelyne Laube und Nina Wehrle, gemeinsam "It's Raining Elephants", das ich in diesem Blogbeitrag besprochen habe und nach wie vor auch sehr empfehlen kann! Auch die beiden sind Abgängerinnen der Hochschule Luzern. Das Bilderbuch wird vom Verlag ab 4 Jahren empfohlen, aber meine Dreijährige findet es "so lustig" (so stellt sie das Buch allen vor und schleppt es mit sich herum), dass ich es auch schon in dem Alter empfehlen kann. Ich freue mich auf mehr von Taltal Levi. Und so viel sei verraten: Es geht schon dieses Jahr in die zweite Runde! Fazit "Ein Fingerhut voll Mut" von Taltal Levi erzählt mit viel Schwung, weshalb es sich lohnt, über den eigenen Schatten zu springen. Das Bilderbuch für Kinder ab 3-4 Jahren vereint ein kurzweiliges Abenteuer mit einer schönen Geschichte über Neugier, Mut und Freundschaft und macht so richtig Lust auf eigene Entdeckungsreisen! Die Fakten Ein Fingerhut voll Mut Taltal Levi (Text + Illustration) Elisa Martins (Übersetzung aus dem Englischen) NordSüd Verlag 48 Seiten Erschienen am 16.07.2019 ISBN: 978-3-314-10489-3 Ab 4 Jahren Leseprobe und Bestellung bei NordSüd Website von Taltal Levi Interessantes Interview mit Taltal Levi (auf Englisch) PS: Herzlichen Dank an den NordSüd Verlag für das Rezensionsexemplar. Like it? Pin it! Magst du diesen Bilderbuchtipp? Dann freue ich mich ausserordentlich, wenn du ihn auf Pinterest teilst!

  • Wie wird das einmal sein?

    Ein neues Jahr ist immer eine gute Gelegenheit, über die Zukunft zu philosophieren. Witzig, vielseitig und ohne Klischees geht das mit Leonora Leitls Kinder- und Jugendbuch "Einmal wirst du...". Zum ersten Mal aufgefallen ist mir Leonora Leitl mit ihrem Bilderbuch "Königin für eine Nacht" (zur Besprechung), eine klischeefreie Geschichte über eine Mutter, die ihre Arbeit verliert, vorerst in eine Depression fällt, aber dann ihren Lebenstraum wahr macht. Klar, dass ich ihr neues Buch "Einmal wirst du..." auch unter die Lupe nehmen wollte. "Wie wird das einmal sein? Wie wird das einmal werden?" Mit diesen Leitfragen steigt die österreichische Illustratorin und Kinderbuchautorin ein und lädt damit Kinder und Jugendliche ein, sich Gedanken darüber zu machen, was die Zukunft bringen könnte. Nicht nur in Bezug auf die persönliche Entwicklung, sondern z.B. auch auf das Zusammenleben mit anderen, das Wohlergehen unserer Erde oder die geltenden Werte. Klischees gekonnt gekontert Mit 30 Fragen wie "Ist es eigentlich wichtig, welche Hautfarbe man hat?" oder "Wie wird der schönste Tag in deinem Leben sein?" regt sie dazu an, über das Leben und die Zukunft nachzudenken. Mit ihren Illustrationen gibt sie auf witzige Art und Weise Anstösse, die Dinge etwas anders zu betrachten, weiter zu denken, nicht nur die naheliegendsten Antworten in Betracht zu ziehen. So wird klar, dass dünn zu sein nicht immer erstrebenswert ist, dass die Liebe irgendwo hinfallen kann, dass gute Schulnoten nicht alles sind, dass Anderssein auch seine Vorteile hat und dass Falten im Gesicht eine Geschichte erzählen. Mit ihren Fragen, die zum Nachdenken, Diskutieren und Philosophieren einladen, spricht Leonora Leitl so zahlreiche Themen an: das eigene Ich, Freunde, Geschlechterrollen und -klischees, die Berufswahl, die Liebe und das Familienleben, die Umwelt, den Konsum(wahn), Lebensziele, wichtige Momente im Leben und das Älterwerden. Leonora Leitl bringt uns in ihrem Buch zum Diskutieren und Schmunzeln, räumt wie nebenbei mit Vorurteilen auf (Farben sind für alle da!), erweitert unseren Horizont und baut erst noch eine kleine Hommage an zwei mutige Schwedinnen mit ein. Wer dann wie ich auch noch auf ihren Illustrationsstil steht, muss das Buch unbedingt haben! Fazit Auf witzige Art und ohne Klischees können Kinder und Jugendliche mit diesem Buch ins Gespräch darüber kommen, was ihnen im Leben wirklich wichtig ist, wohin sie einmal wollen und was die Zukunft bringen könnte. Kurz: Mit "Einmal wirst du..." von Leonora Leitl macht das Erwachsenwerden Spass! Die Fakten Einmal wirst du... Leonora Leitl (Text + Illustration) 64 Seiten Tyrolia Verlag Erschienen am 01.07.2019 ISBN: 978-3-7022-3801-8 Ab 6 Jahren Leseprobe und Bestellung bei Tyrolia Website von Leonora Leitl PS: Herzlichen Dank an den Tyrolia Verlag für das Rezensionsexemplar. Like it? Share it! Magst du diesen Buchtipp? Dann merk dir doch den Pin dazu oder teile den Artikel bei dir auf Facebook, Twitter oder Instagram. Wenn du noch mehr philosophische Kinderbücher entdecken möchtest, schau mal auf meiner Pinnwand zum Thema vorbei!

  • Innehalten

    Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk schreibt nicht nur Romane für Erwachsene, mit "Die verlorene Seele" hat sie zusammen mit Illustratorin Joanna Concejo ein ganz besonderes Kinderbuch geschaffen. Im Rahmen der Aktion #olgalesen rund um die Werke von Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk, organisiert von Karla Paul alias Buchkolumne, habe ich hier bereits über den Roman "Gesang der Fledermäuse" berichtet. "Die verlorene Seele" von Olga Tokarczuk und Joanna Concejo hat zumindest etwas mit dem ersten Buch gemeinsam: Es beginnt mit Schnee und Spuren im Schnee. Wir blicken aus der Vogelperspektive auf einen Park, sehen Menschen umhergehen, schlittschuhlaufen, auf der Bank sitzen und Spuren im Schnee hinterlassen. Dem Buch vorangestellt ist eine kurze Textpassage: "Könnte uns jemand von oben betrachten, er sähe so viele Menschen auf der Welt in ständiger Eile, erhitzt und erschöpft, und er sähe ihre verlorenen Seelen, die nicht mehr Schritt halten können mit ihnen ..." Die Geschichte wird von einer Seite Text eingeleitet, gefolgt von einer Abfolge von Concejos äusserst fein gezeichneten, nostalgischen, träumerischen Bildern, nur noch einmal unterbrochen von zwei Sätzen und abgerundet mit einem abschliessenden Textabschnitt. Der Seele entflohen Wie ein Märchen beginnt das Buch mit "Es war einmal...". In diesem Fall ein Mann namens Jan, der sehr viel und schnell arbeitete. Es ging ihm dabei vermeintlich ganz gut. Aber eines Tages wusste er nicht mehr, wo er gerade war. Nicht mal mehr an seinen Namen erinnerte er sich. Eine weise Ärztin stellte dann fest: "Die Seelen wissen, dass sie ihre Menschen verloren haben, die Menschen aber bemerken oft nicht einmal, dass ihnen die eigene Seele abhandengekommen ist." Und sie riet ihm, in Ruhe auf seine Seele zu warten. Nichts zu tun, ausser zu warten. Und das tat er, in einem kleinen Haus am Stadtrand. Wie ein Fotoalbum Und dieses Warten beobachten wir in Joanna Concejos Bildern, die sie auf kariertes Papier gebannt hat - passend zum Gefühl von Jan, "... dass alles um ihn herum ganz flach würde, als bewegte er sich über die Seite eines Mathematikhefts, über ein Blatt Papier, das bedeckt war mit den gleichförmigen Reihen der Kästchen." Auf den vergilbten Seiten sehen wir Jan in seinem Haus am Stadtrand und zwischendurch (immer auf der linken Seite, mit leichtem Blaustich) immer wieder Erinnerungsfetzen, Szenen aus seiner Kindheit und von späteren Jahren - beim Eisessen, auf einem Fest, am Strand. Jans Haare werden immer länger, die Pflanzen in seinem Haus immer üppiger. Beim Betrachten der atmosphärischen Bilder haben wir den Eindruck, ein altes Fotoalbum in den Händen zu halten, durch ein Leben zu blättern. Manchmal gesellen sich auch Tiere dazu - eine Katze und überraschender: ein Hirsch und ein Hase. Der Hirsch taucht als Miniatur später wieder auf. Die Pflanzen wachsen auch schon mal surrealistisch direkt aus dem Tisch. Seele und Körper finden wieder zusammen Eines Tages stand dann seine Seele - in Gestalt eines Kindes - vor der Türe. Mit der Rückkehr seiner Seele, zieht auch die Farbe wieder ins Bilderbuch und in Jans Leben ein. Die Pflanzen wuchern nun richtiggehend, verwandeln das Haus in einen Dschungel, schlagen Ranken mit orangen Blüten hoch in den Himmel. Und wie im Märchen leben die beiden noch lange und glücklich. Traumhaft gestaltet Die ebenfalls polnische Illustratorin Joanna Concejo hat das Kinderbuch traumhaft gestaltet, im wahrsten Sinn des Wortes: ganz sanft, mit feinem Strich. Sie spielt mit Licht, mit halbtransparenten Seiten aus Pergamentpapier, mit surrealen Elementen. Zusammen erzählen die beiden einfühlsam die Geschichte eines Mannes, der sich selbst abhanden gekommen ist, gestresst und getrieben von der Arbeitswelt. Indem er aber einen guten Rat befolg und geduldig wartet, wird er wieder eins mit seiner Seele und damit sich selbst. Fazit Olga Tokarczuk und Joanna Concejo schenken uns mit ihrem Kinderbuch "Die verlorene Seele" einen Moment des Innehaltens in einer hektischen Welt. Sie erinnern daran, wie wichtig es ist, dass Körper und Seele in Einklang sind, im Gespräch miteinander, dass die beiden gut zueinander schauen. Ein Bilderbuch, das sich bestens als Geschenk eignet - für Kinder ab ca. 8 Jahren und alle Gehetzten. Die Fakten Die verlorene Seele Olga Tokarczuk (Text) Joanna Concejo (Illustration) Lothar Quinkenstein (Übersetzung aus dem Polnischen) Kampa Verlag (Gatsby) 48 Seiten Erschienen am 11.12.2019 ISBN: 978-3-311-40001-1 Like it? Pin it! Magst du diesen Buchschatz? Dann freue ich mich, wenn du ihn dir auf Pinterest merkst und andere darauf aufmerksam machst. Danke!

  • Auf der anderen Seite

    Der Roman "Die Wand" von Marlen Haushofer ist ein moderner Klassiker aus dem Jahr 1963. Weshalb er auch heute noch äusserst lesenswert ist, erfahrt ihr hier. Ich habe in einem anderen Blogbeitrag bereits einmal die Aktion #autorinnenschuber von Nicole Seifert vom Nacht und Tag Blog erwähnt. Auf Instagram habe ich denn auch ein Bild dazu mit 10 Buchtipps von Autorinnen gepostet. Im Rahmen dieser Aktion ist mir ein Buch besonders oft aufgefallen: "Die Wand" von der österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer. Der Roman von 1963 gilt als ihr wichtigstes Werk. So richtig bekannt und erfolgreich wurde das Buch - wie ihr gesamtes Werk - aber erst, als Marlen Haushofer von der Frauenbewegung entdeckt wurde. So wurden ihre Romane und Erzählungen ab 1984 erneut aufgelegt. Grund genug, den modernen Klassiker einmal zu lesen! Worum geht es? In "Die Wand" fährt die namenlose Ich-Erzählerin mit ihrer Cousine Luise und deren Mann Hugo für ein Wochenende in ein Jagdhaus im österreichischen Gebirge. Luise und Hugo gehen am Abend ins nächste Dorf in eine Gaststätte. Die Ich-Erzählerin bleibt alleine zurück. Als sie am nächsten Morgen erwacht, ist das Ehepaar noch nicht zurück. Sie beginnt sich Sorgen zu machen und macht sich schliesslich mit Hugos Jagdhund Luchs auf den Weg ins Tal. Da stösst sie auf einmal gegen eine unsichtbare, harte, undurchdringliche Wand. Die Wand scheint sie völlig zu umgeben und so hoch zu sein, dass sie sie unmöglich überwinden kann. Keine Aussicht auf Befreiung So unvermittelt abgeschnitten von der Zivilisation beginnt die Ich-Erzählerin, sich in ihrem Exil ein Leben als Selbstversorgerin aufzubauen. Dass sie nicht nach einem Ausgang sucht oder versucht, die Wand zum Beispiel mit dem zurückgebliebenen Auto von Hugo zu durchbrechen, liegt zunächst daran, dass auf der anderen Seite der Wand sämtliches menschliches und tierisches Leben ausgelöscht erscheint. Die Ich-Erzählerin hat durch die Wand wie versteinerte Menschen und Tiere gesehen und geht von einer grossen Katastrophe aus, die das ganze Land oder vielleicht auch den Rest der Welt getroffen hat. Die Ich-Erzählerin schildert diese Vorgänge rückblickend während dem dritten Winter in ihrer Isolation. Indem sie praktisch chronologisch ihr Leben in der Jagdhütte rekapituliert, ab und zu aber Fakten aus der Gegenwart einfliessen lässt, baut sich eine grosse Spannung auf. So erfahren wir schnell, dass ihr Gefährte Luchs sterben wird, ebenso eine ihrer Katzen und später der junge Stier. Sehr schnell drängt sich natürlich die Kategorisierung der Geschichte als Robinsonade auf. Die vierzigjährige Frau ist in einem abgeschlossenen Gebiet völlig auf sich gestellt und lernt Stück für Stück, sich mit der sie umgebenden Natur und den Tieren (ihr laufen eine trächtige Kuh und eine Katze zu) selbst zu versorgen. Im Unterschied zu Robinson Crusoe hat sie das Glück, dass sie mit dem Jagdhaus über ein Obdach verfügt, in dem auch noch viele Vorräte vorhanden sind, darunter Streichhölzer, ein Gewehr und Munition, ausreichend Holz und einige Kartoffeln und Bohnen, die sie einpflanzen kann. Der Hund Luchs wird zu einer Art Freitag, um bei dem Vergleich mit Robinson zu bleiben, indem er ihr treuer Gefährte, Beschützer und Helfer auf der Jagd ist. Die Ich-Erzählerin nimmt sogar einmal Bezug auf Robinson. Allein, aber nicht einsam Spannend sind neben der Handlung auch die Gedanken, die sich die Ich-Erzählerin über ihre gegenwärtige Situation, ihre Vergangenheit und ihre Zukunft macht, wie sie alleine zurechtkommt, ja, sogar hofft, es möge in dem verschonten Areal niemand anderes überlebt haben. Erst recht hofft sie, dass nicht plötzlich die "Sieger" auftauchen, die vielleicht für die Katastrophe verantwortlich waren. Die Angst ist geprägt vom damaligen Klima des kalten Krieges und damit der Möglichkeit eines Nuklearschlags. Die Ich-Erzählerin scheint mit ihrem früheren Leben mit (verstorbenen) Ehemann und zwei Töchtern nicht sehr glücklich gewesen zu sein und trauert ihm nicht nach. Beinahe sieht sie das Ereignis als Chance, nochmals neu anzufangen, sich neu zu definieren und ab einem gewissem Zeitpunkt praktisch ausserhalb der Zeit weiterzuleben. "Durch die Wand wurde ich gezwungen, ein ganz neues Leben zu beginnen, aber was mich wirklich berührt, ist immer noch das gleiche wie früher: Geburt, Tod, die Jahreszeiten, Wachstum und Verfall." (S. 150) Aber natürlich zweifelt und verzweifelt sie auch immer wieder an ihrer Situation, am eintönigen Alltag. "Ich bin schon jetzt nur noch eine dünne Haut über einem Berg von Erinnerungen. Ich mag nicht mehr. Was soll denn mit mir geschehen, wenn diese Haut reisst?" (S. 66) "Und morgen wird es sein, wie es heute ist und wie es gestern war. Ich werde erwachen, aus dem Bett steigen, ehe der erste Gedanke Zeit hat aufzuwachen, und später wird die schwarze Krähenwolke sich über die Lichtung senken, und ihr rauhes Geschrei wird den Tag ein wenig beleben." (S. 109f.) Haushofer erzählt im Stile eines inneren Monologs weitgehend nüchtern, einfach und schnörkellos. Manchmal wird die Ich-Erzählerin philosophisch, aber nie pathetisch. Der Duktus hat mich in seiner Ruhe und Genauigkeit sehr beeindruckt. Die Ich-Erzählerin wirkt angesichts ihres Schicksals oft sehr abgeklärt, aber trotzdem nicht kalt, was daran liegen mag, dass sie sich mit ihren Tieren eine Art neue Familie aufbaut, mit ihnen spricht und versucht, in grösstmöglicher Harmonie mit ihnen zu leben. Beim Lesen leiden wir mit, können uns einfühlen, freuen uns mit, frieren mit ihr und geniessen gemeinsam die Stille und den Sternenhimmel. Ich fühlte mich der Ich-Erzählerin so nah, wie ich es noch kaum je in einem anderen Buch erlebt habe und fragte mich über fast 300 Seiten hinweg, wie ich in einer solchen Situation reagieren würde. Es ist unvorstellbar, aber Marlen Haushofer macht das Unvorstellbare nachvollziehbar und so zumindest literarisch erlebbar. Fun Fact Wie über Wikipedia zu erfahren ist, wird der Roman gerade in Frankreich seit einem Instagram-Post von Illustratorin und Autorin Maureen Wingrove alias Diglee wieder sehr gehyped. Fazit "Die Wand" von Marlen Haushofer ist ein sehr spannender, dicht erzählter Roman über das Leben einer Frau in der Isolation, aber auch über einen Neuanfang, die Neuerfindung der eigenen Person, ein neues Leben fernab der Zivilisation, in Eintracht mit der Natur. Ein moderner Klassiker, der nicht nur, aber auch aus einer feministischen Perspektive mitreissend, berührend, bewegend und aufwühlend ist und sicher lange nachhallt! PS: "Die Wand" wurde 2012 unter demselben Titel mit Martina Gedeck verfilmt (Trailer). Die Fakten Die Wand Marlen Haushofer Ullstein Buchverlag 288 Seiten Erschienen 2018 (als Taschenbuch, Originalausgabe 1963) ISBN: 978-3-548-60571-5 Hörprobe und Bestellung bei Ullstein Like it? Pin it! Magst du diesen Buchtipp? Dann freue ich mich wahnsinnig, wenn du dieses Wahnsinnsbuch auf Pinterest teilst und so andere davon wissen lässt!

  • Federleicht und bärenstark

    Haben eure Kinder auch eine Sammlung von Federn? Bei uns gehören sie zu den beliebtesten Fundstücken. Das Sachbilderbuch "Die Feder" von Britta Teckentrup liefert ganz viel Wissenswertes über dieses Wunderwerk der Natur. Britta Teckentrup ist Garantin für gute und vor allem schöne Kinderbücher. Das hat sie wie schon so oft auch mit "Das Ei" bewiesen, das ich ebenfalls in einem Beitrag besprochen habe. Da aus vielen - aber natürlich nicht allen! - Eiern Vögel schlüpfen, ist es eigentlich nur folgerichtig, dass sie sich auch diesem Naturwunder in einem eigenen Bilderbuch angenommen hat. Federn faszinieren Menschen schon immer. Kein Wunder! Dank ihnen können Vögel fliegen, Enten stundenlang auf dem eiskalten See dümpeln und wir warm zugedeckt schlafen. Schon mehr überrascht hat mich, dass es sogar einen Fachbegriff für die Vogelfederkunde gibt: die Plumologie. Das wäre doch mal ein Berufswunsch! Von wissenswert bis überraschend Wer es nicht gleich so weit treiben will, kann seinen Wissensdurst auch mit "Die Feder" schon ziemlich gut stillen. Wir erfahren nämlich, wie eine Feder entsteht, woraus sie besteht (Keratin) und wie sie beschaffen ist. Dann lernen wir die unterschiedlichen Federtypen von Daunen bis Fadenfedern kennen und bestaunen ihre Farbenpracht. Dass Federn dem Fliegen dienen (ausser vielleicht bei Pinguinen und einigen anderen flugunfähigen Vögeln) wissen wir schon, auch dass Daunen Wärme spenden. Federn haben aber viele weitere Funktionen. Wusstet ihr zum Beispiel, dass Schwäne aktiv dafür sorgen müssen, dass die Federn ihrer Jungen wasserabweisend werden? Sie tragen dafür mit ihrem Schnabel eine Schutzschicht aus Öl auf. Reiher geniessen schon mal eine Art Pflegespülung, indem sie sogenannte Puderfedern zerdrücken und im Gefieder verteilen. Und manche Vögel können mit ihren Federn sogar singen. Neben der biologischen Seite, kommt Britta Teckentrup auch auf den kulturellen Aspekt von Federn zu sprechen. Schon die Griechen und Ägypter liessen sich von Federn und Flügeln für ihre Fabelwesen und Geschichten inspirieren. Auch für die Ureinwohner Nordamerikas waren Federn voller Symbolkraft. Hierzulande diente sie lange als Schreibwerkzeug und schmückte die Hüte edler Damen und Herren. Später wurde sie zum Vorbild für die ersten Flugmaschinen. Eine Feder hat es sogar bis zum Mond geschafft. Wie und weshalb sie immer noch dort liegt, erfahrt ihr im Buch! Kunstvoll illustriert Britta Teckentrup hat mit ihrer besonderen Technik auf Basis von Collagen unfassbar schöne Federn in ihr Buch gezaubert: Da finden sich Daunen so zart, dass man meint, sie müssten sich flauschig anfühlen. Von grob strukturierten Möwen bis zu den feinsten Verästelungen einer Feder ist alles dabei. Fazit "Die Feder" von Britta Teckentrup zeigt Kindern ab 6 Jahren und Interessierten jeden Alters, wie vielfältig, multifunktional, bunt, tarnend, windschnittig, schützend, fein und stark Federn sind. Wie nebenbei vermittelt sie auf fast 100 Seiten in einfachen, aber informativen Texten viel Wissenswertes über das Vogelkleid. Die Fakten Die Feder Britta Teckentrup (Text + Illustration) Kathrin Köller (Übersetzung aus dem Englischen) Prestel junior 96 Seiten Erschienen am 26.03.2018 ISBN: 978-3-7913-7333-1 Ab 6 Jahren Blick ins Buch und Bestellung bei Randomhouse PS: Herzlichen Dank für das Rezensionsexemplar an Prestel junior und Randomhouse. Like it? Pin it! Magst du diesen Buchtipp? Dann freue ich mich sehr, wenn du dir den Pin merkst. Das geht feder..., äh, kinderleicht!

  • Sind wir nicht alle ein bisschen Ida?

    Wie vielfältig 365 - oder dieses Jahr 366 - Tage im Leben eines Kindes sein können, zeigt euch "Jeder Tag ist Ida-Tag" von Antje Damm. Lest die Besprechung und ich bin sicher, ihr werdet danach sagen: "Ich bin auch Ida!". Solche und solche Tage Ihr kennt das bestimmt von euren Kindern und von euch: Es gibt solche Tage und solche. Und dann auch noch solche... Mal fühlt ihr euch gut, mal schlecht, mal ist der Tag echt hässlich, mal gilt es, eine Entscheidung zu fällen, mal ist Strandtag, mal Badetag, mal hat das Stofftier oder Haustier Geburtstag und je einmal im Jahr ist auch noch Ostern, Weihnachten, Nikolaus und nicht zu vergessen: der eigene Geburtstag! Diese und noch viel mehr Tage durchleben wir in Antje Damms Kinderbuch mit der rothaarigen, kreativen, temperamentvollen, klugen, witzigen und einfach sehr, sehr coolen Ida - und mit ihrem Hasen. Der ist nämlich auch immer dabei. Ida macht irgendwelche Sachen, Sachen, die sie will, die sie muss, Sachen, die sie gar nicht mag (sich langweilen) und Sachen, die sie mag (Geschenke auspacken, okay, das Geschenk ist in diesem Fall leider Scheisse...). Ida hat tolle Ideen (Hase findet sie nicht immer toll). Wie du und ich Ida ist wie ich - fixiert auf gewisse Dinge: Wenn die Nutella fehlt (bei mir wäre es ein Mokka Joghurt), ist der Tag im Eimer. Ida ist wie meine Kinder - gnadenlos: Wenn Mama stirbt, dann möchte sie unbedingt ihr Handy erben. Und gnadenlos ehrlich: "Den allerlautesten Popo hat auf jeden Fall der Papa!". Ida ist liebevoll (manchmal auch zu ihrem Bruder) und Ida ist grosszügig, ausser es geht um Schokolade, versteht sich! Also ich frage euch nochmal: Sind wir nicht alle ein bisschen Ida?! Antje Damm hat Ida ganz einfach in Blau und Orange und doch so voller Emotionen gezeichnet. Auf der rechten Seite sehen wir in kleinen Szenen und mit Idas Gedanken oder Worten, wie ihr Tag so aussieht. Die linke Seite füllt sich Seite für Seite mit Dingen an, die in Idas Tagen vorkommen. Nur Hase, der bleibt natürlich immer bei ihr! Fazit "Jeder Tag ist Ida-Tag" von Antje Damm ist ein sehr, sehr witziges Buch über Alltagssituationen aus der Sicht kleiner Kinder. Die Episoden voller Humor, Neugier, Wahrheit, Magie und einer guten Portion Pragmatismus werden Kinder ab 6 Jahren lieben - ihre Eltern sowieso. Mit Ida und ihrem Hasen wird jeder Tag ein besonderer Tag! Die Fakten Jeder Tag ist Ida-Tag Antje Damm (Text + Illustration) Moritz Verlag 96 Seiten Erschienen am 21.08.2019 ISBN: 978-3-89565383-4 Leseprobe und Bestellung beim Moritz Verlag PS: Herzlichen Dank an den Moritz Verlag für das Rezensionsexemplar. Like it? Pin it! Magst du diesen Buchtipp? Dann freuen sich Ida, Hase und ich, wenn du dir den Pin auf Pinterest merkst! Danke!

  • Auf Abwegen

    Olga Tokarczuk hat den Literaturnobelpreis 2018 gewonnen. Ich habe mir als erstes ihren Roman "Gesang der Fledermäuse" vorgenommen. Mehr über das Buch und das Projekt #olgalesen erfahrt ihr in diesem Beitrag. Wir lesen Olga Tokarczuk und sprechen darüber! Lest und hört ihr auch hauptsächlich vom Literaturnobelpreisträger 2019 und vermisst die Diskussion über Olga Tokarczuk, die Preisträgerin von 2018? Dann seid ihr nicht alleine! Viele Blogger*innen haben den Eindruck, dass die weibliche Gewinnerin (es ist erst die 15. in der Geschichte des Nobelpreises für Literatur mit total 114 Verleihungen!) einmal mehr sträflich vernachlässigt wird vom Feuilleton, von der Berichterstattung in Radio, Fernsehen, etc. Karla Paul aka Buchkolumne hat deswegen die geniale Aktion #olgalesen ins Leben gerufen, um die Schriftstellerin auf allen Kanälen ins Gespräch zu bringen. Macht auch mit! Auf euren Blogs, in Podcasts, auf Facebook, Insta und Twitter mit dem Hashtag #olgalesen oder natürlich auch offline - in Buchhandlungen, in Bibliotheken, in Lesekreisen unter Freunden. Das Werk der polnischen Schriftstellerin erscheint auf Deutsch derzeit nach und nach beim Schweizer Kampa Verlag. Bereits erschienen sind die in der Grafik abgebildeten Bücher sowie das Bilderbuch "Die verlorene Seele". Ende Januar 2020 erscheint zudem der Erzählband "Der Schrank" in der Übersetzung von Esther Kinsky (Olga Tokarczuk bei Kampa). Ich habe mir als erstes "Gesang der Fledermäuse" vorgenommen, weil es sich um einen Roman handelt, der leicht zugänglich sein soll und mir Romane meist eher liegen als Erzählbände. Gesang der Fledermäuse Der Verlag sagt über den Roman: "Komödie, Fabel, Thriller, politischer Essay, literarisches Spiel – dieser Roman passt in keine Schublade." Und im Klappentext wird er auch noch als "Kriminalroman" bezeichnet. Letzteres weckt etwas falsche Erwartungen, aber Ersteres kann ich voll und ganz unterschreiben. Worum geht's? Die Ich-Erzählerin Janina Duszejko, eine ältere Dame mit einer Vorliebe für die Sterndeutung und einem ominösen Leiden, lebt auf einem Hochplateau an der polnisch-tschechischen Grenze, nahe des Städtchens Glatz. Zusammen mit Magota und Bigfoot (so nennt sie die beiden Männer zumindest, denn sie verteilt immer Namen, die ihr passend erscheinen) ist sie die einzige, die auch den Winter in dem kleinen Dorf verbringt. Alle anderen Bewohner*innen ziehen es vor, von Oktober bis April ins Tal zu ziehen. Der Roman beginnt damit, dass Bigfoot tot ist, erstickt an einem Rehknochen. Janina, die ihren eigenen Namen überhaupt nicht leiden kann, ist nicht traurig über den Tod, denn Bigfoot war Fallensteller und Wilderer und Janina, selbst Vegetarierin, damit ebenso ein Dorn im Auge wie die Jäger, die von ihren Kanzeln praktisch wahllos Tiere ermorden. "Auch mich wird dieses Schicksal einmal treffen, ebenso wie Magota und die beiden Rehe da draussen. Irgendwann einmal werden wir alle nichts anderes sein als totes Fleisch." (S. 13) "So sangen wir etwa eine Stunde lang, immer dasselbe, bis die Worte ihre Bedeutung verloren hatten, als seien sie Steinchen in einem Meer, die, endlos von den Wogen glattgeschliffen, einander glichen wie zwei Sandkörner." (S. 49) Bigfoot bleibt nicht der einzige Tote. Es trifft weitere Männer, alle angesehene Leute des Städtchens, alle Jäger. Janina Duszejko ist überzeugt, dass sich die Tiere des Waldes an den Tiermördern rächen wollten und für die Todesfälle verantwortlich sind. Diese Überzeugung versucht sie auch ihren Freunden und der Polizei näherzubringen, scheint aber nicht so recht durchzudringen, obwohl sie zur Begründung ihre Beobachtungen und die Auswertungen der Horoskope darlegt. "Wenn ihr an den Schaufenstern vorbeigeht, in denen zerstückelte Leichenteile hängen, was denkt ihr dann, was das ist? (...) Nichts Schreckliches. Das Verbrechen wird als etwas ganz Normales angesehen, es ist eine tägliche Verrichtung. Alle tun es." (S. 125) Janina war einst Brückenbauingenieurin und unterrichtet nun noch einige Stunden Englisch. Um Geld zu verdienen, kontrolliert sie ausserdem die leerstehenden Häuser derjenigen, die den Winter in der Stadt verbringen. Ansonsten führt sie ein Leben als Aussenseiterin. In ihrer Freizeit studiert sie Horoskope und übersetzt mit ihrem ehemaligen Schüler Dyzio Gedichte von William Blake. Eine spannende Parallele insofern, dass Blakes mystisches Weltbild seinen Mitmenschen und Kollegen als Zeichen einer geistigen Verwirrung galt (siehe Wikipedia). Erst spät in seinem Leben und posthum wurden er, sein prophetischer Blick und sein Werk doch noch anerkannt. Zitate von Blake leiten inhaltlich sehr passend jeweils die Kapitel ein. Auf und ab Geschrieben ist "Gesang der Fledermäuse" konsequent aus der Perspektive der Ich-Erzählerin Janina Duszejko. Insofern wissen wir immer nur, was sie weiss und was sie uns davon mitteilt. Neben dem Geschehen spielen Janinas Gedanken eine ebenso tragende Rolle. Der Roman entwickelt sich nach dem ersten Paukenschlag langsam, es gibt "nur" etwa alle 100 Seiten einen Toten und sowohl die Ermittlungen der Polizei als auch die von Janina Duszejko verlaufen schleppend. So zieht sich denn das Buch in der Mitte auch etwas, v.a. wenn man wie ich die astrologischen Abhandlungen über Saturn, Pluto und Co. in irgendwelchen Häusern und Aspekten nichts abgewinnen kann. Ich war den ganzen Roman über auch nicht sicher, ob Olga Tokarczuk diese Ausführungen selbst ernst nimmt oder ob sie bloss die Verschrobenheit von Janina zum Ausdruck bringen sollten. Dafür finde ich diese Passagen aber deutlich zu häufig und zu detailliert. Gegen das Ende hin nimmt die Geschichte wieder an Fahrt auf und wir beginnen auch zu ahnen, wie die Todesfälle zu erklären sein könnten. Der Schluss ist dann wirklich fulminant und so das Buch trotz der Längen sehr lesenswert. Es lebt denn auch nicht von einer klassischen (Kriminal-)Geschichte, sondern mehr von Janinas Gedanken über unsere Welt, die Gesellschaft und deren Entwicklungen (z.B. in der Schule, aber auch in der Wirtschaft und Politik generell). Also von kleinen (ironischen) Einsichten und gesellschaftskritischen Spitzen gegen einen Gewissen Schlag Menschen bzw. gewisse Institutionen: "Auf einer Bank sass eine schwangere Frau und las Zeitung, und plötzlich kam mir in den Sinn, dass Unwissenheit ein Segen ist. Wie könnte man alles wissen und nicht ständig in Tränen ausbrechen?" (S. 146) "Der Mensch ist frei und kann mit seinem Leben tun, was er will, solange er keine Banken ausraubt." (Dyzio auf S. 154) "Ich bin überzeugt, dass ihre Eigentümer [von Geländewägen] kleine Pimmel haben und diese Unzulänglichkeit mit der Grösse des Autos kompensieren." (S. 166) "Zweimal assen wir mit ihm zu Mittag und wir veranstalteten eine kleine Blake-Konferenz, undotiert und ohne EU-Gelder". (S. 255) "Aber warum hätten wir eigentlich nützlich sein sollen, und wem? Wer teilt die Welt in nützlich und unnütz auf, und mit welchem Recht? Hat eine Distel kein Recht auf Leben oder eine Maus, die in Lagerräumen Getreidekörner frisst? Bienen und Drohnen, Unkraut und Rosen?" (S. 280) Der Titel "Gesang der Fledermäuse" hat weniger mit einer entscheidenden Rolle dieser Tiere in der Geschichte zu tun, als vielmehr mit Janinas Selbstverständnis: "Im Grunde genommen hatte ich viel gemeinsam mit ihnen [den Fledermäusen] - auch ich sah die Welt aus einer anderen Perspektive, auf den Kopf gestellt." (S. 163) Fazit "Gesang der Fledermäuse" ist tatsächlich ein guter Einstieg in das Werk von Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Die Geschichte liest sich leicht und flüssig (nur im Mittelteil etwas zäh). In die Handlung eingestreut finden sich immer wieder sprachliche und philosophische Perlen und gesellschaftskritische Einwürfe. Tokarczuks Witz gefällt mir, auch wenn ich bestimmt nicht alle Bezüge (z.B. zur polnischen Geschichte) entdeckt und verstanden habe. Dieser Roman macht auf jeden Fall Lust, noch mehr Bücher von Tokarczuk zu entdecken! Als nächstes werde ich einen Blick in das preisgekrönte Bilderbuch "Die verlorene Seele" werfen und euch natürlich hier und in den Social Media davon berichten. Habt ihr schon etwas von Olga Tokarczuk gelesen und könnt ihr es empfehlen? Ich freue mich über eure Tipps in den Kommentaren (ganz unten). PS: Herzlichen Dank an den Kampa Verlag für das Rezensionsexemplar und ein Lob für die sehr schöne Gestaltung des Buches! PPS: Die Verfilmung des Buches ist übrigens unter dem Titel "Die Spur" am 20. Januar 2020 um 22:20 (was für ein Datum! ;-)) auf Arte zu sehen! Die Fakten Gesang der Fledermäuse Olga Tokarczuk Doreen Daume (Übersetzung aus dem Polnischen) Kampa Verlag 320 Seiten Erschienen am 28.11.2019 (polnische Originalausgabe 2009) ISBN: 978-3-311-10022-5 Like it? Pin it! Magst du diesen Einblick ins Werk von Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk? Dann freue ich mich sehr, wenn du dir den Buchtipp auf Pinterest merkst.

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