Gute Nacht, Nordkorea!

04/08/2019

Manchmal lohnt es sich, in der Backlist zu stöbern: Mit "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do" von Adam Johnson, gekürt mit dem Pulitzer-Preis 2013, bin ich kein allzu grosses Risiko eingegangen.

 

 

Adam Johnsons Buch über einen Waisenjungen - der eigentlich gar kein Waise ist - aus Nordkorea stand schon einige Jahre in meinem Regal. Das #dickebüchercamp auf Instagram von Marina vom Blog Nordbreze und so hat mich dazu motiviert, den dicken Schinken endlich vom SuB (Stapel ungelesener Bücher) zu befreien. Und es hat sich für mich gelohnt!

 

Vom Nichts zum Nationalhelden

Aber nun zum Buch: Jun Do ist der Sohn eines Waisenhausleiters und einer Sängerin, die sich aus dem Staub gemacht hat, nach Pjöngjang verschleppt, in ein Lager gesteckt wurde oder was auch immer. Das weiss man in Nordkorea oft nicht so genau. Jun Do wächst mit den anderen Waisenkindern im Heim "Frohe Zukunft" auf und hat mit denselben Herausforderungen (Stigma des Waisenkindes, Hunger, harte Arbeit, kein Besitz etc.) zu kämpfen wie seine Kameradinnen und Kameraden. Zusätzlich ist er der besonders harten Behandlung seines Vaters ausgesetzt, der wohl jeden Zweifel der (innerfamiliären) Bevorzugung im Keim ersticken möchte:

 

"Nur ein wahrer Blutsverwandter würde seinem Sohn eins mit dem rauchenden Blatt der Kohlenschaufel überziehen." (S. 14)

 

Der erste Teil des Buches ist Jun Dos Aufwachsen sowie seinem Einsatz für Entführungen aus Japan und als Funker auf einem Fischkutter gewidmet. Tätigkeiten, die er sich nicht selbst ausgesucht, sondern irgendjemand aus Nordkoreas innersten Machtzirkeln für ihn vorgesehen hat. Unverhofft (aber irgendwie ebenfalls von oben gesteuert) wird er zum Helden und kann in dieser Funktion mit einer Delegation für Verhandlungen nach Texas reisen.

 

Vom Nichts zu den Mächtigen

Da Jun Do und seine Kollegen ein nicht näher benanntes Ding des Geliebten Führers Kim Jong Il nicht mit nach Hause bringen, fällt Jun Do in Ungnade und wird in ein Straflager gesteckt. Der zweite Teil des Buches widmet sich dann der Geschichte, wie es Jun Do zum zweiten Mal gelingt, vom Nichts zu einer einflussreichen Persönlichkeit zu werden. Dieses Mal schafft es Jun Do, sich eine neue Identität als Kommandant Ga zuzulegen und in dieser Rolle auch das Herz von Sun Moon, der Lieblingsschauspielerin des Geliebten Führers, zu erobern.

 

Der erste Teil ist noch stark von einem ironischen Blick (aus amerikanischer Perspektive) auf das nordkoreanische System geprägt.

 

"Schlaf gut, Pjöngjang. Du hast es dir verdient. Keine andere Nation schlummert so süss wie Nordkorea. Wenn das Licht ausgeht, ertönt in Millionen Haushalten ein kollektives, zufriedenes Seufzen, und gleich darauf sinken Millionen Köpfe auf die Kissen." (S. 402)

 

Die Tragik, der die Existenz in diesem Land ausgesetzt ist, blitzt auch in diesem Teil durch. Sie bleibt aber dadurch erträglich, dass Jun Do das scheinbar Unmögliche gelingt: sich ein Ich aufzubauen und zu bewahren, das dem diktatorischen System nicht zugänglich und auch Missbrauch, Folter, Hunger und harter Arbeit unter schwersten Entbehrungen nicht zum Opfer fällt.

 

"Eine ganze Parade zog an Ga vorüber, all die Menschen, deren Abwesenheit seine Gedanken wie leere Trockendocks besetzt gehalten hatten. Sein Leben lang hatte er die Gegenwart jener Menschen gespürt, die er verloren hatte." (S. 504)

 

Der zweite Teil wird durch sehr konkrete und realistische Schilderungen von Folter, vom Leben im Arbeitslager, von Gewalt, vom schieren Kampf ums Überleben streckenweise kaum erträglich. Aufgelockert wird das Ganze erstens durch die Lautsprecherdurchsagen des Staatssenders, denen der öffentliche und private Raum Nordkoreas permanent ausgesetzt sind und die sich teils mit der "realen" Handlung des Buches vermengen.

 

"Doch es gibt auch gute Nachrichten, Bürger! Der Scheibenwischerdieb, der die Stadt unsicher gemacht hat, ist gefasst worden!" (S. 584)

 

Zweitens kommt man als Leser*in kaum umhin, sich der pathetischen Hoffnung anzuschliessen, dass Jun Do und Sun Moon zusammen- und gemeinsam einen Weg aus dem Land finden.

 

Fazit

"Das geraubte Leben des Waisen Jun Do" hat mir insgesamt sehr gut gefallen. Die Schilderungen des Lebens in Nordkorea, der Allmacht der Mächtigen, der Wertlosigkeit des Ichs und des willkürlich von oben bestimmten Schicksals des Einzelnen sind zwar schwer zu ertragen. Aber Adam Johnson gelingt es durch seinen ironischen Blick (sowohl auf Nordkorea als auch auf den Erzfeind USA), das notwendige Gegengewicht zu schaffen. Allen, die sich für totalitäre Systeme und/oder die Bewahrung von Identität, Vertrauen, Zusammenhalt, kurz: Menschlichkeit in einem tyrannischen Umfeld interessieren, sei dieser Roman von Herzen empfohlen.

 

Die Fakten

Das geraubte Leben des Waisen Jun Do

Adam Johnson

Anke Caroline Burger (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch)

Suhrkamp Verlag

685 Seiten

Erschienen am 16.06.2016

ISBN: 978-3-518-46522-6

 

 

Leseprobe, Bestellung, Interviews und mehr auf der Website von Suhrkamp

 

 

 

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