• Eliane Fischer

Der Traum von einem Amerika ohne Rassismus

(Werbung) Mit "Nach der Flut das Feuer" wurde James Baldwin 1963 praktisch über Nacht berühmt. In seinen beiden Essays erklärt er eindringlich das Rassismus-Problem Amerikas und weshalb es beide - Schwarze und Weisse - braucht, um den strukturell verankerten Rassismus zu überwinden.



Hundert Jahre Freiheit

1963 jährte sich die Emanzipationsproklamation zum 100. Mal. Sie erklärte 1863 die Sklaven in den Südstaaten für frei. James Baldwin kommentiert dieses Jubiläum in "Nach der Flut das Feuer" mit dem Satz:


"Dieses Land feiert hundert Jahre Freiheit hundert Jahre zu früh." (S. 19)

Damit macht er klar, dass die Schwarzen Amerikaner*innen auch 1963 noch weit davon entfernt waren, gleichberechtigt mit den Weissen zu leben. Immer noch waren sie aufgrund ihrer Hautfarbe übermässiger Polizeigewalt ausgesetzt, Diskriminierung in der Schule, im Arbeitsleben, im Gesundheitssystem etc. Und wenn wir heute die Ereignisse, die Proteste rund um "Black Lives Matter" und die Aussagen der betroffenen Schwarzen Menschen und People of Color (der sogenannten #ownvoices) hören, kriegen wir den Eindruck, dass wir noch lange nicht am Ziel sind. Es bleiben nur die Hoffnung und der Kampf, dass es nicht nochmals 100 Jahre dauert, bis Rassismus keine Rolle mehr spielt - in Amerika, aber genauso in der Schweiz, in Deutschland oder Österreich.


"...und das ist das Verbrechen, das ich meinem Land und meinen Landsleuten anlaste und das weder ich noch die Zeit noch die Geschichte ihnen jemals vergeben wird -, dass sie hunderttausendfach Leben zerstört haben und immer noch zerstören und nichts davon wissen und nichts davon wissen wollen." (S. 16)

Signalfeuer in der Dunkelheit

"Nach der Flut das Feuer" (im Original: The Fire Next Time) besteht aus zwei Essays. Im ersten richtet sich James Baldwin an seinen Neffen James. Darin analysiert er, wie Rassismus wirkt und was er für die Betroffenen wie seinen Neffen bedeutet. Das ist nicht nur entlarvend, das ist auch richtig deprimierend und gibt zu denken.


"Du bist in eine Gesellschaft hineingeboren, die Dir mit brutaler Offenheit und auf vielfältigste Weise zu verstehen gibt, dass Du ein wertloser Mensch bist." (S. 17)

Im zweiten Essay erzählt James Baldwin viel darüber, wie er als Schwarzer Junge in Harlem aufgewachsen ist, wie er zum Prediger wurde und dann einen anderen Weg in Richtung Schriftsteller einschlug, wie es historisch überhaupt zum Rassismus kam und wie es Amerika gelingen könnte, den Rassismus zu überwinden.


Seine Schilderungen der Situation in den 1960er-Jahren sind sehr eindringlich und machen deutlich, WIE stark rassistische Stereotypen wirken. WIE bestimmend struktureller Rassismus für das Leben der Schwarzen Menschen war und ist. Es handelt sich eigentlich um eine ständige Bombardierung, nicht "nur" mit offenem Rassismus und vielleicht nicht mal böse gemeinten Alltagsrassismen. Rassismus wirkt von Anfang an, ganz, ganz tief über die Sozialisierung, über die angepassten Wünsche, über die Anpassung des Denkbaren an die Vorstellungen und Werte der dominanten weissen Mehrheit.


"Nie würden wir unseren Verhältnissen entkommen, indem wir arbeiteten und jeden Penny sparten; nie würden wir durch Arbeit so viele Pennys zusammenbekommen, und ausserdem zeigte doch die Haltung der Gesellschaft selbst gegenüber den erfolgreichsten Schwarzen, dass wir, um frei zu sein, mehr brauchten als ein Bankkonto." (S. 22)

Und trotz dem Hass, den Baldwin von den Weissen spürte, trotz der dauernden Erniedrigungen, der Gewalt und der Ignoranz, verfiel er selbst nicht dem Hass. Das wäre für mich durchaus nachvollziehbar gewesen.


"Es erfordert grosse geistige Widerstandskraft, den Hassenden nicht zu hassen, dessen Fuss man im Nacken hat, und ein sogar noch grösseres Wunder an Milde und Einsicht, den Kindern beizubringen, dass sie nicht hassen sollen." (S. 68)

Vielmehr vertritt er im Buch die Überzeugung, dass sich beide - Schwarze und Weisse - gemeinsam befreien müssen.


Der Preis für die Befreiung der Weissen ist die Befreiung der Schwarzen..." (S. 66)

Nicht immer habe ich ganz verstanden, was Baldwin uns sagen möchte. Nicht alle Bezüge erschliessen sich Leser*innen, die sich erst neu mit dem Thema auseinandersetzen. Und nicht immer wusste ich seine Aussagen als ironisch oder ernst zu deuten. Dennoch vermittelt Baldwins Text sehr eindrücklich, was es hiess (und immer noch heisst), als Schwarzer Mensch in einer Gesellschaft zu leben, die voll ist von strukturellem Rassismus, in der kein Tag vergeht, an dem man sich seiner Zugehörigkeit zu einer diskriminierten Minderheit und seiner Hautfarbe nicht bewusst sein muss. Denn wie zum Beispiel auch Tupoka Ogette in "Exit Racism" klar macht: Sich seiner Hautfarbe nicht bewusst zu sein, ist ein Privileg. Ein Privileg, das in Amerika wie in Europa nur die weissen Menschen geniessen.


Sehr erhellend und hilfreich zur Einbettung der beiden Texte von Baldwin sind auch das Vorwort von Jana Pareigis und das Nachwort von Übersetzerin Miriam Mandelkow zur Verwendung des N-Worts.


Fazit

James Baldwins "Nach der Flut das Feuer" ist eine äusserst lesenswerte Auseinandersetzung mit dem Rassismus im Amerika der 1960er-Jahre. Die beiden Essays und die darin enthaltenen Analysen weisen aber weit ins 21. Jahrhundert hinein und weit über Amerika hinaus. Kein Wunder, sind sie zu Grundlagentexten für viele rassismuskritische Texte geworden. Für alle, die sich für die Problematik interessieren, sich des strukturellen Rassismus auch in unserer Gesellschaft bewusst werden wollen und nicht vor komplexen Texten zurückschrecken, empfehle ich Baldwins Werk sehr.


Die Fakten

Nach der Flut das Feuer

James Baldwin

Miriam Mandelkow (Übersetzung aus dem Englischen)

Jana Pareigis (Vorwort)

dtv

128 Seiten

Erschienen am 31.01.2019

Hardcover

ISBN: 978-3-423-28181-2


(E-Book, ISBN: 978-3-423-43585-7)


PS: Im Bild ist neben dem Hardcover auch das E-Book. Der E-Reader wurde mir von PocketBook zur Verfügung gestellt, das Rezensionsexemplar von dtv.



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