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Namen unbekannt - eine Neuentdeckung!

Endlich eine weibliche Stimme aus der Dust Bowl! Die US-amerikanische Journalistin und Autorin Sanora Babb hat "Namen unbekannt" eigentlich schon 1939 geschrieben, veröffentlicht wurde ihr Roman aber erst 2004 auf Englisch und nochmals 20 Jahre später auf Deutsch!


Namen unbekannt - Sanora Babb (Reclam 2024)

Die sogenannte Dust Bowl waren in den 1930er Jahren - also in der Zeit der Weltwirtschaftskrise - Gebiete in den USA (Kansas, Oklahoma, Texas, Colorado und New Mexico) und Kanada, die von verheerenden Dürren und Staubstürmen betroffen waren. Das Problem war neben der ausserordentlichen Trockenperiode v.a. menschgemacht. Denn die Farmer:innen, die aus dem Osten der USA nach Westen gelockt wurden, öffneten mit ihren neuen Anbaumethoden der Bodenerosion Tür und Tor.


Zu den bekanntesten Stimmen aus jener Zeit gehören wohl der Singer-Songwriter Woodie Guthrie und - wenn auch aus Kalifornien - Schriftsteller John Steinbeck, der mit seinem Roman "Früchte des Zorns" ("Grapes of Wrath" (1939)) weltberühmt wurde und 1962 den Literaturnobelpreis gewann.


Und genau dieses Buch wurde Sanora Babb zum Verhängnis. Babb wuchs in der Dust Bowl (in Oklahoma) auf und zog später nach Kalifornien, wo sie als Sozialarbeiterin in den Camps die Arbeitsmigrant*innen unterstützte, die aus der Dust Bowl nach Kalifornien geflohen waren. Die genauen Abläufe sind nicht bekannt, aber sowohl Lawrence R. Rodgers, der das Vorwort zur englischen Version "Whose names are unknown" schrieb, als auch Filmemacher Ken Burns berichten, dass (vgl. The Dust Bowl von Ken Burns) ihr Chef Tom Collins ihre Journalnotizen einem gewissen John Steinbeck weitergegeben habe. Im Winter 1939 veröffentlichte Steinbeck seinen Roman, der sofort zum Bestseller und im Jahr darauf auch verfilmt wurde. Babbs Verleger hatte 1939 die ersten Kapitel ihres Romans über die Dust Bowl gelesen und war begeistert. Doch nach dem Erfolg von Steinbecks Buch meinte er, es sei kein Platz auf dem Markt für einen weiteren Dust-Bowl-Roman. Und so dauerte es bis 2004, kurz vor Sanora Babbs Tod, bis "Namen unbekannt" endlich publiziert wurde.


Mehr erfahrt ihr im Gespräch zwischen Magdalena Birkmann und Mareike Fallwickl, die das Nachwort zur deutschen Übersetzung von Sabine Reinhardus verfasst hat.


Die Legende vom Yeoman

Aber genug der Vorrede, kommen wir zum Buch: Sanora Babb schildert darin das Leben der Familie Dunne, die als Farmer in einem Dugout (eine halb im Boden versenkte Hütte) im Oklahoma Panhandle lebt und mehr und mehr mit der Wirtschaftskrise und den Staubstürmen der 1930er-Jahre zu kämpfen hat. Sehr eindringlich schildert Babb in der dritten Person, aber aus wechselnden Perspektiven, den Alltag der Familie, ihre Hoffnungen, ihren täglichen Kampf mit den Bedingungen und ihren Verlusten. Dabei wird neben Widernissen der Natur und den alltäglichen Herausforderungen auch Kritik am Wirtschaftssystem sowie am "Homestead Act" deutlich. Dieses Gesetz sollte Siedler:innen in die bisher von den Natives bewohnten und bewirtschafteten Gebiete der Great Plains locken. Das Land, das sie dort bewirtschafteten, gehörte automatisch ihnen.


"»Wenn wir größer sind, finden wir vielleicht was, um dir aus der Klemme zu helfen«, sagte Myra.»Wer weiß, wer weiß. Vielleicht macht ihr die Welt mal besser. Irgendwie ist vieles aus dem Lot geraten.«" / S. 38

Unabhängig, stolz und glücklich sollten sie als Farmer:innen (sogenannte Yeoman) auf ihrem eigenen Land leben. Doch das Vertreiben der Natives, der Bisons und die Umwandlung des Graslandes der Prärie in Farmland sollte sich bitter rächen. Denn nun waren der Erosion des Bodens keine Grenzen mehr gesetzt und die Stürme vernichteten die meisten Ernten, füllten die Häuser mit Staub, machten Mensch und Tier krank und töteten zahlreiche. So sahen sich viele Familien gezwungen, die Great Plains zu verlassen. Ein Grossteil zog weiter in Richtung Westen.


"Alles, was Menschen zum Lachen und Singen brachte und ihr Bewusstsein und ihre Gefühle ansprach – das alles war falsch. Wissen war etwas Gefährliches, denn es säte Zweifel. Und Zweifel und Fragen waren nur etwas für Scharlatane. Ein guter Mensch dagegen musste durchhalten und erdulden, musste schwere und traurige Erfahrungen machen." / S. 55f

Im zweiten Teil des Romans zieht es auch Familie Dunne mit ihren Töchtern Lonnie und Myra nach Kalifornien. Ihre verwitwete Nachbarin und eine junge Frau aus besserem Hause, die die Unabhängigkeit und das Stadtleben sucht, begleiten sie.


"»Ich möcht mal wissen, was wir Amerikaner machen, wenn uns irgendwann der Westen ausgeht, in den wir weiterziehen können«, sagte der alte Dunne." / S. 139

Als Wanderarbeiter:innen versuchen die Erwachsenen, sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Als Erntehelfer:innen ziehen sie von Plantage zu Plantage. Der Traum davon, sich ein besseres Leben aufzubauen, rückt allerdings in immer weitere Ferne, werden sie doch äusserst schlecht entlohnt von den unsichtbaren Grossunternehmen, müssen in Flüchtlingslagern hausen, haben kaum genug zu essen und werden werden als "Okies" von den angestammten Kalifornier:innen gemieden, ausgeschlossen und immer wieder vertrieben. Ob ein Streik hilft und zur dringend nötigen Lohnerhöhung führt? Das müsst ihr euch selber erlesen.


"Von Süden nach Norden reihten sich die Täler in schwungvollen Kurven aneinander wie ein längliches, grünes, blühendes Gefäß, in dem Nahrung für eine ganze Nation wuchs, während der Hunger den Körper und Geist dieser Arbeiter zermürbte." /S. 286

Fazit

Sanora Babb hat mit "Namen unbekannt" einen eindringlichen Roman über die Klimaflüchtlinge der 1930er-Jahre geschrieben. Durch das Schildern des alltäglichen Kampfes ums Überleben - sei es nun als Farmer:innen in der Dust Bowl oder als Wanderarbeiter:innen in Kalifornien - thematisiert sie auch die grossen gesellschaftlichen Verwerfungen entlang von Kapitalismus, Patriarchat, Religion und der Legende, dass allein der Arbeitswille zähle, um ein gutes Leben zu führen. Ich kann euch diesen Klassiker aus weiblicher Perspektive nur herzlich empfehlen!



Die Fakten

Sanora Babb

Sabine Reinhardus (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch)

Mareike Fallwickl (Nachwort)

Reclam Verlag

304 Seiten

Erschienen am 20.03.2024

Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

ISBN: 978-3-15-011471-1





PS: Herzlichen Dank an den Reclam Verlag für das digitale Rezensionsexemplar. Die Seitenzahlen beziehen sich auf das E-Book, können also von der Printversion abweichen.



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