Ich bleibe hier

Marco Balzano hat mit "Ich bleibe hier" einen Roman geschrieben übers Bleiben, übers Überdauern. Ein Buch gegen das Vergessen und gleichzeitig fürs Vorwärtsschauen.


Ich bleibe hier - Marco Balzano (Diogenes 2020)

Wart ihr schon einmal im Südtirol in den Ferien? Dann wart ihr vielleicht auch am Reschensee und habt den halb versunkenen Kirchturm von Graun bestaunt? Bei mir ist das zugegebenermassen schon sehr lange her und ich habe keine Erinnerung mehr daran. Nach der Lektüre von Marco Balzanos Bestseller "Ich bleibe hier" möchte ich den historisch beladenen Ort unbedingt wieder einmal besuchen. Allerdings käme ich mir als Touristin mit dem jetzigen Wissen über die Umstände, die nach dem Zweiten Weltkrieg zum Versinken der Kirche und der Dörfer Reschen und Graun geführt haben, wohl auch ziemlich merkwürdig vor.

Eliane 1985 im Südtirol (Copyright: Eliane Fischer)

Reales und Fiktives vereint

Aber kommen wir zum Buch: Der italienische Autor Marco Balzano stand 2014 erstmals vor dem überfluteten Kirchturm. Er war so fasziniert, dass er in der Folge alles darüber las und mit Zeitzeug*innen und Expert*innen sprach. Der Bau des Staudamms nach dem Zweiten Weltkrieg, der zur Überflutung der südtiroler Dörfer Graun und Reschen führte, ist denn auch Dreh- und Angelpunkt seines Romans "Ich bleibe hier".


Im Zentrum des Buches steht Ich-Erzählerin Trina. Sie erzählt in Briefen an ihre Tochter Marica von ihrer Jugend, ihrer Heirat und Familiengründung in Graun und von den ganzen Wirren, Verlusten, schweren Entscheidungen, Gefahren und vom Schmerz, die Faschismus und Nationalsozialismus mit sich brachten.


Kurz nach Abschluss ihrer Ausbildung zur Lehrerin kamen die Faschisten in Italien an die Macht. An der örtlichen Schule Deutsch zu unterrichten war damit undenkbar, ja verboten. Das Südtirol wurde unter Mussolini Italianisiert, nicht einmal mehr Deutsch sprechen durften die Südtiroler*innen. Trina und ihre Freundinnen Maja und Barbara unterrichteten trotzdem, in sogenannten Katakombenschulen, geheimen Schulen z. B. in Kellern oder Heuschobern. Ein gefährliches Unternehmen, bei dem Gefängnis, Schläge oder Verdammung drohen konnten.


Gehen oder bleiben?

Bereits in der Zeit wanderten einige Familien nach Deutschland oder Österreich aus. Trinas Vater entschied sich aber zum Bleiben. Hinzu kam der drohende Bau eines Staudamms, der die Gemeinden Graun und Reschen künftig hätte gefährden können. Doch mit Ausnahme einiger weniger glaubte niemand so recht, dass der Damm tatsächlich gebaut würde.


"Allmählich glich unsere Wut der Melancholie, sie explodierte nie. Auf Adolf Hitler zu hoffen war die einzige Rebellion." (S. 71)

Der Einmarsch der Nationalsozialisten im Südtirol 1939 erschien manchen schon wie eine Erlösung. Endlich durften sie wieder Deutsch sprechen und der Staudammbau rückte auch erst einmal in den Hintergrund. Hitler bot den Familien an, nach Deutschland auszuwandern. Das Dorf teilte sich in "Optant*innen" und "Dableiber*innen." Trina, inzwischen mit Erich verheiratet und Mutter von Michael und Marica, zählte zu Letzteren. Im Verlauf des Buches zeigt sich äusserst schmerzhaft, dass der Graben nicht nur durch das Dorf lief, sondern auch durch Trinas Familie.


1942 trat auch Italien in den Krieg ein, Erich wurde eingezogen. Später meldete sich Trinas Sohn Michael freiwillig zum Dienst auf Seiten der Nationalsozialisten und auch der Bau des Staudamms wurde wieder aufgenommen. Wir erleben aus der Perspektive von Trina hautnah, wie sie und ihre Familie zum Spielball des Krieges und wirtschaftlicher Mächte werden, wie verschiedene Bevölkerungsgruppen und Sprachen gegeneinander aufgehetzt werden, wie Familien zerrissen und Menschen ihrer Rechte, ihrer Habseligkeiten, ihrer Kultur und ihres Landes beraubt werden. Was es mit dem eingangs erwähnten Blick nach vorne auf sich hat, erfahrt ihr bei der Lektüre.


Marco Balzano verwebt in seinem Roman äusserst spannend die geschichtlichen Ereignisse rund um das Bergdorf Graun mit einer fiktiven Familiengeschichte. Besonders angesprochen - aber auch irritiert - hat mich die weibliche Perspektive von Trina, einer starken Frau, die aber doch weitgehend von den Entscheidungen von Männern abhängig war - seien es der Vater, der Ehemann, die Bauern im Dorf, ihr Sohn oder Polizisten, Richter, der Pabst oder Diktatoren.


Balzanos Sprache ist einfach und flüssig. Er erzählt schnell und ohne grosse Ausschweifungen, durchsetzt von vielen Dialogen. Durch Trinas Perspektive sind wir emotional ganz nah dran und werden sofort in den Bann gezogen von der Geschichte, eingebettet in historische Tatsachen. Die knapp 300 Seiten von "Ich bleibe hier" lohnen sich, nehmen mit und sind ein wichtiges Plädoyer gegen das Vergessen.


Fazit

Marco Balzano hat mit "Ich bleibe hier" einen äusserst packenden Roman geschrieben. Er verbindet eine fiktive Familiengeschichte mit den historischen Ereignissen rund um den Zweiten Weltkrieg in einem kleinen südtiroler Bergdorf. Im Fokus steht mit Trina eine starke, aber auch ambivalente Frauenfigur. Ein Roman gegen das Vergessen, über die Bedeutung von Heimat und die Wirkung von Sprache. Und ein Buch, das den Blick der Leser*innen auf den Kirchturm im Reschensee für immer verändern wird.



Die Fakten

Ich bleibe hier

Marco Balzano

Maja Pflug (Übersetzung aus dem Italienischen)

Diogenes

288 Seiten

Erschienen am 24.06.2020

Hardcover Leinen

ISBN: 978-3-257-07121-4


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Ich bleibe hier - Marco Balzano (Diogenes 2020)



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