top of page

Ours. Die Stadt

  • vor 3 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

(Werbung) "Ours. Die Stadt" von Phillip B. Williams hat mich aufgrund des Autors und des Romansettings in der Nähe von St. Louis, Missouri, in den 1830er-Jahren sofort interessiert. Gelesen habe ich es denn auch auf der Reise durch Illinois, Missouri und weitere US-Bundesstaaten. Ob der Roman meinen Erwartungen standhielt, erfahrt ihr in diesem Beitrag.


Ours. Die Stadt - Phillip B. Williams (S. Fischer 2024)

Wie regelmässige Blogleser*innen wissen, habe ich 2,5 Jahre im Midwest der USA, unweit von Chicago verbracht. Von dort stammt auch der Schwarze Autor Phillip B. Williams, der vor seinem Debütroman "Ours. Die Stadt" mit zwei Gedichtbänden in Erscheinung trat und Kreatives Schreiben unterrichtet.



Eine geheime Stadt für Schwarze

Die Prämisse des Romans könnte spannender nicht sein: Wir befinden uns in einer geheimen Stadt nördlich von St. Louis, Missouri. Gegründet hat diese Stadt Saint, eine entkommene Sklavin, die zahlreiche weitere Sklav:innen befreit und für sie die Stadt Ours gegründet hat. Die Stadt findet sich auf keiner Landkarte und ist durch Saints Zauber geschützt, so dass sie für Weisse nicht zugänglich ist und die Schwarze Bevölkerung in Sicherheit leben kann.


"Auf der Ross-Plantage in Hinton, Arkansas, hatte alls seinen Anfang genommen. Eines Nachts schien Saint sich aus ihrem gesammelten Leid heraus zu materialisieren, in Gestalt einer Frau, die genauso angezogen war wie sie selbst." / S. 15

Aus unterschiedlichen Perspektiven begleiten wir Saint, ihren mysteriösen stummen Begleiter und ihre, sagen wir, speziellen Zwillingstöchter sowie die restliche Dorfgemeinschaft durch die Jahrzehnte. Phillip B. Williams erzählt in epischer Länge, voller mystischer Elemente, die an magischen Realismus erinnern, von der Gegenwart der Schwarzen Gemeinschaft, aber auch von der Vergangenheit - von Saints Überfahrt von Afrika nach Nordamerika, von ihrer Befreiung und ihrer durchaus blutigen Reise nach Ours.


"In vielerlei Hinsicht war sie [Saint, A.d.R.] ihnen eine Ressource geworden, um die Welt, von der sie ausgeschlossen gewesen waren, besser zu verstehen, vor allem aber half sie ihnen, Teile ihrer selbst wiederzufinden, von denen sie vergessen hatten, dass sie zu ihnen gehörten, allen voran die Entschlossenheit." / S. 29


Zwischen Freiheit und Sicherheit

Saint ist eine Art Retterin mit übernatürlichen Kräften, die sie aus ihrer Vergangenheit zu schöpfen scheint. Doch mit der Zeit beginnt der Schutz durch Saint zu bröckeln. Zudem stellt sich, besonders für die jüngeren Bewohner:innen von Ours, die Frage, ob das Leben in Sicherheit auch ein Leben in Freiheit bedeutet. Und so beginnen einige der Bewohner:innen langsam auszubrechen, machen Reisen in die Aussenwelt. Diese ist rassistisch und teils gefährlich, sicher. Aber sie bietet eben auch mehr als Ours, eine andere Art der Freiheit.


"Freiheit war nicht gleichbedeutend mit Sicherheit. Saint wollte für beides sorgen. Doch sie musste feststellen, dass sie sich in die Menschen, die sie gerettet hatte, verliebte, und wenn es etwas gibt, das auf noch erschütterndere Weise unberechenbar ist als Freiheit, dann ist es Liebe." / S. 45


Ours. Die Stadt - Phillip B. Williams (S. Fischer 2024) - Leseprobe von Book 2 Look.

Saint versucht mit all ihren irdischen und übersinnlichen Kräften, ihre Stadt beisammen zu halten und zu schützen. Ob ihr das gelingt? Das müsst ihr in "Ours. Die Stadt" selber herausfinden. Neugierig, wie das so klingt? Dann werft doch mal einen Blick in die Leseprobe von Book 2 Look*.


Phillip B. Williams erzählt die Geschichte von Ours wahrlich auf epische Art und Weise. Langsam führt er uns an die verschiedenen Protagonist:innen heran, gibt uns Einblicke in ihre nahe und fernere Vergangenheit. Spinnt und verknüpft Fäden über Leben, Generationen, Kontinente und Kulturen hinweg. Nicht alle Fäden werden entwirrt. Die Lektüre verlangt einem einiges an Toleranz gegenüber Leerstellen und unbekannten Symboliken ab. Phillip B. Williams erzählt eine Geschichte der Selbstermächtigung, des Lösens und Überwindens von Fesseln, die den aus Afrika eingeschleppten Sklav:innen, aber auch den Natives Nordamerikas, über Jahrhunderte angelegt wurden. Die Szenen, wo sich (ehemalige) Sklav:innen mit Natives (z.B. den Choctaws) verbinden, strahlen denn auch eine besondere Kraft aus.


Milena Adam hat das sehr poetisch und anspruchsvoll geschriebene Buch grandios ins Deutsche übertragen. Kritisieren würde ich (wie z.B. auch bei "James" von Percival Everett in der Übersetzung von Nikolaus Stingl) die Verwendung gewisser rassistischer Begriffe wie "Farbige", das I- und das N-Wort in unterschiedlichen Varianten. Sie wurden in der damaligen Zeit bestimmt auch so verwendet und Phillip B. Williams tut es auf Englisch ebenfalls. Trotzdem bin ich der Auffassung, dass wir auf Deutsch, wenn immer möglich, neue, nicht retraumatisierende Begriffe, Schreibweisen oder Platzhalter verwenden sollten. Die Begriffe, ihre besondere Schreibweise und die Gründe dafür könnten in einem Vorwort zur Übersetzung einfach erläutert werden.


Fazit

Auch wenn ich viele Anspielungen, Metaphern und Symboliken - basierend auf dem kulturellen Erbe von Black Americans und Natives - nicht verstanden habe, blieb die Lektüre ein Genuss. Zugegeben, ziemlich anstrengend, aber auch mit für mich völlig neuen Perspektiven und Einsichten. "Ours. Die Stadt" von Phillip B. Williams wäre der perfekte Stoff für ein Seminar über afroamerikanische Literatur oder einen Lesekreis, der sich gerne mit Literatur Schwarzer Autor:innen und mit der Zeit der Sklaverei vor dem US-Bürgerkrieg auseinandersetzen möchte.


Die Fakten

Phillip B. Williams

Milena Adam (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch)

S. Fischer

704 Seiten

Erschienen am 09.10.2024

Hardcover

ISBN: 978-3-10-397609-0





PS: Herzlichen Dank an Netgalley DE und S. Fischer für das elektronische Leseexemplar. Die Seitenzahlen beziehen sich auf das E-Book und können von der Printversion abweichen.


Weitere Romane von Schwarzen Autor:innen



Weitere Romane, die in den USA spielen



*Links mit * sind Affiliate-Links / Werbelinks. Wenn du das Buch über diesen Link kaufst, bekomme ich vom jeweiligen Shop eine kleine Provision. Am Buchpreis ändert sich für dich nichts. Du hilfst mir aber so, den Blog ein kleines Bisschen zu refinanzieren. Vielen Dank!


Kommentare


NEUE BEITRÄGE

Ich will den Newsletter!

bottom of page